Dreistelliger Millionenschaden in Deutschland Forscher decken auf, wer "Wall-Street-Wölfen" zum Opfer fällt

Hollywood-Star Leonardo DiCaprio im Film "Wolf of Wall Street": Aktienbetrügereien, wie in dem Streifen gezeigt, verursachen auch in Deutschland Millionenschäden

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Geht es um Anlagebetrug, dann beherrschen hierzulande meist die Jongleure des grauen Kapitalmarktes das öffentliche Bild: Anbieter fragwürdiger Vermögensanlagen wie die Frankfurter Immobiliengruppe S&K, die mit hohen Renditeversprechen die Habgier zahlloser Anleger ansprechen, nur um sich deren Geld in die eigenen Taschen zu stopfen und einen ausschweifenden Lebensstil damit zu finanzieren.

Betrügereien, die am Aktienmarkt nach dem sogenannten Pump-And-Dump-System betrieben werden, finden dagegen weniger Beachtung - dabei sind sie in Deutschland ebenfalls weit verbreitet, wie nicht zuletzt eine aktuelle Studie belegt.

Hintergrund: "Pump & Dump" ("aufpumpen & wegwerfen") ist eine Form des Anlagebetrugs, bei der Kriminelle die Kurse von Aktien - meist handelt es sich um Penny Stocks, also Papiere, die im Cent-Bereich notieren - in die Höhe treiben, indem sie per Email, Newsletter und anderen Medien falsche Informationen über die dazugehörigen Unternehmen in Umlauf bringen, in die sie zuvor investiert haben. Nachdem solche Papiere ausreichend gestiegen sind, streichen die Betrüger ihre Gewinne ein: Sie steigen aus dem Wert aus, beenden ihre kurstreibenden Maßnahmen und überlassen den Rest den freien Kräften des Marktes.

Was das in der Praxis heißt, lässt sich zum Beispiel im Hollywood-Streifen "The Wolf of Wall Street" über den Pump-And-Dump-Jongleur Jordan Belfort, der im New York der 1980er Jahre sein Unwesen trieb, gut besichtigen: Die Kurse der Papiere stürzen ab und zahlreiche ahnungslose Anleger bleiben mit dicken Verlusten im Depot zurück.

Forscher aus Deutschland und den USA haben jetzt in einer Studie untersucht, in welchem Umfang hiesige Investoren bis heute solchen "Pump-& Dump"-Systemen zum Opfer fallen - und welche Art von Geldanlegern überhaupt in derart hochgejubelte Aktien investiert. Zu dem Zweck haben die Autoren insgesamt 421 Pump-And-Dump-Systeme aus den Jahren 2002 bis 2015 ausgewertet, zu denen ihnen die nötigen Informationen von der Finanzaufsicht Bafin zur Verfügung gestellte worden waren. Zudem konnten die Wissenschaftler das Investitionsverhalten von 110.000 Kunden einer deutschen Bank untersuchen, die die dazu erforderlichen Daten bereitgestellt hatte.

Die Ergebnisse sind zum Teil bemerkenswert: Der Studie zufolge gerieten 6 Prozent aller Investor, deren Anlageverhalten analysiert werden konnte, mindestens einmal im beobachteten Zeitraum in ein solches Pump-And-Dump-System. Dabei steckte jeder betroffene Investor im Schnitt gut 11 Prozent seines gesamten Anlageportfolios in die fragliche Aktie - und machte am Ende einen Verlust von durchschnittlich 30 Prozent.

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Damit kamen die Investoren aus Sicht der Wissenschaftler sogar noch beinahe glimpflich davon: Tatsächlich verbuchten die fraglichen Aktien innerhalb der Pump-And-Dump-Phase nach dem anfänglichen Kursanstieg im Schnitt Verluste von 50 Prozent und mehr - den betroffenen Anlegern gelang es also offenbar, ihre Einbußen einigermaßen zu begrenzen.

