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Negative Zinsen Sicherheit kostet Geld - EZB führt Altersvorsorge ad absurdum

Keine Rendite ohne Risiko, lautet seit Jahren die Devise. Nach der Meldung vom ersten Negativzins auf Bankeinlagen kommt ein neuer Grundsatz hinzu: Sicherheit kostet Geld. Leidtragender ist der Sparer - seine Altersvorsorge wird von Politik und Notenbanken torpediert.
Verflogen: Wer Geld zur Bank trägt, muss dafür Geld bezahlen. Günstiger wäre, das Geld unterm Kopfkissen zu bunkern

Verflogen: Wer Geld zur Bank trägt, muss dafür Geld bezahlen. Günstiger wäre, das Geld unterm Kopfkissen zu bunkern

Foto: Corbis

Hamburg - Ich stelle der Bank mein Geld zur Verfügung, damit sie es für sich arbeiten lassen kann - und dafür soll ich auch noch draufzahlen? Das ist doch eine Unverschämtheit!

Das ungefähr dürfte vielen durch den Kopf gehen, wenn sie Meldungen über negative Sparzinsen lesen, die in diesen Tagen die Runde machen. Als erste deutsche Bank erhebt die Skatbank einen solchen negativen Einlagenzins, wie vergangene Woche das Vergleichsportal Verivox publik machte. Ab einem Guthaben von 500.000 Euro beträgt der "Strafzins", den Skatbank-Kunden zahlen müssen, 0,25 Prozent. Allerdings nur, wenn das Gesamtguthaben drei Millionen Euro überschreitet, wie inzwischen konkretisiert wurde.

Damit erhält die Diskussion um geringe Erträge am Kapitalanlagemarkt neuen Zündstoff. Seit einigen Jahren befindet sich das Zinsniveau für Bankprodukte auf extrem niedrigem Niveau. Wer Rendite anstrebt, muss dafür ins Risiko gehen, lautet seither die Devise. Sprich: Aktien, Anleihen oder Immobilien kaufen, die im Wert schwanken und somit - anders als Tages- oder Festgelder - Verluste bringen können.

Nun also der nächste Schritt: Zu dem Grundsatz "Keine Rendite ohne Risiko" kommt offenbar ein weiterer hinzu: Sicherheit kostet Geld - wer Risiken meidet, zahlt.

Weitere Banken dürften negative Zinsen einführen

Zwar zeigt eine Blitzumfrage von manager magazin online bei prominenten Adressen wie der Deutschen Bank  oder der Commerzbank , dass derzeit angeblich noch kein weiteres Institut ähnliche Pläne für Negativzinsen hat. Marktbeobachter gehen aber davon aus, dass die Banken zunächst die Reaktion auf den Vorstoß der Skatbank abwarten, bevor sie sich aus der Deckung wagen.

So äußerte sich am Wochenende auch Asoka Wöhrmann, Chefanlagestratege der Deutsche-Bank-Tochter Deutsche Asset & Wealth Management, der prophezeite, negative Zinsen dürften bald "keine Seltenheit" mehr sein. Schließlich berichtet Verivox, dass einige Unternehmen bereits seit Wochen solche Minuszinsen - sprich Strafgebühren - auf ihr Guthaben zahlen.

Ein besonderer Grund, auf die Banken einzuprügeln, ist das für den größten Teil der Sparer allerdings kaum. Erstens trifft es nach der Drei-Millionen-Euro-Hürde der Skatbank zunächst nicht den klassischen Privatanleger. Beobachtern wie Max Herbst von der unabhängigen FMH-Finanzberatung zufolge dürfte es dabei vorläufig auch bleiben. Und zweitens ist die Reaktion der Bank durchaus nachvollziehbar.

Die Institute und ihre Kunden befinden sich in einer simplen Marktsituation, in der die Gesetze von Angebot und Nachfrage gelten. Das heißt: Hat die Bank Interesse an Kapital, um damit arbeiten zu können, muss sie Anreize bieten, damit Kunden zu ihr kommen und ihr Geld bei ihr anlegen. Dazu dient der Zins.

Rennen die Kunden den Geldinstituten aber wie gegenwärtig die Türen ein, um ihr Vermögen dort vor den Risiken des Kapitalmarktes zu schützen, dann gibt es diese Notwendigkeit des Anreizes nicht mehr. Im Gegenteil: Die Banken bieten ihren Kunden die Sicherheit, die sie in alternativen Anlageformen wie Geldmarktfonds oder Anleihen nicht finden - und wie gesagt: Diese Sicherheit kostet künftig Geld. Zumal die fast zwei Billionen Euro an Spareinlagen, die Europas Banken halten, für sie inzwischen zum Kostenfaktor geworden sind: Parken sie dieses Geld bei der EZB, müssen sie darauf Strafzinsen zahlen - und diese Kosten geben sie früher oder später an den Kunden weiter.

