Samstag, 14. Dezember 2019

Niedrigzins und die Folgen Die widerspenstigen Sparer

EZB-Chefin Lagarde, Vorgänger Draghi: Zinsen fallen, doch Sparquote steigt

Trotz extrem niedriger Zinsen geben die Bürger keineswegs hemmungslos Geld aus, sondern sie sparen immer mehr - nicht nur in Deutschland.

Wenn es eine ökonomische Gewissheit gibt in diesen ungewissen Zeiten, dann diese: Die Sparer sind die Dummen. Extrem niedrige Zinsen machen Sparen unattraktiv. Wenn es so käme, breche irgendwann das ganze kapitalistische Kartenhaus zusammen, weil niemand mehr spart.

Die Schuldigen sind längst identifiziert: die Notenbanken, zumal die Europäische Zentralbank (EZB). Ebenso die Opfer: die sparsamen Deutschen.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Die Argumentation hat mehrere Schwächen: Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Erstens sind die Realzinsen (abzüglich der Inflationsrate) nicht nur in der Eurozone extrem niedrig, sondern rund um den Globus. Zweitens machen extrem niedrige Zinsen das Sparen keineswegs unattraktiv; ganz im Gegenteil: Die Bürger sparen immer mehr. In vielen Ländern legen sie sogar einen immer größten Teil ihrer Einkommen zurück. Die gesamtwirtschaftliche Sparquote in der Eurozone hat sich netto (nach Abzug von Abschreibungen) seit 2009 fast verdreifacht. In Deutschland allein hat sie sich immerhin verdoppelt, wie Zahlen der OECD zeigen.

In Relation zu ihren verfügbaren Einkommen sparen die Bürger in vielen Ländern immer mehr: Ob in Deutschland, Frankreich oder der Eurozone insgesamt, ob in den USA, in Schweden oder der Schweiz sind die Sparquoten vergleichsweise hoch; und vielerorts werden sie nach OECD-Prognosen in den kommenden Jahren weiter zulegen.

Wie kann das sein? Wenn sich Sparen weniger lohnt, müssten dann die Leute nicht mehr Geld ausgeben, statt es auf die hohe Kante zu legen? Verhalten sie sich am Ende schlicht unvernünftig?

Leben an der Nulllinie

Wir leben in einer neuen Zeit. Seit der Krise von 2008/09 sind die langfristigen Zinsen Richtung Nulllinie gefallen. Die Notenbanken haben dazu beigetragen, indem sie große Mengen an Wertpapieren aufgekauft haben, genau mit dem Ziel, die langfristigen Zinsen zu senken. Zum anderen handelt es sich um die Fortsetzung eines weltweiten Trends, der seit Anfang der 80er Jahre anhält.

Obwohl Sparvermögen immer weniger Zinsen abwerfen, haben die Bürger keineswegs mit dem Sparen aufgehört. Denn Zinserträge zu kassieren, ist keineswegs der einzige Grund, warum Menschen sparen. Auch steigende Einkommen spielen eine Rolle, ebenso die Alterung der Gesellschaft, eine weniger gleichmäßige Einkommensverteilung, steigende Immobilienpreise und Wertpapierkurse, allgemeine Verunsicherung über die weitere Entwicklung, um nur die wichtigsten Faktoren zu nennen. In verschiedenen historischen Konstellationen gewinnen jeweils andere Faktoren die Oberhand.

Zum Beispiel Italien und Japan. Beide gehörten in den 70er Jahren zu den Nationen mit den höchsten Sparquoten weltweit. Den Spitzenwert erreichte Italien 1978, als die Bürger mehr als ein Viertel ihrer verfügbaren Einkommen zurücklegten. Japan erreichte einen ähnlich hohen Wert ein paar Jahre früher.

Es war der Endpunkt der Nachkriegsentwicklung, einer zweieinhalb Jahrzehnte währenden Phase, in der die Einkommen stark gestiegen waren. Entsprechend hatten die Menschen immer mehr Geld zurückgelegt - die Konsumwünsche nahmen langsamer zu als die finanziellen Möglichkeiten.

Dann wurden die Zeiten schwieriger. Das Wachstum verlangsamte sich; erstmals seit langem kam es wieder zu Rezessionen. Bei schwächeren Wohlstandszuwächsen, oder gar Einbußen in Rezessionsphasen, sparten die Bürger einen geringeren Anteil ihrer Einkommen, um ihren Lebensstandard aufrechterhalten zu können. Die Sparquoten schwanken deshalb typischerweise mit der Konjunktur.

Im langfristigen Trend sind den Sparquoten seit Jahrzehnten gesunken; je reicher Gesellschaften werden, desto weniger legen sie tendenziell zurück. Steigen dazu auch noch die Vermögenswerte stark im Preis, so wie das während des Booms der 2000er Jahre der Fall war, sinken die Sparquoten noch weiter. Nach dem Motto: Warum noch auf die harte Tour Geld zurücklegen, wenn das Vermögen (Eigenheim, Aktienfonds) doch automatisch immer wertvoller wird?

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung