Freitag, 20. September 2019

Kommentar zum deutschen WM-Titel Der perfekte Mix aus Hurra und Hauruck

Partybilder aus dem Maracanã: Erster Titel nach langem Weg
AP/dpa

Der WM-Titel ist die Krönung eines Weges, der vor zehn Jahren eingeschlagen wurde. Klinsmann und Löw haben den deutschen Fußball grundlegend verändert. Die Weltmeister vereinen jetzt Traumfußball und Tugend.

Vielleicht war es genau dieses Tor, das Jürgen Klinsmann im Sinn hatte, als er vom Weltmeistertitel für Deutschland sprach. Ein Tor wie das von Mario Götze, der den Ball aus vollem Lauf mit der Brust annimmt und ihn dann in einer Bewegung aus der Drehung ins Tor schießt. Technisch brillant, schnell, ein Tor so spektakulär wie der neue deutsche Fußball, den Klinsmann im Sinn hatte.

Als Klinsmann im Juli 2004 bei seiner Vorstellung als Bundestrainer vom WM-Titel sprach, klang die Aussicht darauf so glaubwürdig wie Tabakwerbung. Jetzt ist Deutschland Fußball-Weltmeister, und der deutsche Fußball ist tatsächlich nicht wiederzuerkennen.

Selten wurde ein Weg mit einer solchen Konsequenz beschritten wie dieser zum vierten Stern. Fünf Großereignisse haben Klinsmann und sein Nachfolger Joachim Löw immer wieder mit der gleichen Beharrlichkeit und Gründlichkeit vorbereitet. Teammanager Bierhoff hat immer wieder versucht, die besten äußeren Bedingungen für den Erfolg zu schaffen. Chefscout Urs Siegenthaler ist mit Versessenheit in die Länder der WM- und EM-Gegner gereist, um nicht nur das Spiel zu studieren, sondern auch die Mentalität. Viermal sind sie alle gescheitert.

Glück kann man sich erarbeiten

Aber wer wollte, konnte eine Entwicklung sehen. 2006 war das Spiel der Mannschaft roh, wild, ungeschliffen. Spektakel war ebenso immer möglich wie spektakuläres Scheitern (in der Verlängerung gegen Italien). 2010 war das Team gewachsen, aber noch nicht reif genug für den Titel. Es konnte an guten Tagen England und Argentinien demontieren, aber für Spanien fehlten die Erfahrung und der Glaube. Dazwischen: Das EM-Aus 2008 gegen übermächtige Spanier und das EM-Aus 2012 gegen abgezockte Italiener.

Diese WM sah nun die beste deutsche Mannschaft der Ära Löw. Das Team des neuen Weltmeisters besteht aus großartigen Fußballern, taktisch flexibel, körperlich robust, technisch brillant. Das Spiel des neuen Weltmeisters ist dominant, kraftvoll, direkt, und wenn es sein muss auch geduldig. Es ist nicht immer schön - eben so, wie es gerade sein muss. Es ist kein Zufall, dass das Finale gegen Argentinien einen blutenden Schweinsteiger sah, einen von Krämpfen geplagten Hummels - und einen artistischen Götze, den sie auch schon mal den "deutschen Messi" genannt haben.

Es ist der perfekte Mix aus Tugenden und Traumfußball, aus Hurra und Hauruck.

Klar: Wer die Verlängerung eines WM-Finals durch ein Tor des Jahres entscheidet, hat auch Glück gehabt. Aber die ganze Vorgeschichte lässt einen auch mit dem guten Gefühl zurück, dass man sich Glück erarbeiten kann. Löw und sein Team haben sich diesen Triumph verdient.

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