Dienstag, 25. Februar 2020

Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar "Die 2020er können sehr gute Jahre für Aktionäre werden"

Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar

Thomas Straubhaar
  • Der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar war jahrelang Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsinstituts (HWWI) und ist gegenwärtig Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, der Universität Hamburg. Aktuell arbeitet Straubhaar am Forschungsprojekt "Neuvermessung der Weltwirtschaft", finanziert von der Nordakademie-Stiftung Elmshorn/Hamburg, bei dem er Ende 2020/Anfang 2021 erste Erkenntnisse erwartet.

Als vor ungefähr zehn Jahren die Notenbanken rund um den Globus begannen, mit extrem lockerer Geldpolitik die Wirtschaftskrise zu bekämpfen, warnten manche Volkswirte vor einem starken Anstieg der Inflationsraten, der die Folge sein könnte. Im Interview mit manager magazin gab seinerzeit auch der Schweizer Ökonom und Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar diese Prognose ab.

Zehn Jahre später müht sich die EZB weiterhin ab, die Inflation in die Nähe des Zentralbank-Richtwertes von 2 Prozent zu bekommen - doch bislang vergeblich.

Volkswirt Straubhaar hat jedoch kein Problem damit, seine damalige Fehlprognose einzugestehen. Im erneuten Gespräch mit manager magazin erklärt er, wie die volkswirtschaftliche Theorie der Realität hinterherhinkt, warum er seine Warnung heute nicht wiederholen würde - und weshalb Investoren an der Börse womöglich erfreuliche Zeiten bevorstehen.

manager magazin: Herr Professor Straubhaar, als die EZB und andere Notenbanken nach der Finanzkrise den Geldhahn aufdrehten, warnten Sie und andere Ökonomen vor der Gefahr einer stark steigenden Inflation. Obwohl die extrem lockere Geldpolitik nun schon zehn Jahre andauert, ist es bislang nicht zu den befürchteten Preissteigerungen gekommen. Warum nicht?

Thomas Straubhaar: Weil die Theorien, die mich damals zu dieser Prognose verführt haben, in der Realität falsifiziert wurden. Deshalb ist es so wichtig, darüber zu sprechen: Eine Theorie ist immer nur solange gut und gültig, wie sie es besser als andere vermag, zu erklären, was sich in der Realität abspielt. Damals waren wir alle noch stark durch die monetaristische Grundregel geprägt, dass eine Erhöhung der Geldmenge über das Wachstum des Produktionspotenzials hinaus zu Preissteigerungen führt. Das hat sich aus vielen Gründen nicht bestätigt. Deshalb müssen wir nach neuen Theorieansätzen suchen.

Weshalb hat die Theorie versagt?

Wir haben unterschätzt, dass die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, die wir in den monetaristischen Theorien als konstant angenommen haben, in der vergangenen Dekade ganz offensichtlich stark rückläufig war. Durch eine starke Ausweitung der Zentralbankgeldmenge sollte die Kreditvergabe angekurbelt werden, aber das hat in keiner Weise stattgefunden. Mangelndes Vertrauen auf allen Ebenen und Gegenreaktionen bei der Erwartungshaltung der Unternehmen sind dafür die Ursachen. Hinzu kommen eine Reihe weiterer Dinge, die sich in den Rahmenbedingungen stark verändert haben - wie das Anrollen der Digitalisierungswelle. Insofern waren die Voraussetzungen, innerhalb derer man die Prognosen auf monetaristischer Grundlage trifft, nicht mehr gegeben.

Das Geld kam also nicht in Umlauf, weil bei Unternehmen das Vertrauen fehlte, das eine Voraussetzung für Kreditaufnahme und Investitionen darstellt. Das mag unmittelbar nach der Finanzkrise der Fall gewesen sein. Inzwischen gibt es aber seit Jahren Wachstum und Aufschwung.

