Preishoch nach Angriff auf saudische Förderung Wie entsteht eigentlich der Ölpreis?

Rauch über Saudi-Arabien: Die Angriffe vom Wochenende haben die Ölproduktion des Landes schwer getroffen.

Rauch über Saudi-Arabien: Die Angriffe vom Wochenende haben die Ölproduktion des Landes schwer getroffen.

Foto: REUTERS / Stringer

Der Angriff auf die Ölförderanlagen Saudi-Arabiens am vergangenen Wochenende rückt den Ölmarkt in das Zentrum der Aufmerksamkeit: Bereits unmittelbar nach den Attacken prophezeiten Beobachter, dass die Ölpreise am Montagmorgen mit einem starken Anstieg reagieren würden. So kam es dann auch: In den ersten Handelsminuten legten die Ölpreise am Montag bis zu 20 Prozent zu. Zuletzt kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 65,33 US-Dollar. Das waren 5,11 Dollar mehr als am Freitag. Der Preis für ein Barrel der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 4,35 Dollar auf 59,20 Dollar. In der Spitze waren die Ölpreise vorübergehend auf den höchsten Stand seit mehreren Monaten gestiegen.

Wie sich die Ereignisse vom Wochenende auf Dauer auf das Preisniveau am weltweiten Ölmarkt auswirken werden, hängt davon ab, wie lange es zu Förderausfällen kommen wird. Zudem könnten Akteure am Terminmarkt künftig eine höhere Risikoprämie in ihre Kontrakte einkalkulieren, was für einen längerfristigen Preiseffekt spräche. Immerhin sank die saudische Förderung aufgrund der Attacken spontan um 5,7 Millionen Barrel und damit etwa die Hälfte des üblichen Tagesvolumens, wie die staatliche saudische Nachrichtenagentur SPA mitteilte. Am Weltölmarkt fehlt damit rein rechnerisch momentan etwa 5 Prozent der üblichen täglichen Fördermenge.

Die US-Bank Goldman Sachs rechnete schon am Sonntag in einer Studie die möglichen Konsequenzen vor: Beschränke sich die Förderknappheit auf maximal eine Woche, so bleibe es beim zusätzlichen Risikoaufschlag am langfristigen Terminmarkt, den Goldman auf immerhin drei bis fünf Dollar je Barrel beziffert. Bei Förderausfällen von bis zu sechs Wochen taxieren die Experten der US-Bank den möglichen Aufschlag auf den Ölpreis schon auf insgesamt bis zu 14 Dollar je Barrel.

Bleibe es darüber hinaus für mehr als sechs Wochen beim geringeren Ölangebot aus Saudi-Arabien, so sehen die Goldman-Analysten weitergehende Konsequenzen. Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent beispielsweise würde dann über die 75 Dollar-Marke schießen, glauben sie. Zudem wäre in dem Fall der Analyse zufolge wohl ein Rückgriff auf strategische Ölreserven der Industrieländer erforderlich.

Wer derartige Prognosen anstellen will, muss den Ölmarkt sehr genau kennen und durchblicken - und das ist nicht leicht. Der weltweite Ölmarkt ist komplex. Zahlreiche Akteure nehmen daran Teil, und eine Vielzahl von Faktoren haben Einfluss. Hier der Versuch eines Überblicks:

Größte Anbieter, wichtigste Verbraucher, Einflussnahmen, mögliche Manipulation und mehr

  • Grundsätzlich ist es mit dem Ölpreis wie mit allen Preisen auf freien Märkten: Er entsteht aus dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage. Wobei es "den Ölpreis" eigentlich gar nicht gibt. Auf dem Ölmarkt werden viele verschiedene Ölsorten gehandelt, und für jede gibt es einen eigenen Preis. Dabei gilt als Faustregel: Je besser die Qualität des Öls im Hinblick auf seine industrielle Verwendbarkeit, desto höher auch der Preis.
  • Anbieter des Öls sind die großen Förderländer beziehungsweise deren Ölgesellschaften. Die Internationale Energie Agentur (IEA) listete zuletzt die USA mit einer jährlichen Fördermenge von 563 Millionen Tonnen als größten Erdölproduzenten der Welt auf, gefolgt von Saudi-Arabien (560 Millionen Tonnen) sowie Russland (548 Millionen Tonnen). Insgesamt, so die IEA, betrug die weltweite Fördermenge im Jahr 2017 4365 Millionen Tonnen.
  • Der Verbrauch des Öls teilt sich in verschiedene Bereiche auf. Allen aktuellen Diskussionen um den schonenden Umgang mit der Umwelt und dem Klima zum Trotz wird der Rohstoff zum Beispiel zum weitaus größten Teil nach wie vor als Grundlage für Treibstoff verwendet, und zwar nicht nur im Straßenverkehr sondern auch auf See und in der Luft. Ein weiterer wichtiger Öl-verbrauchender Sektor ist die produzierende Industrie. Öl befindet sich als Grundstoff beispielsweise in zahlreichen kosmetischen Produkten sowie in der Regel in synthetischer Kleidung. Auch zur Stromerzeugung findet Öl nach wie vor Verwendung.
  • Grundsätzlich gilt: Wächst die Wirtschaft, so steigt auch die Ölnachfrage - mit dem Preis geht es also tendenziell nach oben. In wirtschaftlichen Abschwungphasen dagegen gerät oft auch der Ölpreis unter Druck. Eine Rolle spielt zudem die "Ölintensität der Wirtschaft", also die relative Verarbeitungsmenge des Rohstoffs je Einheit des Sozialproduktes. Diese Intensität war über die vergangenen Jahre stark rückläufig, was unter anderem am zunehmenden Umweltbewusstsein liegen dürfte. Der preisdämpfenden Wirkung dieser Entwicklung steht allerdings entgegen, dass vor allem in Schwellenländern der Lebensstandard steigt - und damit auch der relative Ölverbrauch.
  • Die Übersicht zur Entstehung des Ölpreises könnte an dieser Stelle bereits enden, wenn sich lediglich Anbieter und Abnehmer des schwarzen Goldes auf einem - gerne auch virtuellen - Marktplatz träfen, um ihre Geschäfte abzuschließen und dabei jeweils einen Preis zu vereinbaren - je nach Höhe des Angebots und der Nachfrage. Doch so einfach ist es nicht. Weitere Einflussfaktoren auf den Ölpreis sind: Wechselkurse, Zinsentwicklungen, Spekulation von Investoren, gezielte Einflussnahme von Anbietern, allen voran des Förderkartells Opec und vieles mehr.
  • Die Währung, die den Ölpreis am ehesten beeinflussen kann, ist beispielsweise der US-Dollar, denn in dieser Währung wird Öl auf dem Weltmarkt gehandelt. Als Faustregel gilt (wie übrigens auch beim Goldpreis): Steigt der Dollar-Kurs, so gerät tendenziell der Ölpreis unter Druck. Denn Öl wird dann für Käufer und Investoren außerhalb des Dollar-Raums teurer. Gleiches gilt selbstverständlich auch umgekehrt.
  • Kein Artikel über den Ölpreis oder den Ölmarkt, in dem nicht auch das Förderkartell Opec Erwähnung fände. In dem Zusammenschluss von rund einem Dutzend Förderländer - allen voran Saudi-Arabien - stimmen sich die Mitglieder in regelmäßigen Treffen über ihre Fördermengen ab. Ziel ist es, den Ölpreis auf einem stabilen Niveau zu halten. So wollen die Opec-Länder einerseits ihre Einnahmen maximieren, andererseits aber auch negative Auswirkungen, die ein allzu hoher Ölpreis auf die Weltwirtschaft haben könnte, vermeiden.
  • Ebenfalls wichtig: Der Terminmarkt. Öl wird nicht nur direkt zwischen Anbietern und Abnehmern gehandelt, sondern auch auf Rohstoffbörsen wie der New Yorker Nymex. Dabei schließen Käufer und Verkäufer Kontrakte zur Lieferung beziehungsweise Abnahme bestimmter Ölmengen zu einem Zeitpunkt in der Zukunft ab. Die an diesen Börsen ausgehandelten Preise gelten als wichtige Richtschnur für den gesamten Ölmarkt. Am Terminmarkt kaufen allerdings nicht nur Unternehmen, die tatsächlich Verwendung für das georderte Öl haben. Vielmehr fließt dort auch viel Geld von Investoren und Spekulanten aus der Finanzwelt in den Ölmarkt. Dies trägt Beobachtern zufolge einen Großteil zu den mitunter starken Schwankungen des Ölpreises bei.
  • Eine schwer einzuschätzende Rolle spielen am Ölmarkt zudem Preisagenturen wie die US-amerikanische Platts oder die britische Argus Media. Diese Agenturen nehmen eine zentrale Rolle ein, denn sie sammeln Preisdaten zahlreicher Marktteilnehmer und veröffentlichen wiederum Richtwerte, an denen sich andere Akteure bei Kauf- und Verkaufsabschlüssen orientieren. Das Problem dabei ist jedoch die mangelnde Transparenz und Verlässlichkeit der Daten. Schon häufig wurde der Verdacht geäußert, die Rolle dieser Agenturen öffne möglichen Marktmanipulationen Tür und Tor.

Die Übersicht zeigt: Das Geschehen am Ölmarkt ist schon ohne störende Einflüsse von außen hochkomplex und schwer zu durchschauen. Ereignisse wie der Angriff in Saudi-Arabien am Wochenende kommen als zusätzlicher Unsicherheitsfaktor in die Kalkulation des Ölpreises noch dazu.

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