Untreueprozess Blick in die Karten von Ex-Wölbern-Chef Schulte

Wie will Heinrich Maria Schulte, Ex-Chef des Fondshauses Wölbern Invest, die Untreuevorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen ihn entkräften? Am fünften Verhandlungstag ließ er sich ein wenig in die Karten blicken.
Verteidigungshaltung: Ex-Wölbern-Chef Heinrich Maria Schulte (2. v. l.) mit seinen Anwälten Thomas Hauswaldt, Wolf Römmig und Arne Timmermann (v. l.) am ersten Verhandlungstag im Landgericht Hamburg

Verteidigungshaltung: Ex-Wölbern-Chef Heinrich Maria Schulte (2. v. l.) mit seinen Anwälten Thomas Hauswaldt, Wolf Römmig und Arne Timmermann (v. l.) am ersten Verhandlungstag im Landgericht Hamburg

Foto: DPA

Hamburg - Im Prozess gegen Heinrich Maria Schulte, Ex-Chef des Fondshauses Wölbern Invest, wird allmählich erkennbar, welche Strategie die Verteidigung verfolgt: Die Geldentnahmen aus geschlossenen Fonds von Wölbern Invest, die die Staatsanwaltschaft Schulte zur Last legt, werden offenbar nicht bestritten, so viel scheint klar.

Der Angeklagte sowie seine Verteidiger heben jedoch offensichtlich darauf ab, dass diese Entnahmen in einem größeren Rahmen zu sehen seien, und dass dabei weitere Aspekte - so wohl zumindest das Kalkül - Schulte entlasten. Welche Aspekte das sein könnten, wurde am Dienstag, dem fünften Verhandlungstag, ein wenig klarer.

Laut Anklage der Staatsanwaltschaft hat Schulte als Chef von Wölbern Invest in den Jahren 2011 bis 2013 in insgesamt 360 Fällen Gelder unrechtmäßig aus Wölbern-Fonds entnommen. Fast 150 Millionen Euro sollen auf diese Weise zweckentfremdet worden sein, wodurch nach Ansicht der Ermittler der Tatbestand der gewerbsmäßigen Untreue erfüllt wäre.

Schulte hatte die Vorwürfe bereits am zweiten Verhandlungstag in einer längeren Stellungnahme zurückgewiesen. Aus den Zeugenbefragungen von Seiten der Verteidigung insbesondere während der jüngsten Verhandlung lässt sich erahnen, wie die weitere Argumentation der Verteidigung im Kern aussehen dürfte. Demnach stehen offensichtlich folgende Aspekte im Mittelpunkt:

  • Die Überweisungen von Geldern aus Wölbern-Fonds, die regelmäßig an die eigens zu dem Zweck gegründete Wölbern Invest B.V. in den Niederlanden gingen, seien nicht ohne Rechtsgrundlage erfolgt. Vielmehr habe es Darlehensverträge gegeben, auf deren Grundlage Gelder aus Fonds abgezogen worden seien.
  • Für solche Darlehensverträge liegen offenbar juristische Einschätzungen seitens der Anwaltskanzlei vor, die Wölbern Invest seinerzeit in Rechtsfragen zur Seite stand. Möglicherweise will Schulte auf Grundlage solcher Gutachten die Verantwortung auf weitere Schultern verteilen.
  • Angeblich gab es auch ein Sicherungssystem, mit dem die aus den Fonds entnommenen Geldern zu 120 Prozent abgesichert werden sollten. Das geht jedenfalls aus einer Frage hervor, die Schultes Anwalt Thomas Hauswaldt am fünften Verhandlungstag an die Zeugin richtete.
    Dazu passt eine Passage aus einem Zwischenbericht, den Rechtsanwalt Tjark Thies, Insolvenzverwalter der Wölbern Invest KG, im März 2014 erstellt hat. In dem Bericht, der manager magazin online vorliegt, schreibt Thieß, zur Absicherung von Forderungen gegen die Wölbern Invest B.V. seien zwei "Sicherheiten-Gesellschaften" gegründet worden, "die so genannten Sicherheitenpoolanleihe A GbR und die Sicherheitenpoolanleihe B und C GbR".
    Der Befund des Insolvenzverwalters fällt aber offenbar aus Sicht der Anleger wenig ermunternd aus. "Nach bisherigen Ermittlungen", so Thieß in seinem Bericht, "reichen die gewährten Sicherheiten bei weitem nicht aus, um die Ansprüche der Fondsgesellschaften ausreichend zu sichern".
  • Immer wieder verweist die Verteidigung darauf, dass es neben den Abflüssen aus den Fonds auch Rückflüsse an die Fonds gegeben habe. Diese seien in der Anklage zu wenig berücksichtigt worden.

