Montag, 27. Januar 2020

Mehr große Deals in 2019 Deutsche Start-ups sammeln Rekordsumme von 6,2 Milliarden Euro ein

Allein der Fernbusbetreiber Flixmobility soll im vergangenen Jahr 500 Millionen Euro frisches Kapital bei Investoren eingesammelt haben
Vit Simanek/ AP
Allein der Fernbusbetreiber Flixmobility soll im vergangenen Jahr 500 Millionen Euro frisches Kapital bei Investoren eingesammelt haben

Junge Unternehmen in Deutschland haben im vergangenen Jahr 6,2 Milliarden Euro frisches Geld von Investoren eingesammelt. Das sind 36 Prozent mehr als 2018 und so viel wie nie zuvor. Die Zahl der Finanzierungsrunden kletterte mit 10 Prozent deutlich moderater auf 704. Das geht aus dem am Dienstag veröffentlichten "Start-up-Barometer Deutschland" der Unternehmensberater von EY hervor, das manger magazin vorliegt.

Kapital ist für junge Unternehmen existenziell. Denn zumeist schreiben sie noch keine Gewinne, benötigen aber Geld, um zu wachsen und ihrer Geschäftsidee zum Erfolg zu verhelfen. Das Problem: Die großen Summen in Deutschland investieren zumeist ausländische Kapitalgeber. Das Geld und das damit mögliche Wachstum sind zudem regional extrem ungleich verteilt.

Berlin - und dann lange nichts

Das meiste Geld strichen im vergangenen Jahr einmal mehr Start-ups in Berlin ein - nämlich 3,7 Milliarden Euro in 262 Finanzierungsrunden, ein Plus von 42 Prozent. Fast drei von fünf hierzulande in junge Firmen investierte Euros flossen damit in Start-ups in der Hauptstadt.

Die Dominanz Berlins ist bemerkenswert, denn vielleicht mit Ausnahme von Bayern (plus 93 Prozent auf 1,55 Milliarden Euro) kommt dann lange nichts, liegen andere Regionen und Städte weit abgeschlagen.

Im größten Bundesland NRW etwa kletterten die Investitionen um überschaubare 10 Prozent auf 268 Millionen Euro. In Baden-Württemberg konnte sich das Investitionsvolumen zwar verdreifachen, blieb mit 209 Millionen Euro aber ebenfalls weit hinter Berlin und Bayern. Weniger Geld sammelten im vergangenen Jahr junge Unternehmen in Hamburg (minus 54 Prozent auf 254 Millionen Euro) und Hessen (minus 44 Prozent auf 73 Millionen Euro) ein.

Mobilitätsanbieter sammelten das meiste Geld ein

Für das starke Plus in Bayern sorgte vor allem der Mobilitätsanbieter Flixmobility. Der Flixbus-Betreiber soll laut Medienberichten in einer Finanzierungsrunde 500 Millionen Euro eingesammelt haben - die größte je an ein deutsches Start-up geflossene Summe. Das Berliner Reise-Start-up GetYourGuide kann auf eine 428-Millionen-Euro-Finanzierung in 2019 zurückblicken. Die Berliner Gebrauchtwagenplattform Frontier Car Group spielte 361 Millionen ein.

"Der Finanzierungsboom hält unvermindert an", stellt EY-Deutschland-Chef Hubert Barth fest und räumt zugleich ein: "Erneut sorgten vor allem einige sehr große Deals vornehmlich ausländischer Geldgeber für den Investitionsrekord." Immerhin hat sich die Anzahl der größeren Deals mit einem Volumen von mehr als 100 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr auf 13 etwas mehr als verdoppelt.

Bei größeren und vor allem ganz großen Deals kommen die Geldgeber ganz überwiegend aus dem Ausland. "Hierzulande gibt es kaum Adressen, die Finanzierungen über 50 Millionen Euro anbieten", sagt Peter Barkow, Gründer des Analysehauses Barkow Consulting. Finanzstarke und zumeist international tätige Investoren aus den USA, Großbritannien sowie Asien seien insbesondere an sehr großen Transaktionen interessiert, sagt EY-Partner Peter Lennartz. Das liege auch daran, dass Start-ups in Europa niedriger bewertet seien als im Silicon Valley und der Einstieg entsprechend günstiger.

Mit Blick auf einzelne Branchen floss das meiste Geld mit 1,6 Milliarden Euro an junge Mobilitätsanbieter, vor allem bedingt durch die beiden Mega-Finanzierungen für FlixMobility und GetYourGuide. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das fast einer Vervierfachung.

Fintechs und Software-Unternehmen belegten im Branchenranking mit 1,3 und 1,2 Milliarden Euro die Plätze zwei und drei. Das Fintech-Segment konnte dabei sein Finanzierungsvolumen fast verdoppeln (95 Prozent), die Zahl der Finanzierungsrunden stieg hier um rund ein Viertel auf 67.

Der Fokus der Investoren verändert sich

Die Start-up-Szene habe sich im vergangenen Jahr weiter ausdifferenziert, während sich der Fokus der Investoren zugleich verändert habe, beobachtet Lennartz. Die EY-Experten sehen ein steigendes Interesse gerade an hochinnovativen Technologie-Geschäftsmodellen. "SaaS (Software as a Service), Analytics und Künstliche Intelligenz sind groß im Kommen und profitieren aktuell von hohen Bewertungen", so Lennartz. E-Commerce trete etwas in den Hintergrund, bleibe aber ein starkes Segment. Im Bereich Fintech wiederum werde sich im laufenden Jahr aufgrund eines Überangebotes an Anbietern "vermutlich eine Konsolidierung ergeben."

rei

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