Sonntag, 22. September 2019

Zuckerberg-Firma plant Krypto-Geld Wir sollen ausgerechnet Facebook Geld anvertrauen? Ernsthaft?

Bankchef der Zukunft? Facebook-Gründer Zuckerberg hat viel Vertrauen verspielt.

Das muss man Facebook-Chef Mark Zuckerberg lassen: Humor hat er. Eine bessere Pointe wäre vermutlich nicht mal den besten Gag-Schreibern eingefallen. Erst setzt der Chef des größten sozialen Netzwerks der Welt jahrelang alles daran, das Vertrauen seiner Milliarden Nutzer bis zum Äußersten zu unterminieren - und dann bittet er sie, ihm ihr Geld anzuvertrauen. Man könnte fast meinen, Zuckerberg wäre bei der Deutschen Bank in die Lehre gegangen.

Am Dienstag gab Facebook erstmals offizielle Informationen bekannt über ein Projekt, über das bereits seit Langem spekuliert wird: Das Unternehmen will eine eigene Kryptowährung erschaffen, gemeinsam mit zahlreichen namhaften Konzernen (zum Beispiel Visa, Mastercard, Vodafone), die bereits mit im Boot sind oder noch dazu kommen sollen.

Der Facebook-PR zufolge hat das Vorhaben selbstverständlich nur Vorteile: Eine eigens gegründete Gesellschaft mit Sitz in der Schweiz (ja, tatsächlich, in der sprichwörtlich neutralen Schweiz!) soll Unabhängigkeit gewährleisten. Geplant ist zudem Facebooks Cybergeld namens Libra, das wie der bislang bedeutendste Konkurrent Bitcoin auf der Blockchain-Technologie basieren soll, mit einem Reservefonds aus verschiedenen Währungen wie Dollar oder Euro zu verknüpfen. So sollen Wertschwankungen, wie sie bislang am Krypto-Markt üblich sind, vermieden werden.

Beste Voraussetzungen also für die inzwischen fast zwei Milliarden regelmäßigen Facebook-Nutzer weltweit. Einkäufe online sowie offline, Überweisungen, später wohl auch Kredite und Investments - ab 2020 soll sich Libra nach und nach zu einer echten Weltwährung entwickeln. Mit dabei selbstverständlich stets Facebooks Dienste Whatsapp sowie Messenger, über die das Krypto-Geld bequem von einem Ort zum anderen transferiert werden soll. Und auch der Facebook-typische Wohltätigkeitsaspekt darf selbstverständlich nicht fehlen: Es gebe Länder, in denen das Banksystem noch nicht so weit entwickelt sei, heißt es in der Firmen-PR. Da komme Libra dann eine besonders wichtige Rolle zu.

Alles ganz fabelhaft also - aber Moment mal, war da nicht was? Facebook, ist das nicht das Unternehmen, dem vor etwa einem Jahr Daten von fast 90 Millionen Nutzern an die britische Researchfirma Cambridge Analytica verloren gingen? Oder das Unternehmen, auf dessen Servern, wie vor wenigen Wochen bekannt wurde,jahrelang die Passwörter von Hunderten Millionen Nutzern unverschlüsselt und für Interessierte relativ problemlos einsehbar gespeichert waren? Oder bei dem kürzlich festgestellt wurde, dass es seit 2016 unberechtigt die Kontaktdaten von bis zu 1,5 Millionen Nutzern ausgelesen und genutzt hat?

Die Aufzählung von Datenskandalen bei Facebook ließe sich problemlos fortsetzen. Und es darf ohne Übertreibung behauptet werden, dass es kaum ein zweites Unternehmen von vergleichbarer Größe und Bedeutung gibt, das in den vergangenen Monaten und Jahren derart hartnäckig daran gearbeitet hat, das Vertrauen seiner Klientel zu zerstören, wie die Firma von Mark Zuckerberg.

Ausgerechnet dieses Unternehmen schickt sich nun also an, zum globalen Player im Finanzgeschäft zu werden, mit der Absicht, dass Milliarden Menschen ihr persönliches Vermögen und ihre Ersparnisse zumindest zum Teil in seine Hände legen.

Wie gesagt: Kein schlechter Witz eigentlich. Doch Facebook meint es ernst, und angesichts der Dimension, in der das Unternehmen sein Projekt Libra angelegt hat, und der Armada an Konzernen, die dabei bereits mit Facebook kooperieren, ist wohl tatsächlich nicht auszuschließen, dass daraus einmal eine bedeutsame Größe im weltweiten Zahlungsverkehr wird. Facebook-Nutzer haben sich schließlich auch in der Vergangenheit angesichts der zahllosen Missstände bereits überaus geduldig und nachsichtig mit dem Unternehmen gezeigt - weshalb also nicht auch, wenn es um ihr Geld geht?

Besonders perfide: Facebook ist sich der Problematik, mit dem angeschlagenen Image und dem Vertrauensverlust nicht die beste Adresse für Geldgeschäfte zu sein, offenbar vollauf bewusst. Das zeigt sich schon daran, wie sehr der Konzern darauf achtet, bei der Konzeption von Libra im Hintergrund zu bleiben.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Das Problem ist nur: Facebook nimmt diese Problematik offenbar auch nach Jahren der Skandale und der öffentlichen Kritik immer noch nicht ernst. Ein Beleg dafür? Konzerngründer und -Chef Mark Zuckerberg sprach bei der diesjährigen Entwicklerkonferenz F8 in San Jose über die Pläne des Unternehmens, künftig die Privatheit seiner Nutzer in den Mittelpunkt zu stellen. Ein grundlegender Schwenk also in der Facebook-Ausrichtung - und eine Gelegenheit für Zuckerberg, einmal grundsätzlich zu den Fehlern und Skandalen der Vergangenheit Stellung zu beziehen.

Doch was tat der Facebook-Chef? Hakt das sensible Thema mit einem knappen Kalauer ab, bei dem er sich selbst das Lachen nicht verkneifen kann. Hier der Videoclip dazu - wer Facebook künftig sein Geld anvertrauen möchte, sollte sich vielleicht überlegen, ob so tatsächlich der Bankchef der Zukunft aussieht:

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