Der letzte Punkt stand auch im Mittelpunkt des fünften Verhandlungstages. Als Zeugin ist eine ehemalige Controllerin von Wölbern Invest erschienen. Sie hat sich im September 2011 geweigert, eine Zahlungsanweisung Schultes auszuführen, woraufhin ihr das Unternehmen der Darstellung der Zeugin zufolge mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen drohte.

Systematische Geldentnahme aus Fonds

Was die Ex-Mitarbeiterin über die Zustände bei Wölbern Invest in den Jahren 2011 und 2012 berichtet, passt zu dem, was tags zuvor bereits der ehemalige Leiter der Wölbern-Fondsfinanzierung zu Protokoll gegeben hat. Demnach begann die Geschäftsleitung um Wölbern-Inhaber Schulte ab dem dritten Quartal 2011 damit, Liquidität aus Wölbern-Fonds an die Wölbern Invest B.V. zu transferieren.

Freie Gelder seien so weit wie möglich systematisch aus den Fonds entnommen worden, so die Zeugin. Rückflüsse an die Beteiligungsgesellschaften habe es in der Regel nur gegeben, wenn wegen dringenden Geldbedarfs danach gefragt worden sei. Das sei zum Beispiel der Fall gewesen, wenn Bankkredite bedient, Steuern bezahlt oder Rechnungen beglichen werden mussten.

Nur an einen Fall kann sich die Zeugin erinnern, in dem die komplette Entnahme inklusive Zinsen von Seiten der Wölbern Invest B.V. an eine Fondsgesellschaft zurückgeführt wurde. Das sei beim Fonds Österreich 01 gewesen, wo es einen Großinvestor gegeben habe, der zu der Rückzahlung aufgefordert habe, so die ehemalige Controllerin von Wölbern Invest.

Apropos "erinnern", im Verlauf dieses Mammutprozesses - gerade erst wurden zwölf weitere Verhandlungstermine bis in den November hinein vereinbart - taucht immer wieder ein zentrales Problem auf: Es geht um komplexe Vorgänge, um Geldflüsse zwischen zahlreichen Gesellschaften und um eine Vielzahl von Personen, die daran beteiligt waren - und das alles liegt inzwischen beinahe drei Jahre zurück. Zudem füllt das Akten- und Beweismaterial mehr als 100 Umzugskartons und Datenträger.

Es liegt also auf der Hand, wie schwierig es für alle Beteiligten sein muss, sich erst einmal ein Bild von den der Verhandlung zu Grunde liegenden Ereignissen zu machen. Kein Wunder, dass beispielsweise am heutigen Verhandlungstag der Satz "Daran erinnere ich mich nicht mehr" von der Zeugin besonders häufig zu hören war.

Bericht: So lief der erste Tag der Verhandlung gegen Professor Schulte

Bericht: So lief der zweite Tag der Verhandlung gegen Professor Schulte

Bericht: So lief der dritte Tag der Verhandlung gegen Professor Schulte

Bericht: So lief der vierte Tag der Verhandlung gegen Professor Schulte

Fotostrecke: Heinrich Maria Schulte vor dem Hamburger Landgericht

Fotostrecke: Die großen Anlageskandale des Jahres 2013

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Hintergrund: Anlageskandal bei Wölbern Invest - die ganze Geschichte

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