P&R-Skandal kostet Investoren Milliarden Schwierig, aber möglich - wie Anleger sich vor Betrug schützen

54.000 Geldanleger müssen wohl Milliarden abschreiben - einen Anlageskandal wie jenen um die Münchener P&R-Gruppe hat Deutschland noch nicht gesehen. Dabei können Anleger einiges tun, um derartige Fehlschläge zu vermeiden.
Container im Hamburger Hafen: Tausende P&R-Kunden verlieren mit den Stahlboxen wohl viel Geld.

Container im Hamburger Hafen: Tausende P&R-Kunden verlieren mit den Stahlboxen wohl viel Geld.

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54.000 P&R-Kunden bangen um ihr Geld: Diese Skandale kosteten Geldanleger Milliarden

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Es ist ein Déjà-vu der besonders unangenehmen Art: Wieder implodiert in Deutschland ein großangelegtes Kapitalanlageunternehmen, wieder müssen Tausende private Investoren befürchten, ihre eingezahlten Gelder zum größten Teil nicht wieder zu sehen, und wieder ist die Rede von möglichem Betrug am Anleger.

Das einzige, das den Fall des Containerinvestment-Unternehmens P&R aus München, der gegenwärtig für Schlagzeilen sorgt, von vorherigen Anlageskandalen unterscheidet, so scheint es, ist sein schieres Ausmaß: 54.000 betroffene Sparer, 3,5 Milliarden Euro Investitionsvolumen, das nun in Gefahr ist, zum Großteil verloren zu sein - einen Geldanlageskandal dieses Ausmaßes hat es in Deutschland bislang soweit bekannt noch nicht gegeben.

Umso mehr stellt sich die Frage: Wie hätte er verhindert werden können? Oder besser, aus Anlegersicht: Wie lässt sich vermeiden, selbst zum Opfer eines solchen Debakels zu werden?

Die Antwort lässt sich in zwei Teile teilen. Teil eins handelt von gängigen Warnsignalen, die bei Geldanlegern schon frühzeitig Misstrauen und Zurückhaltung verursachen sollten. Übermäßige Renditeversprechen im zweistelligen Prozentbereich beispielsweise gehören dazu, insbesondere, wenn sie in bunten, marktschreierischen Prospekten zum Besten gegeben werden. Auch schwer durchschaubare Firmenkonstrukte, bei denen womöglich Geschäfte innerhalb einer Unternehmensgruppe abgewickelt werden ("rechte Tasche, linke Tasche") sollten die Alarmglocken bei Interessenten läuten lassen. Gleiches gilt, wenn Belege für Anlageerfolge in der Vergangenheit fehlen.

Der Fall P&R zeigt allerdings, dass es kaum ausreicht, sich ausschließlich auf derartige Offensichtlichkeiten zu verlassen, denn daran war bei P&R nur bedingt zu erkennen, dass etwas nicht stimmen könnte.

Die Kapitalanlagegruppe schrieb bis zu ihrer Insolvenz auf ihrer Website, sie habe seit 1975 sämtliche Verpflichtungen gegenüber ihren Kunden zu 100 Prozent erfüllt. Im Laufe von Jahrzehnten haben demnach 60.000 Investoren insgesamt fünf Milliarden Euro in die Offerten von P&R gesteckt - und es gibt auch heute noch kaum einen Grund, an der Behauptung der bis kurz vor Schluss lückenloses Erfüllung dieser umfangreichen Kundenansprüche zu zweifeln.

Auf diese Warnsignale müssen Investoren achten

Auch übermäßige Renditeversprechen waren bei P&R kaum zu finden. Der Kauf eines Containers, seine Vermietung nebst späterer Rücknahme durch das Unternehmen, das alles erbringe Renditen von 4 bis 5 Prozent, wie es in Verkaufsunterlagen hieß, und wie sich die P&R-Kunden über Jahre hinweg überzeugen konnten. Lockangebote, die die Gier der Anleger ansprechen sollen, sehen zweifellos anders aus.

Woran es allerdings haperte, und das wurde von kritischen Beobachtern seit Langem bemängelt, war die Transparenz der Geschäfte. Die Volumina, die P&R im Containermarkt bewegte, stiegen im Laufe der Jahre in den Milliarden-Euro-Bereich. Einen Bestand an mehr als einer Million Stahlboxen verwaltete das Unternehmen zu Hochzeiten - angeblich - für seine Investoren. Doch welche Gelder wirklich zu welchem Zeitpunkt auf welches Konto flossen, darüber herrschte für Außenstehende jahrelang weitgehend Unklarheit. Und Geschäfte zwischen verschiedenen Töchtern der P&R-Gruppe - auch die waren durchaus Teil des Konzepts.