Die Sicht teile ich. Deshalb sage ich seit geraumer Zeit, gerade auch in Deutschland: Hört auf, dieses EZB-Bashing zu betreiben. Der Euro ist viel stabiler, als es in Deutschland vielfach zu hören ist. Ich glaube auch, dass die Europäische Zentralbank sehr viel zur gesamtwirtschaftlichen Stabilität beigetragen hat, mehr als ihr in Deutschland gutgeschrieben wird. Grundsätzlich ist der Einfluss der Zentralbanken auf das generelle Zinsniveau meiner Ansicht nach ohnehin eher geringer, als er gemeinhin eingeschätzt wird. Da stimme ich der so genannten Weizsäcker-Krämer-These zu, die besagt, dass der Niedrigzins durch die Zentralbanken wenn überhaupt so lediglich verstärkt, aber nicht ausgelöst wurde.

Was ist stattdessen die Ursache?

Es gibt verschiedene realwirtschaftliche Ursachen, die dazu führen, dass die alten Nachfragemechanismen im Euro-Raum außer Kraft gesetzt werden. Zu nennen ist beispielsweise die Verlagerung von kapitalintensiver Produktion in andere Weltregionen. Zudem wird im Zeitalter der Digitalisierung generell weniger sach- und dafür mehr humankapitalintensiv gewirtschaftet. Das führt bei Unternehmen und damit auch Anlegern zur Erwartung, dass hohe Zinsen für lange Zeit eben aus realwirtschaftlichen Gründen der Vergangenheit angehören.

Demnach würden nicht nur die Zinsen sondern auch die Inflationsraten aufgrund von systematischen Veränderungen wie der Globalisierung und der Digitalisierung dauerhaft niedrig bleiben. Müssen sich also die Zentralbanken in ihrer Geldpolitik grundsätzlich umorientieren, weg vom fixen Inflationsziel?

Absolut, wobei ich diese Bereitschaft, sich neu zu orientieren, bei der Europäischen Zentralbank viel stärker erkenne, als beispielsweise bei den klassischen, durch den Monetarismus getriebenen Makroökonomen in Deutschland, die die EZB für ihre neuen Wege der Geldpolitik kritisieren.

Was sollte die EZB aus Ihrer Sicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt tun? Ist die extreme Niedrigzinspolitik zusammen mit Anleihenkäufen noch immer der richtige Weg?

Wir sehen ja ganz aktuell, dass die Fortführung des Anleihenkaufprogramms möglicherweise gar nicht notwendig wird. Das ist meiner Meinung nach der große Erfolg der Geldpolitik der EZB in den vergangenen zehn Jahren: Sie hat viele Drohungen ausgestoßen, die sie dann aber gar nicht wirklich auslösen musste. Die Aussage "Whatever it takes" beispielsweise reichte bereits aus, den Euro soweit zu stabilisieren, dass es sich für Spekulanten nicht mehr lohnte, darauf zu wetten, dass das System auseinanderbrach, oder dass es extreme Abweichungen bei den Inflationsraten gegeben hätte. Es war genug, die Folterwerkzeuge zu zeigen, und die Märkte haben bereits klein beigegeben. Ich kann mir vorstellen, dass das mit den Anleihenkäufen aktuell ähnlich sein wird.

Nochmal zum Thema Inflation: Kritiker sagen, schon die Berechnung der Inflationsrate, an der sich die EZB orientiert, sei fragwürdig, weil beispielsweise die Immobilienpreise, die ja in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind, nicht einfließen. Was halten Sie davon?

Da würde ich nicht einmal widersprechen. Wir haben bei den Vermögenswerten in den vergangenen zehn Jahren steigende Preise gesehen. Das betrifft nicht nur die Immobilien, sondern auch die Aktienmärkte, die ja auch Sachwerte darstellen. Das ist eine empirische Beobachtung, die niemand in Frage stellen kann. Mich stören aber an der Diskussion in Deutschland zwei Dinge. Erstens: Die Berechnungsmethode der Inflation war in der monetaristischen Theorie nie ein großes Thema. Das kommt jetzt plötzlich "ex post". Ich erwarte aber von einer Theorie, dass sie der Politik "ex ante" Hinweise gibt, wie die Dinge zu machen sind. Dieser Ablauf befriedigt mich nicht, also dass man jetzt plötzlich nachträglich versucht das Berechnungsverfahren zu ändern, um eine empirisch widerlegte Theorie weiterhin gültig erscheinen zu lassen.

