Anlageskandal mit Container-Investment P&R sammelte Milliarden von zehntausenden Anlegern ein - und ist jetzt pleite

Container in New Jersey

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54.000 P&R-Kunden bangen um ihr Geld: Diese Skandale kosteten Geldanleger Milliarden

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Seit Wochen kursieren Spekulationen und Befürchtungen, jetzt scheinen sie sich zu bewahrheiten: Die Graumarktfirma P&R, ein Anbieter von Investitionen in Container mit Sitz in München, ist weitgehend pleite. Wie das Amtsgericht München auf Anfrage von manager magazin online bestätigte, wurden dort für die P&R Container Vertriebs- und Verwaltungs-GmbH, die P&R Gebrauchtcontainer Vertriebs- und Verwaltungs-GmbH sowie die P&R Container Leasing GmbH jeweils vorläufige Insolvenzverfahren eröffnet (Az.: 1542 IN 726/18, 1542 IN 727/18 und 1542 IN 728/18). Als vorläufige Insolvenzverwalter wurden nach Angaben des Gerichts der Münchener Rechtsanwalt Michael Jaffé sowie dessen Kanzleikollege Philip Heinke eingesetzt.

P&R bestätigte die Insolvenzen in einer Mitteilung. Die Kanzlei Jaffé Rechtsanwälte, bei der beide Insolvenzverwalter tätig sind, bestätigte die Informationen ebenfalls. Die P&R Transport-Container GmbH sowie weitere Gesellschaften der P&R-Gruppe haben keinen Insolvenzantrag gestellt, teilte die Kanzlei weiter mit.

P&R ist nicht irgendeine Firma am grauen Kapitalmarkt. Die bereits 1975 gegründete Unternehmensgruppe betreibt seit Jahrzehnten das Geschäft mit Containerinvestments als Marktführer und hat während der Zeit eigenen Angaben zufolge Milliarden an Anlegergeldern mobilisiert. Allein in den vergangenen zehn Jahren verkaufte P&R den Angaben auf der Firmenwebsite zufolge Container im Volumen von mehr als sieben Milliarden Euro an Investoren. Gegenwärtig verwaltet die Unternehmensgruppe demnach Stahlboxen im Umfang von 1,25 Millionen TEU (Standardcontainermaß) für etwa 50.000 Investoren. Nach Angaben des Fachjournalisten und Branchenkenners Stefan Loipfinger beläuft sich das Volumen der Anlegergelder, die zurzeit in P&R-Investments stecken, auf etwa 3,5 Milliarden Euro.

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Containerschiffe: Die 20.000-Kästen-Kasten

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Ein Großteil dieses Geldes dürfte angesichts der nun eingetretenen Insolvenz in Gefahr sein. Damit steht dem Markt ein Anlageskandal ins Haus, der auch die spektakulären Fälle der jüngeren Vergangenheit wie Prokon (etwa 75.000 Anleger, rund 1,4 Milliarden Euro Anlagevolumen) oder S&K (rund 11.000 Anleger, mindestens 240 Millionen Euro Volumen laut Anklage gegen die Verantwortlichen vor dem Landgericht Frankfurt) noch bei weitem übertrifft. Auch die Pleite der Magellan-Gruppe aus Hamburg, die ebenfalls im Geschäft mit Container-Direktinvestments aktiv war, erreichte mit 8000 Anlegern und einem investierten Kapital von insgesamt etwa 350 Millionen Euro nicht annähernd die P&R-Dimension.

"P&R droht zum größten deutschen Anlageskandal der jüngeren Vergangenheit zu werden", kommentiert Gerhard Schick, Finanzexperte von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag. Der Fall zeige, dass die derzeitige Gesetzeslage Anleger in Deutschland weiterhin nur ungenügend vor nicht tragfähigen Geschäftsmodellen schütze.

Dabei zeigt nicht zuletzt das Beispiel Magellan, dass der Gau bei P&R keineswegs aus dem Nichts kommt. Warnungen vor den Risiken und der Intransparenz des Geschäftsmodells mit Container-Direktinvestments gibt es vielmehr schon seit Langem. Auch manager magazin online berichtete bereits ausführlich über diese schwer durchschaubare Nische des Geldanlagemarktes, in die private Anleger in den vergangenen Jahren Milliardensummen steckten.

Das Geschäftsmodell erscheint zwar auf den ersten Blick simpel: Die Anleger kaufen P&R die Container ab und lassen sie daraufhin von dem Unternehmen an Containergesellschaften oder Reedereien weltweit vermieten. Nach wenigen Jahren können sie die Stahlboxen dann zu zuvor in Aussicht gestellten Preisen zurückgeben.