Dennoch ist der Schaden, der durch solche Betrügereien am Aktienmarkt entsteht, offensichtlich immens: Nach Angaben der Studie, für die sich Wissenschaftler der Booth School of Business an der Universität von Chicago sowie der Harvard Business School in Boston mit Kollegen der Hochschulen in Berlin, Frankfurt am Main und Hannover zusammengetan haben, verursachte jedes der untersuchten Pump-And-Dump-Systeme im Schnitt einen Gesamtschaden von 1,2 Millionen Euro. Bei mehr als 400 analysierten Fällen bedeutet das allein in den Jahren 2002 bis 2015 ein Gesamtschadensvolumen im mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich. Vom Vertrauensverlust der betroffenen Anleger sowie der daraus resultierenden möglichen Abkehr vom Aktienmarkt insgesamt ganz zu schweigen.

Nach Angaben von Professor Christian Leuz von der University of Chicago Booth School of Business gibt es neben der vergleichsweise hohen Partizipationsrate, die die von ihm mitverfasste Studie zutage fördert, weitere bemerkenswerte Erkenntnisse. "Vor allem die Tatsache, dass es einen messbaren Anteil an Anlegern gibt, die wiederholt in derart betrügerische Aktieninvestments geraten, hat uns überrascht", sagte Leuz im Gespräch mit manager magazin online.

Immerhin 11 Prozent der betroffenen Investoren, so die Untersuchung, steckten ihr Geld in vier oder noch mehr Pump-And-Dump-Betrügereien. "Viele davon haben eine negative Rendite und machen dennoch erneut mit", sagt Leuz. "Es gibt also in solchen Fällen offenbar keine Lerneffekte."

"Diejenigen, die bewusst partizipieren, müssen nicht geschützt werden"

Christian Leuz, Professor der University of Chicago Booth School of Business

Christian Leuz, Professor der University of Chicago Booth School of Business

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Im Gegenteil: Wie die Studie ebenfalls herausfand, gibt es offensichtlich einen signifikanten Anteil an Investoren, die sich gezielt und sehenden Auges den Risiken des Pump-And-Dump-Prinzips aussetzen, vermutlich mit einer Risiko-Chancen-Abwägung, wie sie auch Teilnehmer einer Lotterie vornehmen. Mehr als ein Drittel der Pump-And-Dump-Investoren, so die Studie, hatten bereits zuvor kurzfristig mit Penny Stocks gehandelt oder agierten generell mit kurzen Anlagehorizonten. Diese Leute gingen der Analyse zufolge erhebliche Risiken ein und handelten aggressiv, und zwar schon bevor sie an dem jeweiligen Pump-And-Dump-System teilnahmen.

"Diese Erkenntnisse machen deutlich, dass die gängige Annahme, alle Teilnehmer an einem Pump-And-Dump-System seien als Opfer zu betrachten, falsch ist", sagt Professor Leuz. "Vielmehr gibt es einen großen Anteil an Investoren, die sich bewusst an solchen Systemen beteiligen, vergleichbar mit einer reinen Spekulation oder einem Glücksspiel."

Laut Leuz folgt daraus auch eine Konsequenz für den Gesetzgeber oder die Regulierungsbehörden, die sich den Anlegerschutz auf ihre Fahnen geschrieben haben. "Grundsätzlich ist eine Aufklärung sowie ein Schutz vor solchen Betrügereien, wie es beispielsweise die Bafin mit entsprechenden Broschüren versucht, richtig und notwendig", sagt er. "Diejenigen, die bewusst an Betrugssystemen partizipieren, erreicht man mit den herkömmlichen Maßnahmen allerdings nur bedingt. Es stellt sich aber auch die Frage, inwiefern diese Investoren überhaupt geschützt werden müssen."

Dennoch sind solche Spekulanten allerdings Teil des Problems, weil sie quasi als Trittbrettfahrer zum erforderlichen übertriebenen Kursanstieg innerhalb der Pump-And-Dump-Systeme beitragen. Nach Angaben von Professor Leuz soll es Gegenstand weiterer Forschungen sein, mit welchen Maßnahmen der Anlegerschutz auf diese Tatsache am besten reagieren kann.

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