Prozess gegen Finanzvertriebler Michael Turgut Herr Graumarkt persönlich kommt wieder vor Gericht

Der Graumarkt in Person: Finanzvertriebler Michael Turgut muss sich ab Freitag vor Gericht in Hof verantworten.

Der Graumarkt in Person: Finanzvertriebler Michael Turgut muss sich ab Freitag vor Gericht in Hof verantworten.

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Dunkler Anzug, weißes Hemd und das Einstecktuch farblich gerne passend zur Krawatte; dazu augenscheinlich stets eine ordentliche Portion Gel im Haar und am Handgelenk mit Vorliebe eine Uhr, die irgendwie diesen gewissen Tick größer ist als eigentlich erforderlich: Wäre der graue Kapitalmarkt ein Mensch, dann sähe er vermutlich ziemlich genauso aus wie Michael Turgut. Auf den ersten Blick seriös, bei genauerem Hinsehen aber auch ein wenig halbseiden.

Vertriebsprofi Turgut ist seit Jahren eine kleine Berühmtheit in diesem Nischengeschäft, das erst in jüngerer Vergangenheit stärker in den Fokus des Gesetzgebers und der Finanzaufsicht gerückt ist. Eine zweifelhafte Berühmtheit allerdings: Immer wieder tauchte Turguts Name auf, wenn es darum ging, bei privaten Investoren in ganz Deutschland Millionen einzusammeln, und zwar für meist fragwürdige Anlageprodukte, deren Renditeversprechen ebenso verlockend erschienen, wie ihre Konstruktionen intransparent waren. Und deren Investoren ihre Anlageentscheidung im Nachhinein allzu oft bereuten.

Ein Grund: Vielfach ohne das Wissen der Anleger floss bei solchen Investments regelmäßig besonders viel Geld in die Taschen des Finanzvertriebs, zu dessen eifrigsten Vertretern jahrelang Michael Turgut zählte. Bis zu 20 Prozent oder mehr der investierten Summe stand aus diesem Grund oft gar nicht erst für den eigentlich versprochenen Investitionszweck zur Verfügung - klar, dass es dann auch kaum möglich war, die versprochenen Renditen zu erzielen.

Fondskosten bewusst verschwiegen?

Das ist auch der Punkt, um den es ab Freitag dieser Woche vor dem Landgericht im bayerischen Hof gehen wird, wo Turgut einmal mehr auf der Anklagebank Platz nehmen soll. Der 49jährige war wegen seiner umstrittenen Vertriebsmethoden in der Vergangenheit bereits verschiedentlich zu Gast in deutschen Gerichtssälen. Just ebenfalls vom Landgericht Hof wurde Turgut beispielsweise erst vor einem Jahr zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Die musste er bislang allerdings nicht antreten, weil die nächste Instanz noch nicht über seine Revision entschieden hat.

Aktuell wirft die Staatsanwaltschaft Hof Turgut vor, in den Jahren 2005 und 2006 im Zusammenhang mit dem Vertrieb der 120 Millionen Euro schweren Anlageofferte Multi Advisor Fund I dutzende Anleger betrogen zu haben. Turgut habe die Investoren über die tatsächliche Verwendung ihrer Anlagesummen getäuscht und dabei Zahlungen für Emissions- und Weichkosten verschwiegen, so der Vorwurf.

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So soll Turgut laut Anklage den Anlegern des besagten Fonds über seine Vertriebsleute vorgegaukelt haben, es fielen lediglich Vertriebskosten in Höhe des Agios von 5 Prozent an. Tatsächlich gab es bei dem Fonds jedoch laut Staatsanwaltschaft über das Agio hinaus sogenannte weiche Kosten in Höhe von mehr als 14 Prozent - und die wurden im Verkaufsgespräch bewusst nicht erwähnt, behaupten die Ankläger. Den dadurch in 76 Einzelfällen entstandenen Schaden beziffern sie auf insgesamt fast 500.000 Euro.

Ehemalige Spitzensportler und frühere Polit-Prominenz - Turguts Partner

Turgut seinerseits geht davon aus, dass sich die Vorwürfe als haltlos erweisen werden, wie er auf Anfrage über seine Anwälte mitteilen lässt. Jeder Anleger habe im Rahmen eines Gesprächsprotokolls unterschrieben, dass er auf die Emissionskosten laut Emissionsprospekt hingewiesen wurde, so seine Darstellung. Überdies habe jeder Anleger unterzeichnet, dass er den Emissionsprospekt gelesen und auch verstanden habe. Es fehle mithin jegliche Grundlage für eine Täuschung. In dem Prozess, der zunächst auf 20 Verhandlungstage bis Anfang kommenden Jahres angesetzt ist, und bei dem theoretisch ein Strafmaß von bis zu zehn Jahren im Raum stehen könnte, erwarte Turgut daher einen Freispruch.

Wie auch immer das Verfahren ausgeht, an Turguts Image wird das kaum etwas ändern: Er sei das "Stehaufmännchen des grauen Kapitalmarktes", schrieb schon vor einigen Jahren "Euro am Sonntag". Eine Art Symbolfigur für eine ganze Branche also. Möglich ist das, weil es in diesem Markt jahrelang üblich war, dass jeder wusste, wer zu den berühmt-berüchtigten schwarzen Schafen zählte - aber kaum etwas geschah, um daran etwas zu ändern.