Wie es Firmen wie P&R oder auch der vor zwei Jahren gescheiterten Magellan-Gruppe allerdings im Einzelnen jahrelang gelang, im volatilen Schifffahrts- und Containergeschäft die zugesagten Mietauszahlungen sowie Container-Rückkäufe zu leisten, bleibt mitunter selbst erfahrenen Branchenbeobachtern ein Rätsel. Geldanlagekenner Loipfinger etwa stellte schon vor einiger Zeit fest, dass P&R mit Preisen und Mieten kalkuliert, die "deutlich über Markt liegen" . Auch die Restwertannahmen, die P&R für gebrauchte Stahlkisten macht, wichen in Fällen, die Loipfinger analysiert hat, von der Realität ab.

"Schneeballsystem" oder nicht?

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Solche Merkwürdigkeiten führen am Geldanlagemarkt schnell zu einem bösen Verdacht: Könnte es sein, dass das Geschäftsmodell darauf basiert, dass es regelmäßig mit frischem Geld von neuen Anlegern am Laufen gehalten wird? Schon im Insolvenzfall Magellan gab es deutliche Hinweise auf eine solche Konstruktion, die im Volksmund gerne als "Schneeballsystem" bezeichnet wird.

Eines haben derartige "Schneeballsysteme" in jedem Fall gemeinsam: Sobald nicht mehr ausreichend frisches Kapital zugeführt wird, müssen sie zwangsläufig in sich zusammenfallen. In dem Zusammenhang erscheint vielleicht bemerkenswert, dass das Neugeschäft von P&R just im vergangenen Jahr um 40 Prozent einbrach, wie Loipfinger berichtet.

Darüber hinaus gibt es im Falle P&R bereits seit Längerem ernstzunehmende Warnsignale. Seit Anfang 2017 muss das Unternehmen ausführlichere Verkaufsprospekte für seine Investmentofferten vorlegen. Dadurch kamen auch Einzelheiten zu den Zahlungsströmen der jüngeren Vergangenheit ans Tageslicht. Fachmann Loipfinger beispielsweise errechnete, dass es von 2014 bis 2016 zu Mindereinnahmen von durchschnittlich mehr als 170 Millionen Euro pro Jahr aus der Vermietung der Container kam.

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Sprich: P&R musste während dieser Zeit in der genannten Höhe Auszahlungen an die Investoren leisten, ohne dass auf der anderen Seite entsprechende Mieteinnahmen hereinkamen. So kann wohl selbst bei einem Unternehmen, das seit Jahrzehnten erfolgreich am Markt agiert, ein finanzieller Engpass entstehen.

In den vergangenen Wochen und Monaten spitzte sich die Lage dann zu: Zunächst erhielten Container-Anleger keine Mietauszahlungen mehr, dann verzögerten sich die versprochenen Rückkäufe der Container durch P&R. Spätestens seit P&R vor einigen Tagen in einer knappen Mitteilung das Neugeschäft mit Container-Investments einstellte, gingen wohl auch beim letzten Beobachter die Alarmglocken an.

Wie prekär die Lage nun möglicherweise ist, rechnet wiederum Fachjournalist Loipfinger vor: 2013 habe P&R einen Platzierungsrekord aufgestellt, berichtet er auf seiner Website Investmentcheck.de . Container im Wert von zusammen mehr als einer Milliarde Euro habe das Unternehmen seinerzeit verkauft - und zwar mit einer Laufzeit von fünf Jahren.

Die Firma P&R dagegen begründet ihre aktuellen Probleme mit einer Schwäche, die der Markt für Container weltweit zwischen 2011 und 2016 durchlaufen habe, sowie "nachteiligen Wechselkursentwicklungen". Seit 2017 sei eine Trendwende sichtbar und die Containerpreise ziehen wieder an, schreibt das Unternehmen in seiner Mitteilung.

Trotz der sich verschlechternden Wirtschaftslage hätten die P&R-Gesellschaften den Anlegern in den letzten Jahren weiterhin die bei Vertragsschluss prognostizierten "hohen Rückkaufspreise" bezahlt, so das Unternehmen weiter. "Dabei wurden die vorhandenen stillen Reserven aufgebraucht."

Was Anleger jetzt tun sollen

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Das bedeutet: Diese Stahlkisten muss P&R in diesem Jahr von den Anlegern zurücknehmen. Und dafür benötigt das Unternehmen Loipfingers Rechnung zufolge mehr als eine halbe Milliarde Euro.

Bleibt die Frage, was Investoren jetzt tun sollen, die Geld in P&R-Container gesteckt haben, und die die Entwicklung mit Sorge beobachten dürften. Ratschläge dazu gibt es bereits einige. Betroffene Anleger sollten ihre Interessen bündeln, um eine bestmögliche Vertretung gegenüber dem Unternehmen zu gewährleisten, meint etwa die SdK (Schutzgemeinschaft für Kapitalanleger).

