Anlageskandal Dima24 Warum den Anlegern die Zeit davon rennt

Münchener Staatsanwälte ermitteln seit geraumer Zeit gegen den Finanzmakler Malte A. Hartwieg - vermutlich einer der großen Anlagebetrugsfälle der letzten Jahre. Noch haben sie keine Ergebnisse vorgelegt. Doch bereits jetzt droht die Zeit für die Anleger knapp zu werden.
Von Arne Gottschalck
Die Staatsanwaltschaft ermittelt: Malte Hartwieg steht im Blick der Ermittler

Die Staatsanwaltschaft ermittelt: Malte Hartwieg steht im Blick der Ermittler

Foto: Dima24

Hamburg - Anwälte sind im Allgemeinen vorsichtige Menschen. Zu genau kennen sie die juristischen Folgen falscher Tatsachenbehauptung, vulgo des Drauflosredens. Doch in diesem Fall wurde Rechtsanwalt Stefan Forster von der Münchener Kapitalmarktkanzlei Wilhelm Lachmair & Kollegen schon vor Monaten für die Verhältnisse seines Berufsstands recht deutlich: Es könnte sich im Fall Hartwieg um einen der "größten Anlagebetrugsfälle der letzten Jahre handeln."

Die Staatsanwaltschaft München I scheint das ähnlich zu sehen. Sie hat im Sommer ein Ermittlungsverfahren gegen Malte Andre Hartwieg eingeleitet. Damit beschleunigt sich der Fall. Und deswegen ist es für die Betroffenen Zeit zu handeln. Warum? Wegen der Konstruktion des deutschen Rechts. Doch zurück zum Anfang der Geschichte.

Darin geht es um unterschiedliche Firmen, deren Geflecht schwer zu durchschauen ist. Es geht um viel Geld. Ungefähr 200 Millionen Euro in der Summe, schätzt Rechtsanwalt Forster. Und es geht um eben Malte Andre Hartwieg, der inmitten dieses Geflechts immer wieder genannt wird. Seine Privatwohnung wurde bereits ebenso durchsucht wie zahlreiche seiner Firmen.

Hartwieg ist gelernter Maurer. Er tritt eloquent auf. Und er ist Gründer von Dima24, eines Unternehmens, das Kapitalanlagen vermittelt. "In Sachwerte investieren - direkt, professionell und günstig", heißt es auf der Homepage. Und weiter: "Als unabhängiger Spezialist für Sachwertanlagen unterstützt dima24.de schon seit mehr als 12 Jahren erfahrene, vermögende Investoren bei ihren Geldanlageentscheidungen." Doch das ist, so kann man vermuten, in vielen Fällen misslungen.

Die Suche nach dem Geld

Das zeigen zwei Faktoren. Zum einen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen mutmaßlichen Anlagebetrugs , zum anderen auch Kommentare, die in Foren wie Wallstreet Online zu lesen sind. "Das scheinen wohl die Fonds sein, die man auch getrost Malte-Hartwieg-Fonds nennen hätte können", schreibt zum Beispiel der Nutzer Jimmy Vegas . Und zählt gleich 23 Fonds auf. Von Panthera, von New Capital Investment (NCI), von Euro Grundinvest. Alles Gesellschaften, deren Fonds von Dima24 vertrieben wurden.

All das untersucht nun die Staatsanwaltschaft. "Dazu ist anzumerken", heißt es von Hartwiegs Kanzlei Klumpe, Schroeder + Partner, "dass derartige Strafanzeigen, unabhängig von dem im Einzelfall gegebenen Sachverhalt, zum regelmäßigen Verlauf bei Kapitalanlagen gehören, die nicht so gelaufen sind, wie sie hätten laufen sollen." Und weiter: "Da es sich bei den angezeigten Sachverhalten regelmäßig um solche handelt, die ein Offizialdelikt begründen würden, ist demgemäß die zuständige Staatsanwaltschaft verpflichtet dem Verdacht nachzugehen und Ermittlungen aufzunehmen."

Rund 200 Millionen Euro stecken in den unterschiedlichen Fonds, schätzt Forster. Bislang konnten die Investoren offenbar vielfach bei der Stange gehalten werden. Angeblich funktionierte das so - neigte sich ein geschlossener Fonds seinem Ende zu, soll den Investoren teilweise angeboten worden sein, in Folgefonds zu investieren, berichtet Forster. Doch nun wächst die Unruhe, auch wegen des Einschreitens der Staatsanwaltschaft. Immerhin darf die Staatsanwaltschaft nur losschlagen, wenn sie einen gewissen Anfangsverdacht hat - auch wenn sie aufgrund der laufenden Ermittlungen keine Aussage dazu machen möchte. Wo Rauch ist, ist auch Feuer?

