Dienstag, 25. Februar 2020

Nachhaltigkeit als Wirtschaftsmotor Gäbe es den Klimawandel nicht - man müsste ihn erfinden

Green Deal statt Krieg: Der Kampf gegen den Klimawandel schafft die Grundlage für neue Nachfrage, die dann über staatlichen Konjunkturprogramme und die Ausweitung der Geldmenge finanziert wird

Die Welt bleibt gefangen in einer großen Depression in Zeitlupe. Gut, dass es den Klimawandel gibt, mit dem sich radikale Maßnahmen zur Ankurbelung der Weltwirtschaft rechtfertigen lassen.

Ein enttäuschendes Jahrzehnt liegt hinter der Weltwirtschaft. Überall blieb das Wachstum deutlich hinter den Erwartungen zurück. Ein Vergleich des "Trendwachstums" - also der Entwicklung der Wirtschaft, wenn alles so weiter gegangen wäre wie vor der Krise - mit der tatsächlichen Entwicklung zeigt einen dramatischen Wohlstandsverlust.

Für die USA beläuft sich der Verlust nach Berechnungen der Rabobank auf rund vier Billionen US-Dollar, was rund 20 Prozent des laufenden BIP entspricht. Das ist ungewöhnlich, weil die US-Wirtschaft sich von allen vorangegangenen Rezessionen - inklusive Platzen der Dotcom-Blase 2000 - immer vollständig erholt hat.

In der Eurozone sieht es noch schlechter aus. Auf 3,5 Billionen Euro wird der sogenannte Output-Gap geschätzt, relativ noch mehr als in den USA. Schlimmer noch: Wenn man den Zeitraum seit 2000 betrachtet, könnte man sogar zum Schluss kommen, dass sich die Eurozone, abgesehen von der kurzen Ausnahme der Jahre 2006/2007, schon seit zwei Jahrzehnten im Niedergang befindet.

Daniel Stelter

Deutschland die Ausnahme? Nun, das denken nur die Deutschen, die in der Tat ein paar gute Jahre erlebten - verursacht durch billiges Geld und den schwachen Euro. Trotzdem liegt selbst hierzulande das BIP um rund 700 Milliarden unter dem Niveau, das sich beim Fortschreiben des Vorkrisentrends ergeben hätte.

Depression in Zeitlupe

Diese enttäuschende Entwicklung haben wir trotz des historisch einmaligen Bemühens der Notenbanken, zu stimulieren. Die Bilanzen der Notenbanken der westlichen Welt haben sich seit 2009 von rund vier Billionen auf über 16 Billionen vervierfacht. Die Zinsen sind ebenfalls deutlich zurückgegangen. Praktisch überall liegen sie unter dem Niveau von vor zehn Jahren.

Jeder Versuch, das Zinsniveau anzuheben und aus der Politik der Bilanzausweitung auszusteigen, ist bisher gescheitert. Die EZB beschloss noch unter Mario Draghi weitere Wertpapierkäufe, die US-Fed musste unter dem Eindruck heftiger Spannungen am Markt für kurzfristige Finanzierungen massiv intervenieren und weitet zurzeit die eigene Bilanz schneller aus als noch zum Höhepunkt der Finanzkrise.

Dies kann bei nüchterner Betrachtung nicht überraschen. Die Ursache jeder Krise ist der vorangegangene Boom. Dabei fällt die Krise umso schärfer aus, je mehr Schulden gemacht und je mehr falsche Investitionen mit diesem Geld getätigt wurden. 2009 war es vordergründig die Krise im amerikanischen Immobilienmarkt, wo mit zu vielen Schulden zu viele Häuser gebaut und gehandelt wurden. In Wahrheit war es die Krise eines Systems, das bereits seit Anfang der 1980er-Jahre auf immer mehr Schulden angewiesen war, um stagnierende Einkommen und abnehmende Produktivitätsfortschritte zu kompensieren.

Befördert wurde sie von einem Geldsystem, in dem Banken weitgehend unbegrenzt neues Geld schaffen können und Notenbanken nur zu bereitwillig bei jeder kleinen Krise die Zinsen gesenkt haben. Ein wahres Ponzi-Schema, das darauf beruht, immer mehr Schulden zu generieren, um die bestehenden Schulden bedienbar zu halten.

Schulden durch noch mehr Schulden bekämpft - Aufstieg der Populisten

Als das Ponzi-Schema 2009 zu kollabieren drohte, waren die Schulden der westlichen Welt schon zu hoch und die Fehlinvestitionen zu eklatant. Statt eine Bereinigung der faulen Schulden und der Überkapazitäten zuzulassen, wurde die Krise, die durch zu billiges Geld und zu viele Schulden ausgelöst wurde, durch noch billigeres Geld und noch mehr Schulden bekämpft. Praktisch überall liegt die Gesamtverschuldung von Staaten und Privaten über dem Niveau von 2007. Die Weltbank warnt in ihrem jüngsten Bericht lautstark vor den Folgen dieser weiter gestiegenen Verschuldung und sieht erhebliche Risiken für eine erneute Finanzkrise.

Lösen kann die Politik billigen Geldes und weiter steigender Verschuldung die Probleme offensichtlich nicht. Stattdessen erleben wir eine Depression in Zeitlupe mit erheblichen Nebenwirkungen. Die frische Liquidität für zu neuen Blasen an den Märkten für Vermögenswerte - Wall Street und auch deutsche Immobilien - und verschärft so die wahrgenommene Ungleichheit in der Vermögensverteilung.

Zugleich stagniert die Produktivitätsentwicklung und damit die Lohnentwicklung für breite Bevölkerungsschichten. Kein Wunder also, dass der Zuspruch für Populisten in der westlichen Welt so hoch ist, wie seit den 1930er-Jahren nicht mehr.

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