Die Anwaltskanzlei Göddecke aus Siegburg regt zudem an, Dokumente einzufordern, die die Eigentumslage bezüglich der Container belegen. Nur auf diese Weise sei die Zuordnung der Erträge aus der Vermietung und des Erlöses eines späteren Verkaufs individuell sicher zu stellen, sagt Fachanwalt Marc Gericke. Auch mit Blick auf Streitigkeiten, die im Insolvenzfall Magellan auftraten, rät Gericke Anlegern darüber hinaus, sich ihre Miet- und Eigentumsverträge von P&R aushändigen zu lassen. "Sollte plötzlich die Frage aufkommen, ob die Investoren jetzt für entstehende Kosten haften müssen, kann das sehr hilfreich sein", so Gericke zu manager magazin online.

Solche Maßnahmen klingen sinnvoll, könnten aber in der Praxis schwer umzusetzen sein. Schließlich ist bei P&R offenbar seit Tagen praktisch niemand zu erreichen. Zudem zeigt die Erfahrung: Die Bearbeitung individueller Anlegeranfragen hat in kritischen Phasen wie diesen in Graumarktfirmen nicht unbedingt oberste Priorität.

Auf ein besonderes Problem weist Rechtsanwalt Peter Mattil aus München hin. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei der P&R-Gruppe um insgesamt vier Unternehmen handelt, von denen eins seinen Sitz in der Schweiz hat, erwartet er offenbar ein kompliziertes Verfahren. "Das heißt, dass im Ernstfall mehrere Insolvenzverwalter Ansprüche auf die Insolvenzmasse erheben können", sagt Mattil laut einem Bericht des SPIEGEL.

Insolvenzverwalter nehmen Arbeit auf - und informieren Anleger

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Nach Angaben der Insolvenzverwalter wurde der Insolvenzantrag für die genannten P&R-Gesellschaften bereits am 15. März, dem Donnerstag vergangener Woche also, gestellt. Zu diesem Zeitpunkt wurden beide Insolvenzverwalter bereits als Gutachter eingesetzt.

Seither sitzen die Insolvenzverwalter eigenen Angaben zufolge mit einem Team von Experten an der Bestandsaufnahme und Analyse der in den Gesellschaften vorhandenen Aktiva und Passiva. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers wurde damit beauftragt, das Zahlenwerk zu erfassen und aufzuarbeiten, teilt die Kanzlei Jaffé mit.

Parallel dazu werden laut Kanzlei Jaffé die rechtlichen Gegebenheiten, insbesondere auch die grenzüberschreitenden Liefer- und Leistungsbeziehungen zu den weiteren, nicht insolventen Gesellschaften der P&R-Gruppe in Deutschland und in der Schweiz untersucht. Dabei soll auch ermittelt werden, wie viele Container an wen zu welchen Konditionen vermietet sind, und wann Zahlungen aus den Mietverträgen erwartet werden, so die Kanzlei.

Nach Abschluss dieser Bestandaufnahme, die angesichts der Größe des Unternehmens, der großen Zahl an Containern und der rechtlichen Komplexität einige Zeit in Anspruch nehmen werde, könne darüber entschieden werden, "welche Verwertungsmöglichkeiten ein bestmögliches Ergebnis für die Anleger und Gläubiger der Verwaltungsgesellschaften erbringen".

"Neben der Bestandsaufnahme hat für uns Priorität, die erheblichen Mittelzuflüsse aus der fortlaufenden Container-Vermietung für die Anleger und Gläubiger der insolventen Gesellschaften zu sichern", so der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffé weiter. Aus diesem Grund solle auch der Betrieb der Gesellschaften weltweit fortgeführt werden, um Einnahmen zu erzielen.

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"Wir haben Verständnis für die schwierige Lage der Anleger, bitten aber zugleich darum Ruhe zu bewahren. Eine eigene Verwertung der Container durch die Anleger macht wirtschaftlich keinen Sinn, schon weil mit den Containern langfristige Mieteinnahmen erzielt werden sollen." Unabhängig von der rechtlichen Bewertung, sei eine Einzelverwertung am Markt durch die Anleger auch faktisch gar nicht möglich, so der Insolvenzverwalter.

Und weiter: Schon heute zeichne sich ab, dass die Verwertung einer so hohen Zahl an Containern nicht von heute auf morgen möglich sei. "Ein Notverkauf der Container - wenn ein solcher überhaupt möglich wäre - würde erhebliche Werte vernichten", sagt der Insolvenzverwalter laut Mitteilung.

"Wir brauchen nun in einem ersten Schritt Transparenz und werden auf dieser Grundlage in den nächsten Wochen und Monaten gemeinsam mit der Geschäftsführung und den Mitarbeitern ein Verwertungskonzept erarbeiten. Parallel werden wir die Krisenursachen aufarbeiten. In welcher Höhe Rückflüsse an die Anleger möglich sind, hängt auch von der Marktentwicklung in den nächsten Jahren ab und lässt sich heute noch nicht sagen", so Insolvenzverwalter Jaffé.

Weil bei der Vielzahl der betroffenen Anleger nicht jede Anfrage einzeln beantwortet werden kann, will Jaffé in Kürze eine Info-Seite im Internet einrichten. Die Adresse: www.frachtcontainer-inso.de .

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