Rasanter Kursverfall, neue historische Tiefpunkte Türkische Lira bricht nach neuen US-Strafzöllen um ein Fünftel ein

Türkische Lira in einer Wechselstube: Die Währung hat an einem Tag 19 Prozent an Wert zum Dollar verloren

Türkische Lira in einer Wechselstube: Die Währung hat an einem Tag 19 Prozent an Wert zum Dollar verloren

Foto: SEDAT SUNA/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Das Drama um den Verfall der türkischen Lira hat am Freitag nochmals kräftig an Schärfe gewonnen: US-Präsident Donald Trump hatte kurzfristig neue Sanktionen gegen die Türkei angekündigt, die Zweifel an der Handlungswilligkeit der türkischen Regierung wachsen. All das hat den Kurs der Lira weiter abstürzen lassen - die türkische Währung hat binnen eines Tages bislang 19 Prozent an Wert verloren.

Kurz nachdem US-Präsident Donald Trump eine Verdopplung der Strafzölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei erklärte, notierte die Lira am Nachmittag bei 6,62 zum Dollar. Bereits am Morgen hatte die Lira nach Äußerungen des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan massiv an Wert verloren.

Denn Erdogan fällt nicht wesentlich mehr ein, als in der Währungskrise sein Land zur Geschlossenheit aufzurufen. "Wir werden den Wirtschaftskrieg gewinnen", sagte Erdogan am Freitag zufolge. Türken sollten Dollar, Euro und Gold in die Landeswährung Lira tauschen. Die kämpferischen Worte und die Tausch-Aufforderung reichten aber nicht aus, um die panische Stimmung an den Finanzmärkten zu beruhigen. Die Landeswährung Lira befindet sich in freiem Fall. Sie verlor zum Wochenschluss zeitweise 18,5 Prozent zum Dollar - das war der stärkste Tagesverlust seit Anfang 2001.

Erdogan nannte die starken Verluste an der Börse - auch Aktien und Anleihen fliegen seit Tagen im hohen Bogen aus den Depots internationaler Investoren - "künstliche Finanzvolatilität". Die Türkei werde eine Antwort darauf finden. "Das ist eine nationale Anstrengung."

Experten machen aber seine Politik für die Turbulenzen verantwortlich. "Der Grund, warum die Währung entgleist ist, ist, dass das Vertrauen in die Wirtschaftspolitik sowohl im In- als auch im Ausland verschwunden ist", sagte Seyfettin Gursel, Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der Bahcesehir Universität in Istanbul.

Aussicht auf unabhängige Zentralbank beruhigt Märkte kaum

Auch ein neues Wirtschaftskonzept, das Finanzminister Berat Albayrak am Freitag vorstellte, sorgte nicht für mehr Ruhe an den Märkten. Die Pläne sehen unter anderem eine straffere Geld- und Haushaltspolitik vor. Seit Jahresbeginn hat die türkische Währung mehr als 40 Prozent an Wert eingebüßt, nachdem es schon 2017 um etwa ein Viertel nach unten gegangen war. Das treibt die Inflation immer mehr nach oben.

Albayrak - Erdogans Schwiegersohn - sagte, im neuen wirtschaftlichen Ansatz spiele eine unabhängige Zentralbank eine kritische Rolle. Fachleute bezweifeln jedoch, dass Erdogan die Kontrolle gänzlich aufgeben will. "Im Moment kann ich nicht wirklich glauben, dass die Türkei auf dem Weg zu einer unabhängigen Zentralbank ist", sagte Janis Hübner, Türkei-Experte bei der Dekabank. Erdogan selbst müsse das entscheidende Signal aussenden, dass er die Sorgen der Kapitalmärkte ernst nehme und bereit sei, ihnen das zu liefern, was sie benötigten.

Das wäre etwa eine drastische Erhöhung der Zinsen durch die Notenbank: Hübner sprach sich für fünf Prozentpunkte aus. Derzeit liegt der Leitzins in der Türkei bei 17,75 Prozent. Erdogan bezeichnet sich selbst allerdings als "Gegner der Zinsen" und hatte in der Vergangenheit angekündigt, eine größere Kontrolle über die Geldpolitik auszuüben.

Bringt Währungsverfall auch europäische Banken in Bedrängnis?