Selbst die Insolvenzverwalter der P&R-Gruppe sowie ihr Team von Wirtschaftsprüfern benötigten nach der vor einigen Wochen eingetretenen Pleite des Unternehmens mehrere Wochen Analysearbeit. Erst dann war ihnen klar, dass, wie sie in dieser Woche bekanntgaben, von 1,6 Millionen Containern, die P&R an Investoren verkauft hat, sage und schreibe eine Million überhaupt nicht existieren.

Mangelnde Durchschaubarkeit eines Geschäftsmodells ist allerdings erfahrungsgemäß ein ziemlich schwaches Argument gegen ein Investment, zumal, wenn ein Anbieter wie beispielsweise auch P&R bereits seit vielen Jahren - zumindest scheinbar - bewiesen hat, dass sein Konzept funktioniert. Um Investoren wirklich von einem Engagement abzuhalten, sind in so einem Fall in der Regel harte Fakten erforderlich, die dagegen sprechen.


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Das ist der Punkt, an dem der zweite Teil der Antwort beginnt. In seinem Mittelpunkt steht die Anlegerschutzgesetzgebung, die in Deutschland in den vergangenen Jahren stetig verbessert wurde. Benötigten Firmen wie P&R in früheren Jahren kaum mehr als einen Din-A-4-Zettel mit den wichtigsten Eckdaten zum Angebot, um Gelder bei ihren Kunden einzusammeln, so müssen sie inzwischen umfangreiche Verkaufsprospekte erstellen, die auch von der Finanzaufsicht Bafin abgesegnet werden. In diesen Prospekten finden sich mitunter wichtige Informationen, die Anleger in ihre Investitionsentscheidung einbeziehen sollten - sie müssen die viele Seiten langen Unterlagen allerdings zu dem Zweck sehr aufmerksam lesen.

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54.000 P&R-Kunden bangen um ihr Geld: Diese Skandale kosteten Geldanleger Milliarden

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Wie sinnvoll das sein kann, zeigt wiederum der Fall P&R: Die Unternehmensgruppe hatte anlässlich der gesetzlich geforderten erhöhten Transparenz erst 2017 eigens eine neue Tochterfirma gegründet, die P&R Transport-Container GmbH. Über diese Gesellschaft wurden von da an sämtliche Investorengelder eingesammelt.

Entscheidend: In den Verkaufsprospekten der Transport-Container GmbH fanden sich - anders als in früheren Jahren - erstmals auch Zwischenbilanzen des Unternehmens. Und wer diese aufmerksam las, konnte bereits im vergangenen Jahr erkennen, dass im P&R-Reich offensichtlich etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

Konkret verfügte die P&R Transport-Container GmbH zum Zeitpunkt der Prospekterstellung, also 2017, über eine Forderung in dreistelliger Millionenhöhe gegenüber einer ihrer Schwesterfirmen, der ebenfalls heute insolventen P&R Container Vertriebs- und Verwaltungs-GmbH. Das habe jedoch nicht sein dürfen, so der Rosenheimer Fondsanalyst Stefan Loipfinger, der als erster auf diese Merkwürdigkeiten hinwies. Denn die Transport-Container GmbH hätte ihr Kapital eigentlich zum Kauf von Containern an die P&R Equipment & Finance Corp., eine P&R-Tochter in der Schweiz, überweisen müssen. Gegenüber letzterer jedoch fand sich in den Unterlagen wiederum eine Verbindlichkeit, ebenfalls in dreistelliger Millionenhöhe.

Aus diesen Informationen lässt sich ableiten, dass bei P&R offenbar bereits 2017 Anlegergelder nicht wie eigentlich vorgesehen zum Kauf von Containern verwendet wurden. Stattdessen erfüllte das Unternehmen damit an anderer Stelle Verpflichtungen, etwa gegenüber Investoren, die ausgezahlt werden mussten. Ein vernünftiger Geldanleger, dem das klar war, hätte dem Unternehmen seine Ersparnisse vermutlich kaum noch anvertraut.

Dazu musste er allerdings die über 100 Seiten umfassenden Verkaufsunterlagen äußerst genau studieren, wie auch Loipfinger sagt. Der Fondsexperte sieht nicht zuletzt deshalb den schwarzen Peter eher bei der Finanzaufsicht Bafin. Den Aufsehern hätten die Unregelmäßigkeiten bei der Prospektprüfung auffallen müssen, so Loipfinger. Zudem hätten sie nach seinen Angaben die Möglichkeit gehabt, deutlich mehr Informationen und Transparenz von P&R zu fordern - doch sie taten es nicht.

"Die Aufsicht", da ist sich Loipfinger daher sicher, "hat bei P&R komplett versagt." Ein Grund mehr für Anleger, künftig noch genauer hinzuschauen, bevor sie sich an einer Kapitalanlage wie jener von P&R beteiligen.