Montag, 22. Juli 2019

Die Wirtschaftsglosse Die besten Börsenpropheten von allen

Hallo, wer ist dran? Ein Charttechniker? Falsch verbunden.

Technische Analysten, auch genannt Charttechniker, treffen mithilfe von Punkten und Strichen in Grafiken Aussagen über die Zukunft. Das ist eine völlig unterbewertete Kunst, die wir am Ende des Tages viel häufiger einsetzen sollten. Auch im Alltag.

Eines der bemerkenswertesten Phänomene im Finanzgeschäft ist wohl die sogenannte technische Analyse von Wertpapieren, auch genannt Charttechnik. Leute, die diese Methode anwenden, können in die Zukunft blicken. Jedenfalls angeblich.

Offiziell geht das so: Zuerst nehmen sich Charttechniker die Grafik zur bisherigen Kursentwicklung eines Wertpapiers vor, den so genannten Chart also. Dort zeichnen sie verschiedene Linien und Markierungen hinein. Der so entstandene Chart mit Linien und Markierungen lässt dann gewisse Muster erkennen, so die Fachleute. Und genau diese aus Chart plus Linien und Markierungen gebildeten Muster seien es, aus denen sich jene Rückschlüsse auf die Zukunft ziehen ließen, die von vielen am Finanzmarkt so begierig aufgenommen werden. Sagen die Charttechniker.

Verstanden? Egal. Tatsächlich weiß ohnehin kein Mensch, ob das wirklich funktioniert. Niemand hat je bewiesen, dass man mit Punkten und Strichen in rückwärtsgewandten Grafiken irgendwelche Erkenntnisse über zukünftige Ereignisse gewinnen kann. So ein Nachweis dürfte wohl auch ziemlich schwer zu führen sein, um es mal sehr vorsichtig zu formulieren.

Christoph Rottwilm
manager-magazin.de
Christoph Rottwilm
Der Witz ist jedoch: Das ist überhaupt nicht entscheidend. Denn so, wie die Chartanalysten ihre Ergebnisse präsentieren, sind Zweifel praktisch ausgeschlossen. Da wimmelt es von Fachausdrücken, von wissenschaftlichem Duktus und vor allem von Verben im Indikativ. Alles steht im Indikativ. Der Indikativ, so scheint es, ist ein wichtiges Hilfsmittel der Charttechnik.

In der Praxis entstehen dann Sätze wie: Bei 2130 Punkten stößt Index Schießmichtot auf einen Widerstand. Oder: Der langfristige Aufwärtstrend von Aktie Hast-Du-Nicht-Gesehen ist nach wie vor intakt.

Und das Beste ist: Die Charttechniker haben mit der Masche Erfolg. Banken und Finanzhäuser glauben ihnen, Medien zitieren sie. Allein schon durch Zufall oder auch weil sich an der Börse Vorhersagen manchmal selbst erfüllen, werden auch charttechnische Prognosen hin und wieder durch die Realität bestätigt.

Vor dem Hintergrund drängt sich der Gedanke auf, dass die technische Analyse eigentlich total unterbewertet ist. Sie taugt zu mehr und sollte gesamtgesellschaftlich viel häufiger eingesetzt werden. Einerseits natürlich, um auf möglichst vielen Themenfeldern Prognosen zu erstellen. Andererseits aber auch, damit jeder, dem danach ist, im Gespräch öfter mal so richtig einen auf dicke Hose machen kann.

Wer es ausprobieren möchte, findet hier eine kleine Anleitung:

Erstens: Bilden Sie Sätze ausschließlich im Indikativ. Zweitens, verwenden Sie in jedem Satz mindestens einen der folgenden charttechnischen Fachbegriffe (beziehungsweise einen der folgenden Begriffe, die zum Teil auch nur so klingen, als wären es charttechnische Fachbegriffe):

Widerstand, Unterstützung, Bodenbildung, Bodenschwung, Hüftschwung, Wendepunkt, Trend, Trendwende, Schulter-Kopf-Schulter-Formation, Durchschnittslinie, Spikes, Gaps, Bollinger-Bänder, Heisenbergsche Unschärfe-Relation, Relativitätstheorie sowie die Verben durchbrechen und unter- oder überschreiten und - ganz wichtig - intakt/nicht intakt/nicht mehr intakt.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Dann können Sie loslegen. Zum Beispiel beim Smalltalk: Der Sommer stößt noch im September an einen Widerstand. Bei den Temperaturen steht eine Trendwende bevor, die Bodenbildung erfolgt erst Anfang 2015 bei minus 10 Grad.

Oder beim Thema Fußball: Der FC Bayern hat im Mittelfeld eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation ausgebildet. Wenn Mario Götze nächsten Samstag seine 200-Tage-Durchschnittslinie nicht überschreitet, kommt die Unterstützung erst bei Tabellenplatz 4.

Machen Sie doch zum Beispiel Ihren Bäcker mal darauf aufmerksam, dass sein Brötchenverkauf am Samstag immer Spikes ausbildet. Oder sagen Sie Ihrem Nachbarn, seine Eiche habe den Widerstand an der Grundstücksgrenze durchbrochen. Stimmungstechnisch habe sich bei ihnen daher der Trend umkehrt.

Selbstverständlich müssen Sie vorher immer die entsprechenden Einträge in den passenden Grafiken machen (Wetterkarte, Bundesligatabelle, Stadtplan usw.). Dann wird Ihr Erfolg in einen aufwärtsgerichteten Trendkanal eintreten, ganz sicher. Das hat die technische Analyse ergeben.

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