Der Verantwortliche sitzt über den Dächern Frankfurts

Kritiker können nun anführen, die Banken drängen Anleger auf diese Weise in Investments mit höheren Risiken wie etwa Aktienfonds, an denen die Institute im Zweifel auch mehr verdienen. Zumal sich eine ähnliche Konstellation anderswo auf dem Geldanlagemarkt schon früher gezeigt hat.

Wer etwa Gold  im Depot hat, weil er vielleicht dem Papiergeld nicht mehr traut, zahlt dafür beispielsweise bei der DAB Bank seit einiger Zeit sogenannte Verwahrgebühren. Wer kurzlaufende Anleihen kauft, bekommt auch dafür nicht selten eine Negativrendite.

Der wahre Verantwortliche für diese Entwicklung sitzt aber nicht in den Vorstandsetagen der Geschäftsbanken hoch über den Straßen der Frankfurter City. Er bezieht vielmehr gerade ganz in der Nähe neue Räumlichkeiten,in einem funkelnagelneuen Bürohochhaus im Ostend der Main-Metropole.

Die Rede ist von der Europäischen Zentralbank (EZB). Weil Länder wie Italien oder Spanien nicht in der Lage sind, mit Reformen aus ihren Schwierigkeiten zu kommen, sieht sich EZB-Präsident Mario Draghi nun schon seit geraumer Zeit gezwungen, die Zinsen auf niedrigstem Niveau zu halten. Mehr noch: Von Banken, die ihr Geld kurzfristig bei der Notenbank parken, verlangt diese seit einigen Monaten ihrerseits einen negativen Zins.

Das Problem, Kapital gewinnbringend anzulegen, und zwar bei möglichst überschaubarem Risiko, haben also nicht nur die Bankkunden - die Geschäftsbanken haben es auch. Für sie gilt ebenfalls: Sicherheit kostet Geld.

Der private Sparer zahlt die Zeche für die Krisenpolitik der EZB

Der Leidtragende in dem Gesamtszenario ist trotz allem der private Sparer, der versucht, fürs Alter vorzusorgen und Vermögen zu bilden. Aber wie?

Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret hat die Gefahr erkannt. Sollten die deutschen Geldinstitute negative Zinsen auf Spar- und Giroeinlagen einführen, so wäre das "negativ für die Sparkultur", sagte er am Montag auf einer Tagung in Mainz.

Das ist noch vornehm ausgedrückt. Strafzinsen auf Bargeld sind ein weiterer Schlag für die Altersvorsorge der Deutschen:

• Der Garantiezins für Lebensversicherungen wird wegen der Niedrigzinspolitik der EZB ab 2015 von 1,75 Prozent auf 1,25 Prozent auf den Sparanteil sinken - die Lebensversicherung, einst liebstes Kind der deutschen Sparer, ist nicht mehr attraktiv

• Anleihen wie deutsche Bundesanleihen werfen kaum noch etwas ab - nach Abzug der Inflation ist die Rendite auch hier vielfach bereits negativ. Was den deutschen Finanzminister freut, ist für den Sparer ein Gräuel: Eine weitere wichtige Säule seiner Altersvorsorge ist gekippt

• Aktien können langfristig eine höhere Rendite erzielen, ihr Wert schwankt jedoch stark. Anleger müssen einen langen Atem haben. Der Sparer-Freibetrag für Dividenden und Aktiengewinne ist in Deutschland mit 801 Euro pro Jahr lächerlich gering - jedenfalls im Vergleich zu den meisten europäischen Nachbarn. Statt Aktien als wichtigen Baustein der privaten Altersvorsorge zu fördern, kassiert der deutsche Fiskus bei Aktiensparern kräftig mit. In Schweden oder den USA können Vorsorgesparer in kosten- und steuerbegünstigte Aktiensparpläne einzahlen - und in Deutschland? Fehlanzeige.

• Und nun auch noch drohende Strafzinsen für größere Guthaben auf das Sparbuch. Die Gründe für negative Zinsen auf Spareinlagen sind nachvollziehbar - doch dem Sparer bleibt nur noch Ratlosigkeit.

Jede politische Fensterrede, wie wichtig private Altersvorsorge sei, muss für den deutschen Sparer wie Hohn klingen. Bundesregierung und EZB führen die Altersvorsorge in Deutschland damit ad absurdum.