Und was ist Ihr zweiter Punkt?

Ich habe viel Sympathie dafür, dass wir uns für die kommenden Jahre ganz grundsätzlich fragen, was wir mit Inflation eigentlich meinen. Also wie messen wir Veränderungen von Preisniveaus? Wie messen wir auch bei der Produktion das Wachstum des Potenzials? Wie messen wir überhaupt die Wertschöpfung im Zeitalter von Digitalisierung, von Datenwirtschaft, von Entstaatlichung, von Ent-Territorialisierung, wenn das Sozialprodukt sozusagen im World Wide Web des Internet erwirtschaftet wird? Das wäre für mich die richtige Vorgehensweise: Die Grundlagen der Theorie für eine künftige Anwendung in Frage zu stellen, nicht für die vergangene.

Das ist allerdings ein Vorhaben, das einige Jahre in Anspruch nehmen dürfte.

Absolut, aber die Forschung ist da ja schon dran. Es gibt bei der OECD und bei anderen Organisationen bereits entsprechende Analysen. Da geht es um die zentrale Frage, wie messen wir in der Praxis Inflation? Wir haben von der Nordakademie-Stiftung ein großes Forschungsprojekt finanziert erhalten, in dem wir nach neuen Methoden zur Messung des realen Bruttoinlandsproduktes suchen. Denn momentan schwimmen wir einfach ganz grundsätzlich bei der Berechnung von makroökonomischen Größen, weil wir an einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung festhalten, die aus der Zeit der Industrialisierung stammt, mit damals mehr oder weniger abgeschlossenen Volkswirtschaften.

Wenn Sie aus heutiger Sicht auf die Geldpolitik schauen, mit der Erfahrung der vergangenen zehn Jahre: Würden Sie erneut vor einem Anstieg der Inflation warnen, oder sagen Sie heute, diese Gefahr gibt es doch nicht?

Als Wissenschaftler ist es mein Beruf, Theorien zu entwickeln, um damit die Realität bestmöglich zu erklären. Diese Theorien sind nicht in alle Ewigkeit gültig, sondern nur solange sie nicht von der Wirklichkeit falsifiziert werden. Die alte Theorie, die mich vor zehn Jahren zu meiner Prognose geführt hat, wurde von der Realität widerlegt. Mit meinem aktuellen theoretischen Verständnis kann ich für die kommende Dekade, also die 2020er Jahre, keine hohe Inflationierung erkennen. Der aktuelle Stand der Theorie sagt mir vielmehr, dass wir in den kommenden zehn Jahren von sehr niedrigen Inflationsraten und auch weiterhin niedrigen Zinsen ausgehen sollten.

Das klingt nach einer guten Nachricht für Investoren insbesondere an der Börse.

Das ist richtig. Die 2020er Jahre können sehr gute Jahre werden für Leute, die die makroökonomischen Entwicklungen richtig nutzen. Die realwirtschaftlichen Basisfaktoren entwickeln sich sehr stark positiv, also etwa das weltweite Bevölkerungswachstum, bestimmte Aufholprozesse, der Kampf gegen den Klimawandel, die Digitalisierung. Das sind alles enorm schnell wachsende Märkte. Ich denke deshalb anders als manche Untergangspropheten, dass die 2020er Jahre sehr gute Jahre für Aktionäre werden können, sofern es ihnen gelingt, die richtigen Unternehmen auszuwählen. Die Indizes wie Dax, Dow Jones und andere müssten sich in der Tendenz jedenfalls positiv entwickeln.

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