So konnte Turgut mit seinen Vertriebsfirmen - allen voran die Futura Finanz sowie nach deren Pleite die Nachfolgegesellschaft Internationale Futura Finanz (IFF) - jahrelang immer neue, zweifelhafte Anlageofferten unters Volk bringen. Oft waren das Spezialformen der Gattung geschlossener Fonds, nämlich sogenannte Misch- oder Portfoliofonds. Bei diesen wird gegenüber den Anlegern zunächst offen gelassen, wo deren Geld investiert werden soll. Lediglich die grobe Richtung ist bekannt, also beispielsweise Wertpapiere, Immobilienbeteiligungen oder ähnliches.

Gemeinsam haben diese Fonds auch ein anderes Merkmal: Die großzügige Kostenstruktur, über die sich die Macher im Hintergrund sowie auch deren Vertriebspartner wie etwa Michael Turgut zum Teil erhebliche Summen abzweigen konnten.

Anleger machen Verluste

Ein Beispiel war der maßgeblich von Turgut verkaufte Fonds Capital Sachwert Alliance, aufgelegt von der Frankonia-Gruppe (später umbenannt in Deltoton), hinter der unter anderem die ehemaligen deutschen Weltklasse-Fechter Thomas Gerull und Elmar Borrmann standen. An deren Investmentofferten beteiligten sich Medienberichten zufolge mindestens 25.000 Anleger mit einem insgesamt zwei- bis dreistelligen Millionenbetrag. Die Sache wurde jedoch zum Riesenflop: Die Deltoton landete in der Insolvenz, und einzelne Verantwortliche mussten sich wegen Betrugsvorwürfen vor Gericht verantworten. Für die Anleger blieben unterm Strich vor allem Verluste.

Oder der Master Star Fund Deutsche Vermögensfonds I (MSF). So staatstragend wie der Name dieser Investmentofferte war auch das Personal, das dafür gerade stand: Ex-Bundesverteidigungsminister Rupert Scholz (CDU) etwa warb prominent für den Fonds, und der frühere Berliner Schulsenator Walter Rasch (FDP) führte die Geschäfte.

Etwa 7000 Investoren beteiligten sich mit insgesamt etwa 43 Millionen Euro am MSF - exklusiv vermittelt von Turguts Firma Futura Finanz. Dann der Schock: 2005 schritt die Finanzaufsicht Bafin gegen den Fonds ein, weil dieser angeblich unerlaubte Bankgeschäfte betrieb. Nachdem sich zwischenzeitlich auch Gerichte mit dem Thema beschäftigt hatten, machte die Bafin zwar ein Jahr später einen Rückzieher. Der Fondserfolg war da aber offenbar schon kaum noch zu retten. Auch der MSF bereitete vielen Anlegern Verluste und beschäftigte in der Folge zahlreiche Gerichte in ganz Deutschland.

Unzufriedene Kunden "nicht zu vermeiden"

Der Multi Advisor Fund I, um den es ab Freitag vor Gericht in Hof gehen wird, zählte ebenfalls zur Kategorie der Misch- oder Portfoliofonds. Turguts Firma IFF hatte den Vertrieb des Fonds seinerzeit exklusiv übernommen und sogar eine umfangreiche Garantie für die Platzierung der anvisierten 120 Millionen Euro abgegeben. Auch diese wird im Gericht vermutlich zur Sprache kommen, denn nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hätte Turgut mit seinem Unternehmen im Ernstfall für diese Zusage gar nicht geradestehen können.

Auf eine Anfrage dazu gibt Turgut per Anwaltskanzlei an, ein Verfahren zu dem Thema sei von der Staatsanwaltschaft München geführt und bereits eingestellt worden. Turguts Anwälte gehen daher von einer "erwiesenen Unschuld" ihres Mandanten in diesem Punkt aus. Allerdings betraf das Münchener Verfahren womöglich einen anderen Fonds. Auf Nachfrage gibt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft in München jedenfalls die Auskunft, dass ein laufendes oder bereits eingestelltes Verfahren, in dem es um den Multi Advisor Fund I und die von Turgut für den Fonds abgegebene Platzierungsgarantie über rund 120 Millionen Euro ginge oder gegangen wäre, bei der Behörde nicht bekannt sei.

Was bleibt ist die Frage, was Stehaufmännchen Turgut eigentlich heute macht (wenn er nicht gerade im Gerichtssaal sitzt)? In Branchenmedien und einschlägigen Online-Foren kursieren Gerüchte, der Finanzvertriebler sei nach wie vor in altbewährter Weise aktiv. Das sei jedoch unzutreffend, man habe entsprechende Behauptungen bereits gerichtlich untersagen lassen, lässt Turgut auf Anfrage per Anwaltsbüro wissen.

Vielmehr sei Turgut seit zwölf Jahre nicht mehr in der Finanzbranche tätig. Seine Aktivitäten hätten sich "überwiegend positiv für die Anleger ausgewirkt", so die Darstellung der Juristen weiter. Dass es vereinzelt unzufriedene Kunden gebe, sei leider nicht zu vermeiden.

Nachtrag: Das Verfahren gegen Michael Turgut wegen Betrugsvorwürfen in Zusammenhang mit dem Vertrieb des Multi Advisor Fund I endete am 13. März 2018 vor dem Landgericht Hof mit einem Freispruch. Zwar haben die Anleger einen Totalverlust erlitten. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme waren sie über das Verlustrisiko aber ausreichend informiert. Der Vorwurf, Anleger seien über die Kosten des Fonds getäuscht worden, haben sich nicht bestätigt. Am Ende des Prozesses hatte auch die anklagende Staatsanwaltschaft auf Freispruch plädiert.

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