Solvency-II-Test Lebensversicherern fehlen 15 Milliarden Euro

Einige Lebensversicherer haben offenbar ernsthafte Probleme, die neuen Kapitalanforderungen zu erfüllen. Träten die Regeln heute in Kraft, fehlte sogar jedem vierten Anbieter das Geld dazu, zeigt ein Test der Finanzaufsicht.
Die Lebensversicherer müssen wegen der Niedrigzinsen künftig mehr Eigenmittel aufweisen

Die Lebensversicherer müssen wegen der Niedrigzinsen künftig mehr Eigenmittel aufweisen

Foto: DPA

Hamburg - Die neuen Kapitalanforderungen unter dem Aufsichtsregime Solvency II bereiten den Lebensversicherern in Deutschland offenbar mehr Probleme als gedacht. Ohne die großzügigen Übergangsregeln hätte ein Viertel der Anbieter die Eigenmittelanforderungen zum Ende des vergangen Jahres nicht erfüllt. Diese Lebensversicherer stehen für ungefähr zehn Prozent Marktanteil.

Die Finanzaufsicht Bafin hat 87 Lebensversicherer zu ihrer Kapitallage unter Anwendung der neuen Regeln befragt und die Kernergebnisse am Mittwoch auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Das Regelwerk, das den Kapitalbedarf der Versicherer stärker an die Risiken in ihrem Policenbestand ausrichtet, tritt 2016 in Kraft. Die Unternehmen haben aber Zeit bis zum Jahr 2032, das nötige zusätzliche Kapital aufzutreiben.

Das Problem: Kleinere Versicherer haben kaum Zugang zum Kapitalmarkt. Ihre Möglichkeiten, die Situation zu verbessern, sind auch begrenzt. Zum einen werden die Zinsen wohl noch lange niedrig bleiben. Gehen sie zum anderen größere Risiken in der Kapitalanlage ein, um mehr Erträge zu erwirtschaften und ihre Kapitaldecke aufzupolstern, müssen sie dafür eben mehr Eigenmittel zurücklegen.

Die Aufsicht erwartet, dass wegen der seit Ende 2013 weiter gefallenen Zinsen weitere Anbieter die schärferen Kapitalregeln zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht erfüllen können. Sie schätzt, dass den deutschen Lebensversicherern unter aktuellen Kapitalmarktbedingungen ohne die Übergangsfrist rund 15 Milliarden Euro an Eigenmitteln fehlen.

Die Behörde verweist aber zugleich darauf, dass dies eben auch nur eine Momentaufnahme ist. Gleichwohl mahnt Felix Hufeld, Chef der Versicherungsaufsicht: "Dauert die Niedrigzinsphase an, müssen die Lebensversicherer in der 16-jährigen Übergangsphase erhebliche Anstrengungen unternehmen, um ihre Kapitalbasis zu stärken." Den allermeisten Lebensversicherer traut die Bafin das offenbar zu.

Allerdings konnten "wenige Unternehmen" bereits eingedenk der großzügigen Übergangsregeln die Anforderungen nicht erfüllen, teilte die Bafin weiter mit. Ihren Marktanteil gibt die Finanzaufsicht mit etwa 1 Prozent an. Die Bafin werde mit diesen Anbietern "umgehend die nötigen Schritte" einleiten.

Langfristige Garantien belasten - Zinszusatzreserve steigt erneut

Zur Panik besteht nach Ansicht aber auch anderer Marktbeobachter kein Grund. Zeichnet sich ab, dass ein Anbieter die Kapitalanforderungen absehbar nicht erfüllen kann, hat die Bafin verschiedene Möglichkeiten zur Intervention. Sie kann die Unternehmen zwingen, ihre Anlagepolitik zu ändern oder sogar an den garantierten Versprechen rütteln.

Bevor es aber so weit kommt und ein Anbieter seine Leistungen nicht mehr erfüllen kann, dürfte sein Policen-Bestand auf die brancheninterne Auffanggesellschaft Protektor übertragen werden - wenn nicht gar ein anderer Anbieter die Bestände übernimmt. Solche Bestandsübertragungen sind mittlerweile keine Ausnahmen mehr. Eine ganze Reihe von Lebensversicherern hat sich mittlerweile aus dem Neugeschäft verabschiedet.

Vor allem die langfristigen Garantien höher verzinster Verträge aus der Vergangenheit machen der Branche zu schaffen. Damit die Anbieter dafür ausreichend Kapital zur Seite legen, müssen sie seit 2011 eine Zinszusatzreserve bilden. Sie macht die Verträge grundsätzlich sicherer, belastet aber die Unternehmen. Gebunkertes Geld steht Kunden für die laufende Ausschüttung auch nicht zur Verfügung.

Die Ratingagentur Assekurata erwartet, dass die Unternehmen in diesem Jahr weitere acht bis zehn Milliarden Euro der Zinszusatzreserve bilden werden. Der über diese Reserve im Jahr 2011 gebildete Puffer steigt damit auf rund 20 Milliarden Euro an.

Da die Kapitalmarktzinsen weiter gefallen sind, müssen die Lebensversicherer in diesem Jahr auch für Verträge mit einer garantierten Verzinsung von 3,25 Prozent die Zusatzreserve finanzieren. Viele von ihnen lösen dafür mittlerweile so genannte stille Reserven auf, sagen Branchenbeobachter. Letztere entstehen dann, wenn der Marktwert von bilanzierten Wertpapieren höher ist als ihr Anschaffungspreis.

rei
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