Mittwoch, 23. Oktober 2019

Minuszinsen, Deutschlands Sparer und das japanische Szenario Notenbanksozialismus - so führt die EZB-Politik ins Desaster

EZB-Chef Mario Draghi, Nachfolgerin Lagarde: Lagarde wird Draghis Niedrigzinspolitik fortführen. Dabei wäre es Zeit, die Geldpolitik der letzten Jahrzehnte zu stoppen
Charles Platiau / REUTERS
EZB-Chef Mario Draghi, Nachfolgerin Lagarde: Lagarde wird Draghis Niedrigzinspolitik fortführen. Dabei wäre es Zeit, die Geldpolitik der letzten Jahrzehnte zu stoppen

3. Teil: Die Finanzwirtschaft ruft "mehr!"

Kein Wunder, dass die Finanzwirtschaft wittert, dass die guten Zeiten sich unweigerlich dem Ende nähern. Die Geldpolitik verliert ihre Wirksamkeit und damit fehlt der entscheidende Treibstoff für die Vermögenswerte weltweit. Kommen die Märkte ins Rutschen, könnte es diesmal sein, dass die Medizin nicht mehr wirkt. Deshalb - und wohl wirklich nur deshalb - fordern anerkannte Branchengrößen wie BlackRock, dass die Notenbanken dazu übergehen sollen, Aktien zu kaufen. Die Bank of Japan tut dies schon seit Jahren und besitzt fast vier Prozent der Tokioter Börse. Ohne spürbaren Erfolg für die Kursentwicklung übrigens. Die Schweizer SNB ist ebenfalls Großaktionär führender Unternehmen wie Apple.

Konsequent zu Ende gedacht würde der Notenbank-Sozialismus damit zur Verstaatlichung der Wirtschaft führen. Kevin Kühnert dürfte es freuen. Er müsste dann nur noch die Notenbank ganz offen unter staatliche Kontrolle stellen. Eine Entwicklung, die auch ohne sein Zutun zu erwarten ist.

Mit dem Kauf von Aktien ist es aber nicht getan. BlackRock fordert nun auch den Einstieg in die direkte Finanzierung von Staaten und ist damit nicht mehr weit von den Ideen der sogenannten "Modern Monetary Policy" (MMT) entfernt, die, wie bereits früher an dieser Stelle erklärt, weder modern, noch monetär ist, sondern nichts anderes als eine Wiederauflage der Geldpolitik Venezuelas, Mosambik und Weimar-Deutschlands.

Zu kritisieren ist das nicht. Es ist nur konsequent. Angesichts der Schulden- und Vermögensblasen, der Tatsache, dass rund 20 Billionen Anleihen weltweit mit Negativzins notieren und ein Einbruch an den Finanzmärkten katastrophale Wirkungen hätte, muss man alles auf eine massive Monetarisierung der Schulden verbunden mit deutlicher Inflation setzen. Problem dabei ist bisher nur: Es will nicht klappen.

Falsche Lehre aus der Großen Depression

Dabei wäre es so einfach aus der Geschichte zu lernen. Wir sind ja nicht zum ersten Mal in dieser Situation. Alles ähnelt den Zutaten der Großen Depression der 1930er-Jahre, nur dass wir es deutlich wilder getrieben haben als unsere Vorfahren. Auch die Große Depression war die Folge von zu hohen Schulden und unproduktiver Verwendung des neuen Geldes.

Die Notenbanken betonen immer wieder aus den damaligen Fehlern gelernt zu haben. Es gilt als Gemeingut, dass es nur zur Großen Depression kam, weil die Notenbanken zu spät die Zinsen gesenkt hätten und damit die Krise erst entstanden wäre. So wurde auch beim alljährlichen Notenbanker-Treffen in Jackson Hole argumentiert. Die US-Fed hätte 2009 schneller und konsequenter reagiert und nur so eine Wiederholung der Depression verhindert.

Eine überaus optimistische Einschätzung. Damals gelang es erst mit der Aufrüstung für den Weltkrieg und durch die erhebliche finanzielle Repression der Nachkriegsjahre - das Zinsniveau wurde künstlich deutlich unter der Wachstumsrate der Wirtschaft gedrückt - aus der Krise zu kommen. Heute haben wir die Krise nicht überwunden, sondern sie nur mit noch billigerem Geld unterdrückt.

Vorstellen kann man sich das so: Die Notenbanken drücken den Schulden-Ballon unter Wasser, damit er nicht zum Problem wird. Derweil wird dieser Ballon jedes Jahr größer und drückt mehr an die Oberfläche. Nur durch noch mehr Druck kann er unter Wasser gehalten werden, nur bläht er sich umso mehr auf, je mehr man ihn unter Wasser drückt. Irgendwann kann ihn die Notenbank nicht mehr halten und er schießt mit aller Macht nach oben.

Dann haben wir die Krise mit voller Wucht. Je höher die Schulden und der Verschuldungsgrad - Leverage - im System, desto größer der deflationäre Druck. Das wissen wir seit der Großen Depression und der immer noch gültigen Erklärung durch Irving Fisher. In seiner Schulden-Deflations-Theorie großer Depressionen erklärt er den desaströsen Ablauf. Im Kern ist es nichts anders als ein gigantischer Margin Call.

Diesen versuchen die Notenbanken seit Jahren zu verhindern und machen damit das Problem immer größer. Mit jeder weiteren Rettungsaktion pumpen die den Ball weiter auf und legen damit die Grundlage für die größte Schulden-Deflation aller Zeiten. Es ist eine große Wette: Gelingt es ihnen (doch noch) eine hohe Inflation zu erzeugen und damit einen etwas schmerzfreieren Weg zur Entschuldung zu finden oder platzt die Blase? Klar ist auf jeden Fall, dass es einen freiwilligen Ausstieg aus dem Spiel nicht geben wird. All-in ist das Motto. Dumm nur, dass wir da unfreiwillig mitspielen müssen.

Daniel Stelter ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt sein Kommentar nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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