Mittwoch, 29. Januar 2020

Lebensversicherung Wann kommt der Strafzins in der Lebensversicherung?

Der Garantiezins auf Lebensversicherungen soll im kommenden Jahr deutlich auf 0,9 Prozent sinken. Dabei sind viele Policen allein mit dem gegenwärtigen Garantiezins schon jetzt ein Verlustgeschäft für den Kunden

Banken müssen mittlerweile einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen, parken sie über Nacht Geld bei der Europäischen Zentralbank. Dass sie irgendwann ihre Kunden für das gleiche "Vergehen" zur Kasse bitten werden, lag als Gerücht schon länger in der Luft. Noch im Februar dementierte die Commerzbank Pläne einer Guthabengebühr, räumte im März aber ein abgestuftes Verfahren für Großkunden ein. Andere Banken zogen nach, ohne Details zu nennen.

Dass die Institute auch ihre Privatkunden künftig zur Kasse bitten, gilt bislang als Tabubruch, doch selbst Sparkassenpräsident Fahrenschon schloss das jüngst nicht mehr aus - auch wenn dies vielleicht als verzweifelte Drohung an EZB und Politik interpretiert werden darf.

Und die Lebensversicherer?

Sie sind zwar per se keine Geldsammelstellen wie Banken. Doch tragen die Deutschen der Branche Jahr für Jahr immer noch Milliarden zu. Nach Abzug von Kosten garantieren die Anbieter ihren Kunden aktuell noch 1,25 Prozent. Das klingt deutlich besser als Strafzins. Und 1,25 Prozent bieten viele Banken derzeit selbst bei 3 Jahre angelegtem Festgeld nicht.

Viele Policen werfen garantiert schon jetzt Negativrenditen ab

Allerdings: Mit 1,25 Prozent Garantiezins allein lässt sich eine Police nicht im Plus halten. Denn den Zins gibt's nur auf den um die Kosten bereinigten Sparbeitrag der Prämie - also im Branchenschnitt lediglich auf 80 von 100 Euro Beitrag. Ohne die (nicht garantierte!!) Gewinnbeteiligung ist eine klassische Lebensversicherung für viele Neukunden daher schon jetzt mit Negativrenditen verbunden.

Die Branche weist den Vergleich mit Strafzinsen weit von sich - schließlich zahlt sie noch etwas Überschüsse an ihre Kunden aus. Fakt ist aber: Bei derzeit 1,25 Prozent Garantiezins muss ein Kunde den Vertrag mindestens 25 Jahre durchhalten, damit er sein eingezahltes Geld am Ende mit einer Minirendite von rund 0,4 Prozent herausbekommt, haben Analysten von Assekurata nachgerechnet. Doch selbst das schaffen nicht alle Anbieter, wie andere Studien in der Vergangenheit zeigten.

Damit ist das Ende der Leiden aber immer noch nicht in Sicht: Schon mit Beginn des nächsten Jahres sollen Neukunden nur noch 0,9 statt 1,25 Prozent Garantiezins erhalten. Das ist eine echte Kampfansage an die Branche. Denn damit setzte sich das Bundesfinanzministerium über die Empfehlungen der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) kalt hinweg. Deren Versicherungsmathematiker hatten sich kürzlich flehentlich dafür ausgesprochen, den Zins im kommenden Jahr stabil bei 1,25 Prozent zu halten und dann erst 2018 auf 1,0 Prozent abzusenken.

Offensichtlich aber sieht die dem Bundesfinanzminister untergeordnete Finanzaufsicht die Lage der Lebensversicherer sehr viel angespannter als die Unternehmen selbst. Mit der sehr wahrscheinlichen Absenkung des Garantiezinses auf 0,9 Prozent gibt der Finanzminister daher zwei Signale an die Branche: 1. Kalkuliert eure Rückstellungen in Zukunft vorsichtiger. 2. Senkt deutlicher die Kosten eurer Produkte.

Vor allem beim zweiten Punkt sehen unabhängige Experten noch sehr viel Spielraum, den die Unternehmen endlich zugunsten der Kunden nutzen sollten - gerade in Zeiten niedrigster Zinsen.

Für Neukunden jedenfalls wird das Produkt Lebensversicherung, das sich schon seit geraumer Zeit von festen Garantiezusagen entfernt, immer unattraktiver. Natürlich gibt es keinen juristischen Anspruch auf Zinsen: Doch viele Kunden werden 0,9 Prozent auf den Sparbeitrag eher als Strafe denn als Zins verstehen. Und ob sie mit den neuen Policen, die keine garantierte Verzinsung mehr bieten, dafür aber mehr Risiken in sich bergen, wirklich besser bedient sind, darf bezweifelt werden.

© manager magazin 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung