Wölbern-Prozess Staatsanwalt fordert 12 Jahre Haft - und Schulte zwinkert ins Publikum

Schwere Vorwürfe vom Staatsanwalt: Heinrich Maria Schulte soll laut Plädoyer des Anklägers für zwölf Jahre hinter Gitter

Schwere Vorwürfe vom Staatsanwalt: Heinrich Maria Schulte soll laut Plädoyer des Anklägers für zwölf Jahre hinter Gitter

Foto: DPA

Um 14.35 Uhr am Mittwochnachmittag kommt Heyner Heyen endlich zum Punkt. "Der Angeklagte ist schuldig der Untreue in 327 besonders schweren Fällen", sagt der Staatsanwalt und leitet damit den Teil seines Plädoyers ein, der die rechtliche Würdigung des Falles Heinrich Maria Schulte enthält.

Schulte habe von August 2011 bis September 2013 insgesamt 147 Millionen Euro aus geschlossenen Immobilienfonds des Emissionshauses Wölbern Invest abgeschöpft und unrechtmäßig verwendet, so der Staatsanwalt. 31 Millionen davon seien wieder zurückgeführt worden, sodass offene Verbindlichkeiten gegenüber den Fonds und ihren Anlegern in Höhe von 115,9 Millionen Euro blieben.

Seine Handlungen habe Schulte zudem "gewerbsmäßig" unternommen, so der Staatsanwalt, denn der frühere Inhaber und Chef von Wölbern Invest habe sich damit eine dauerhafte Einnahmequelle verschafft. Zudem unterstellt Heyen dem Angeklagten "direkten Vorsatz". Schulte seinerseits bestreite die Vorwürfe bis heute.

Dann der Moment auf den alle warten: Am Ende seines etwa zweistündigen Vortrags listet der Staatsanwalt sämtliche 327 Einzeltaten auf, die er Schulte zur Last legt, und nennt die aus seiner Sicht jeweils angemessene Strafe. In der Summe, so Heyen schließlich, beantrage er für den Medizinprofessor und Finanzunternehmer eine Haftstrafe von zwölf Jahren.

Schulte aufmerksam, aber regungslos

Der Angeklagte, der dem Staatsanwalt im mit etwa 20 Zuschauern gut gefüllten Saal 378 des Langerichts am Hamburger Sievekingplatz direkt gegenüber sitzt, nimmt die Worte Heyens beinahe reglos zur Kenntnis. Schulte - dunkler Anzug, blaues Hemd, silberne Krawatte - hat dem Plädoyer aufmerksam gelauscht. Zwischendurch ein leichtes Kopfschütteln, am Ende ein kurzes Zwinkern ins Publikum, mehr Reaktion ist jedoch kaum zu erkennen.

Dabei hat der Staatsanwalt einiges aufgefahren: Heyen lässt noch einmal den kompletten Fall Wölbern Invest Revue passieren, vom Kauf des Bankhauses Wölbern durch den Mediziner und Finanzinvestor Schulte im Jahr 2006 über die offensichtlich werdenden Liquiditätsprobleme etwa ab 2008 und die drohende Insolvenz bis zu den gegenwärtig vor Gericht zur Verhandlung stehenden Aktivitäten Schultes und seiner Berater von 2011 bis 2013.

Im Großen und Ganzen wiederholt der Staatsanwalt, was er bereits in der Anklageschrift zu Beginn des Prozesses festgehalten hat. Die Vorwürfe hätten sich während der Verhandlung bestätigt, sagt er gleich zu Beginn.

Ex-Wölbern-Chef Schulte habe die Millionen aus den Fonds von vornherein mit krimineller Absicht entnommen, so Heyen. Mit Hilfe seiner Berater habe er ein System zur Täuschung und Verschleierung entworfen. Viele Millionen Euro habe er für private Zwecke verwendet, und dass offenbar ohne jegliche Bedenken. Kein einziger Cent dagegen sei so angelegt worden, wie dies der Angeklagte vorgegeben habe, nämlich entweder in Form festverzinslicher Bankanlagen oder in Form von Darlehen an andere Wölbern-Fonds.

Schulte ging es laut Staatsanwalt stets nur um zweierlei

Eine Chance auf Rückzahlung der Gelder, so der Staatsanwalt, habe zu keinem Zeitpunkt bestanden. Anfang 2012 seien zwar rund 60 Millionen Euro zurück auf die Konten der Fonds geflossen. Das Geld sei jedoch am gleichen Tag in gleicher Höhe wieder abgezogen worden - eine Zirkelbuchung, die laut Heyen der Täuschung dienen sollte.

2011, so wirft es der Staatsanwalt Schulte vor, seien bereits mehr als 60 Millionen Euro aus Fonds entnommen worden, noch bevor auch nur ein Fondsgesellschafter darüber informiert oder um seine Zustimmung gebeten worden wäre.

2012 und 2013 dann, nachdem Gerichte gegen die Einrichtung des sogenannten Liquiditätsmanagementsystems oder "Cashpools" eingeschritten waren, versuchte Schulte laut Staatsanwalt Heyen, seinen Finanztransaktionen auf andere Weise eine "Scheinlegitimation" zu verleihen: Er entwarf Anleihen, die von den Fonds angeblich gezeichnet wurden. Die dazu gehörigen Zeichnungsscheine jedoch sowie die zugrundeliegenden Vertragsunterlagen, so der Staatsanwalt, seien offensichtlich erst nachträglich erstellt worden und mithin gefälscht. Zudem seien die angeblichen Sicherheiten nicht werthaltig gewesen.

Um seine Aktivitäten ungestört durchführen zu können, so der Staatsanwalt, habe sich Schulte selbst an die entscheidenden Positionen im Management der Wölbern-Gruppe sowie der Fonds gesetzt. Kritiker dagegen wurden ruhig gestellt sowie aus dem Unternehmen entfernt.

Unterm Strich, sagt Staatsanwalt Heyen, sei es Schulte stets nur um zweierlei gegangen: Um sich selbst und um seine medizinischen Projekte. So habe der Angeklagte enorme Summen für seinen aufwendigen Lebensstil verwendet. Ebenso sei viel Geld in die von Schulte mitaufgebaute Medizin-Unternehmensgruppe Medivision sowie in die Forschung an einem Mittel gegen Blasenkrebs geflossen, die Schulte mit Unternehmen in Finnland betrieb.

Das alles ist zunächst nur die Sicht der Anklage. Was noch fehlt ist die Erwiderung durch Schultes Verteidiger und vor allem der abschließende Richterspruch. Nächster Verhandlungstermin ist der 13. April. Dann sollen Schultes Anwälte ihr Plädoyer halten.


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