Investoren befürchten nun, dass die Banken durch den anhaltenden Währungsverfall in Bedrängnis kommen. Allein die deutschen Institute haben der Bundesbank zufolge etwa 21 Milliarden Euro in der Türkei im Feuer. Die Deutsche Kreditwirtschaft (DK), der Zusammenschluss der fünf deutschen Bankenverbände, zeigte sich gelassen und verwies auf eine ähnliche Statistik der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). "Nach allem, was den Zahlen zu entnehmen ist, ist das Exposure deutscher Institute überschaubar und die derzeitige Lira-Schwäche kein Problem für deutsche Kreditinstitute."

Zum Vergleich: Gegenüber dem Euro-Land Griechenland sind es den Angaben zufolge 19,17 Milliarden Euro. Insgesamt haben die deutschen Geldhäuser im Ausland Forderungen von rund 1,85 Billionen Euro. Die EZB-Bankenaufseher schauen sich einem Medienbericht zufolge wegen des drastischen Verfalls die Verbindungen europäischer Geldhäuser zur Türkei an.

Insgesamt würden die Aufseher die Situation zwar noch nicht als kritisch einstufen, berichtete die "Financial Times" unter Berufung auf zwei mit dem Vorgang vertraute Personen. Die Großbanken BBVA  aus Spanien, die italienische Unicredit  und die französische BNP Paribas  seien aber besonders exponiert. Diese hätten bedeutende Geschäfte in dem Land. Die EZB lehnte eine Stellungnahme zu dem Bericht ab.

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Seit Jahresbeginn hat die türkische Währung weit mehr als ein Drittel an Wert eingebüßt. Die wachsende Einflussnahme von Präsident Recep Tayyip Erdogan auf die Zentralbank beunruhigt internationale Investoren schon seit Monaten. Hinzu kommt der Streit zwischen Washington und Ankara über den in der Türkei festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson, der nun in der Verdopplung von US-Strafzöllen für türkischen Stahl und Aluminium mündete.

Die Folgen des starken Kursrückgangs der türkischen Lira sollen dem Bericht zufolge sehr genau beobachtet werden. So könnten sich viele türkische Kreditnehmer nicht ausreichend gegen den Kursverfall der heimischen Währung abgesichert haben und so bei den auf Euro oder Dollar laufenden Krediten Zahlungsprobleme kommen.

Ökonomen warnen vor Vertrauenskrise

Ökonom Thomas Gitzel von der VP Bank meint, die angespannte Situation könne durch ein beherztes Vorgehen der türkischen Notenbank abgemildert werden. Nötig sei eine kräftige Zinserhöhung, die zu erkennen gäbe, dass die Währungshüter am Bosporus gewillt seien, dem Verfall der heimischen Währung nicht tatenlos zuzusehen. Doch genau hierbei mangele es in den vergangenen Tagen und Wochen.

"Die Türkei steckt in großen Schwierigkeiten", befindet auch Carsten Hesse, Ökonom bei der Berenberg Bank. Nach einem kreditgetriebenen Boom weise der Anstieg der Inflation und der dramatische Währungsverfall in 2018 darauf hin, dass das Land nun Gefahr laufe, auf eine Pleite zuzusteuern. Neben den auf der Hand liegenden Risiken für die Türkei selbst, werfe das die Frage auf, wie stark die Eurozone davon beeinträchtigt würde. "Unserer Meinung nach wäre der Einfluss auf das BIP der Eurozone gering. Selbst wenn die Exporte in die Türkei um 20 Prozent einbrechen würden, würde das nur 0,1 Prozentpunkt des Wachstums in der Eurozone wegnehmen."

Manuel Andersch, Devisenstratege der BayernLB befürchtet unterdessen, dass sofern sich die türkische Zentralbank jetzt nicht von den politischen Fesseln Erdogans löse und den Leitzins drastisch anhebt, eine Zahlungsbilanzkrise unausweichlich sei.

Und Analyst Clemens Bundschuh von der LBBW beschreibt die Situation so: "Türkische Lira im Abwärtsstrudel. Kein Vertrauen. Und das ist aktuell das Hauptproblem der Türkei. Die Investoren verkaufen im großen Stil türkische Aktien und Anleihen und sorgen damit für immer mehr Abwertungsdruck. Anfangs waren noch mangelnde Rechtssicherheit und Unabhängigkeit der Zentralbank im Kampf gegen die horrende Inflation das Hauptproblem. Mittlerweile spielen die Märkte durchaus einen Default der Türkei durch."

luk/akn mit reuters, dpa, afp
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