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Die Quirin-Bank und das Mittelstands-Desaster: Regelmäßiges Debakel

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Desaster bei Mittelstandsanleihen Die Sündenfälle des Gutbankers Karl-Matthäus Schmidt

Karl-Matthäus Schmidt, Chef der Quirin-Bank, geriert sich gern als Anwalt des Kleinanlegers. Seltsam nur: Ausgerechnet mit Anleihen, die von Quirin emittiert wurden, erleiden Investoren regelmäßig ein Debakel - wie nun bei German Pellets.
Von Heinz-Roger Dohms

Karl-Matthäus Schmidt ist zwar ein Banker - er redet aber wie eine Kreuzung aus Verbraucherschützer und Linkspolitiker. Die etablierte Finanzindustrie? Ist für Schmidt eine "Provisionslobby", deren Geschäftsmodell der Zahlung von "Schmiergeldern" gleiche. Die Zocker von der Wall Street? "Investmentbanker braucht keiner", fällt dem Vorstandschef dazu ein. Und dann erst die Pleitewelle bei den "M-Bonds": "Allein wegen der mangelnden Risikostreuung ist die Zeichnung von Mittelstandsanleihen für kaum einen Kunden empfehlenswert. Sie sind ein Beispiel für die Folgen schlechter Beratung", erklärte Schmidt vor gut einem Jahr in einem Interview.

Man mag es seltsam finden, wenn ein Banker so über die eigene Zunft spricht - zumindest seine Einschätzung zu Mittelstandsbonds ist allerdings bedenkenswert, wie sich dieser Tage wieder einmal zeigt: Binnen weniger Tage sind die Papiere des Wismarer Holzverarbeiters German Pellets um rund 90 Prozent abgestürzt. Die genauen Hintergründe des Kursdesasters liegen zwar immer noch im Dunkeln. Klar ist aber, dass sich das Unternehmen maßlos übernommen hat und eine demnächst fällige Anleihe nicht zurückzahlen kann.

Mehr als 200 Millionen Euro stehen insgesamt im Feuer. Vieles spricht dafür, dass unter den mutmaßlichen Opfern auch viele arglose Kleinanleger sind, die auf Börsenmessen und ähnlichen Verkaufsevents angelockt wurden.

Wie jetzt? Quirin-Bank-Chef Karl Matthäus Schmidt

Wie jetzt? Quirin-Bank-Chef Karl Matthäus Schmidt

Foto: Quirin Bank; urbanruths.de

Schmidt hat also Recht behalten. Freuen wird er sich über das German-Pellets-Desaster dennoch nicht. Denn die Bank, die sämtliche Anleihen des mecklenburgischen Skandalunternehmens, eines Mittelständlers, emittiert hat - es ist ausgerechnet die Quirin-Bank des Karl-Matthäus Schmidt.

Dazu muss man wissen, dass die 2006 von ihm gegründete Quirin eine Art Zwitterbank ist. Öffentlich bekannt wurden die Berliner, weil sie als erstes deutsches Geldinstitut konsequent auf die vermeintlich verbraucherfreundliche Honorarberatung setzten. Das bedeutet: Die Berater werden direkt vom Kunden entlohnt und nicht mehr über die Provisionen, die sie von Fondsanbietern, Bausparkassen oder Versicherungskonzernen kassieren. Fehlanreize sollen dadurch vermieden werden: Der Kunde soll das für ihn beste Produkt angeboten bekommen - und nicht das Produkt, das die höchste Provision abwirft.

Mit dem Thema Honorarberatung stieg Schmidt in den vergangenen Jahren zum Liebling vieler Wirtschaftsmedien auf. Das zweite Geschäftsfeld seiner Quirin-Bank wird hingegen selten beleuchtet. Dabei handelt es sich bei der Quirin um eine der größten deutschen Emissionsbanken für Mittelstandsanleihen. Mit anderen Worten: Der Mann, der sagt, Investmentbanker brauche es nicht, ist selber einer. Und: Er lebt als Banker genau von den Papieren, die er als "Verbraucherschützer" kritisch sieht.

Nun betont Schmidt, dass die beiden Geschäftsbereiche strikt voneinander getrennt seien, was nach allem, was man weiß, auch stimmt. Etwas seltsam mutet das Konstrukt trotzdem an. Zumal German Pellets nicht der erste Fall ist, bei dem man sich fragt, was für Anleihen der Kapitalmarktarm der Quirin Bank da eigentlich unters Volk bringt.

So erlitten die Anleger 2014 bereits spektakulär Schiffbruch mit der Anleihe des Traumschiff-Betreibers MS Deutschland. Das vermeintliche Investment-Grade-Papier erwies sich schon gut ein Jahr nach der Emission als Schrott-Bond. Inzwischen ist die Gesellschaft pleite. Die Anleihegläubiger, die mehr als 50 Millionen Euro investierten, werden im Zuge des Insolvenzverfahrens vermutlich mit einem Kleckerbetrag abgefunden.

Ein anderes Beispiel war der Versuch der Quirin-Bank, dem angeschlagenen Billigenergieanbieter Flexstrom Ende 2012 mittels eines 35-Millionen-Euro-Bonds zu frischer Liquidität zu verhelfen. Zum Glück für die Anleger wurde die Emission in letzter Sekunde abgeblasen - denn kurz darauf war auch diese Firma insolvent.

Wie sich die Quirin Bank rechtfertigt

Das Fachportal "bondguide.de" listet zurzeit 13 Mittelstandspapiere auf, die mithilfe von Quirin emittiert wurden. Lediglich sechs notierten am Mittwochabend in der Nähe des Nennwerts von 100 Prozent. Die vier German-Pellets-Papiere hingegen bewegten sich zwischen 5,65 Prozent und 10,0 Prozent, die MS-Deutschland-Anleihe stand bei 7,46 - und auch die Bonds der beiden Modefirmen "More & More" (34 Prozent) und Peine (27 Prozent) lagen weit unterhalb des Nominalwerts.

Im Schnitt ergab das einen Kurs von gerade einmal 53,5 Prozent. Der Bitte, einen Überblick über sämtliche von Quirin emittierten Mittelstandsanleihen zu liefern, kam die Bank nicht nach.

Dem naheliegenden Eindruck, dass es sich bei den von Quirin emittierten "M-Bonds" gern mal um Wackelkandidaten handelt, tritt die Bank dennoch "entschieden entgegen". Die "überwiegende Anzahl der Transaktionen" sei "nachhaltig erfolgreich verlaufen". Die Ausfallquoten lägen "im Vergleich zu anderen Markteilnehmern völlig in der Norm". Und: "Unsere Aufgabe als begleitende Bank ist es, mittelständischen Unternehmen zu helfen, sich am Kapitalmarkt zu finanzieren. Wir führen diese Unternehmen jedoch nicht selbst."

Auch in dem zwitterartigen Geschäftsmodell sieht die Sprecherin der Bank kein Problem: "Das Gegenteil ist der Fall: Wir verstehen uns im besten Sinne des Wortes als Merchant Bank für den Mittelstand. Im Bereich Private Banking legen wir das Vermögen von Unternehmern an, im Bereich Corporate Finance kümmern wir uns um die Kapitalbeschaffung für mittelständische Unternehmen."

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