"Noch ist nicht klar, wo das Geld geblieben ist", sagt der Wirtschaftsdetektiv Medard Fuchsgruber, der unter anderem für einige Kunden in Sachen Dima24 ermittelt. "Wir versuchen natürlich, eine tiefe Tasche zu finden." Eine tiefe Tasche, das ist im Jargon der Anwälte und Ermittler jemand, der viel Geld hat, zum Beispiel ein Unternehmen, und gegen den auch juristisch vorgegangen werden kann.

Der mauernde Maurer

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft erleichtern den Anwälten die Arbeit, erhöhen aber auch den Druck. Denn zum einen könnten die Behörden Namen zutage fördern, die bislang noch nicht bekannt sind. Zum anderen könnte die Arbeit der Staatsanwaltschaft tatsächlich in der Anklageerhebung münden.

Würde der Beklagte dann tatsächlich von einem Gericht verurteilt, würde es den Anwälten deutlich einfacher machen, einen Schadenersatzanspruch zu begründen. Denn in Paragraf 823 II des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) heißt es, grob vereinfacht: Wer eine Straftat begeht, muss den dadurch entstandenen Schaden ersetzen. In den Worten von Anwalt Forster: Denn Anlegern stünde dann ein "direkter deliktischer Anspruch gegen die Verantwortlichen bei der Dima24.de" zu. Damit könnte sich niemand mehr hinter der Fassade der in den letzten Jahren gleich wiederholt umgestalteten dima24.de-Gesellschaften verstecken, so Forster.

Bei anderen Anspruchsgrundlagen ist das nicht so einfach. Und ohne Anspruchsgrundlage geht es nun mal nicht in einem Rechtsstaat. Doch dadurch wird es auch kompliziert: Denn Staatsanwaltschaft wie auch Anwalt Forster und auch Detektiv Fuchsgruber suchen jenes Geld, das die Anleger womöglich auf diesem juristisch einfachen Wege verlangen können. Ob es für alle Anleger reicht? Sollte die Staatsanwaltschaft Ergebnisse vorlegen und diese zu einer Anklageerhebung führen, dürfte die Hatz der Anleger auf dieses Geld losgehen.

Staatsanwalt als Minenhund

Die Staatsanwaltschaft versucht derweil, das Geflecht der Firmen und Fonds zu entwirren. Keine einfache Aufgabe für die Münchener. Auch Anwalt Forster hat sich über ein Jahr in die Materie eingegraben, hat Prospekte gewälzt, Registereinträge geprüft und mit seinem Kanzeikollegen Moritz Schmidt in Abu Dhabi recherchiert. Dort investierten Fonds, die von Dima24 vermittelt wurden.

"Der gesamte Aufbau der Dima24-Gruppe und der Öl & Gasfonds der New Capital Invest (NCI) Gruppe erweckt für uns den Eindruck, dass hier von vorneherein versucht wurde, die Haftung durch die Vielzahl auch zeitlich hintereinander geschalteter Gesellschaften mit beschränkter Haftung völlig zu minimieren oder auszuschalten. Umgekehrt ergibt sich aus der Konstruktion, dass Herr Malte Hartwieg trotzdem wirtschaftlich völlige Kontrolle über Fondsgesellschaften und Vertrieb besitzt", schreibt Anwalt Forster.

In den Unterlagen zum NCI USA 19 beispielsweise steht: "Die Investitionstätigkeit der Emittentin beschränkt sich darauf, der NCI New Capital Invest Oil & Gas USA 19 GmbH atypisch stilles Kommanditkapital zur Verfügung zu stellen, damit diese sich planmäßig an der Stratus Oil LP beteiligen kann." Geld ja, Kontrolle nein?

Dabei wäre etwas Kontrolle offenbar angemessen gewesen. Denn anfänglich klang die Geschichte für die Anleger ausgesprochen lukrativ. Der Investitionsbericht für den NCI USA 19 vom Oktober 2012 schrieb davon, alle Erwartungen würden übertroffen. Und "eine schnelle Ausplatzierung erwartet". Doch bereits "im zweiten Quartal 2013 wurde die vierteljährlichen Vorabausschüttungen eingestellt", sagt Forster auf Nachfrage. Und die "betroffen Anleger sind mit diffusen Schreiben und Vertröstungen der Initiatoren und Vermittler vertröstet worden."

Da passt es ins Bild, dass Hartwieg sich unterdessen aus der Dima24-Geschäftsführung verabschiedet und das Unternehmen im April an die neuen Geschäftsführer Renate Wallauer und Frank Schuhmann verkauft hat.

Je lauter das Getuschel um Dima24 wurde, umso mehr fragen die Anleger nach. Das Einschreiten der Staatsanwaltschaft hat das Stimmengewirr weiter anschwellen lassen. Und lässt die Gefahr wachsen, dass nur die Anleger zu ihrem Geld kommen, die frühzeitig handeln. Das würde Forster natürlich nie so sagen. Anwälte sind bekanntlich vorsichtige Menschen.

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