Mittwoch, 19. Februar 2020

Klimapolitik - Deutschland als abschreckendes Beispiel Wie die Energiewende gelingen kann - trotz der Politik

Wald bremst Klimawandel: Bäume binden CO2
Julian Stratenschulte/ DPA
Wald bremst Klimawandel: Bäume binden CO2

Die vergurkte deutsche Energiewende war gestern. Nun soll es einen Neustart in der Klimapolitik geben. Die Voraussetzungen dafür sind günstig wie nie - nicht wegen, sondern trotz der Politik.

Zugegeben, manchmal arbeitet Politik quälend langsam. Debatten branden auf und ebben wieder ab. Andere Themen schieben sich in den Vordergrund, ernste und triviale. Dazwischen verfestigt sich der Eindruck, es passiere eigentlich gar nichts. Frust breitet sich aus. Bürger reagieren mit Zynismus, andere mit Panik.

Beim Klimawandel lässt sich dieses Muster gut beobachten. Seit Mitte der 80er Jahre schafft es die menschenverursachte Erderwärmung in Wellen immer mal wieder in die Schlagzeilen, um dann rasch wieder von anderen Großthemen verdrängt zu werden - Kriege, Wirtschaftskrisen, Migration.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Doch diesmal scheint die Sache anders. Der Klimawandel hat sich oben auf der politischen Agenda festgesetzt. Substanzielle Fortschritte sind möglich - was eher an veränderten wirtschaftlichen Bedingungen liegt als an der Politik.

Während die "Fridays-for-future"-Initiatorin Greta Thunberg durch die USA tourt, trifft sich Freitag das "Klimakabinett" der Bundesregierung, um ein ganzes Bündel von Maßnahmen zu verabschieden. Samstag findet in New York ein Kinder-Klimagipfel statt (mit Greta). Gerade hat in Brüssel die künftige Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen einen "European Green Deal" ausgerufen und den Kampf gegen den Klimawandel zur Toppriorität ihrer Amtszeit erklärt. Kein Zweifel, es ist was los in Sachen Klimapolitik.

Bislang bleiben die angekündigten Maßnahmen vage bis widersprüchlich. Die deutsche Energiewende ist nach wie vor ein Desaster. Magere ökologische Ergebnisse stehen gigantischen ökonomischen Kosten gegenüber: mehr als 160 Milliarden Euro in den vergangenen Jahren, so der Bundesrechnungshof - während der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) zeitweise sogar wieder anstieg und die Bundesrepublik ihre vereinbarten Klimaschutzziele für das Jahr 2020 verfehlen wird.

Aber immerhin: Nun soll es einen Neustart in der Klimapolitik geben - weil viele Bürger es wollen und weil die ökonomischen Voraussetzungen dafür günstig sind.

Schärfere Gangart

Es sind vor allem drei Faktoren, die sich verändert haben:

1. Die Folgen des Klimawandels sind inzwischen unübersehbar. Hitzewellen, Trockenheit und Unwetter sind häufiger und heftiger als früher. Der Umgang mit den Folgen des Klimawandels ist für viele Branchen und Unternehmen - von der Landwirtschaft bis zur Logistik - geschäftliche Realität. Der Resonanzboden für Klimaleugner wird rissig.

2. Die Kosten der Erzeugung regenerativer Energien sinken rapide. Wind, Sonne und Biogas sind zu ernsthaften Wettbewerbern fossiler Energiequellen wie Kohle und Gas geworden, wie unabhängig voneinander das Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme und die Investmentbank Lazard vorgerechnet haben.

3. Gelder sind vorhanden. Kapital, das Anlagemöglichkeiten sucht, gibt es in großer Menge; die Zinsen sind extrem niedrig. Besser könnten Finanzierungsbedingungen kaum sein.

Die Klimagleichung verändert sich

Damit verändert sich die Klimagleichung: Die zu erwartenden Erträge einer verschärften Öko-Gangart steigen, je gravierender der Klimawandel zutage tritt. Parallel dazu sinken die Kosten der Umstellung auf Erneuerbare.

1990, als der Weltklimarat (IPCC) seinen ersten Bericht vorlegte, war an eine weitgehend grüne Energieversorgung utopisch - heute ist sie eine realistische Perspektive. In Großbritannien etwa liegt der Kohlendioxidausstoß inzwischen auf dem niedrigsten Niveau seit 1888, so die Internationale Energieagentur (IEA) https://www.iea.org/geco/emissions/, weil kaum noch Strom durch die Verbrennung von Kohle erzeugt wird.

Bereits in fünf Jahren sollen Wind, Sonne, Wasser und Biomasse weltweit ein Drittel der Stromerzeugung ausmachen. Denn auch Schwellenländer wie China und Indien investieren verstärkt in regenerative Energien - nicht nur wegen des Klimaschutzes, auch weil es billiger ist. Und weil die Luftverschmutzung in den Städten inzwischen so gravierend ist, dass die Behörden die Wut der Bürger fürchten.

Natürlich reicht all das nicht aus. Der weltweite Treibhausgas-Ausstoß muss nach aktuellen IPCC-Berechnungen bis 2050 drastisch sinken - von mehr als 40 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr auf Netto-Null, also eine Menge, die dem entspricht, was die Biosphäre an Neuemissionen aufnehmen kann. Nur dann ließe sich nach herrschender Lehrmeinung ein Anstieg der durchschnittlichen Temperaturen auf zwei Grad begrenzen.

Von einem solchen klimaneutralen Gleichgewicht ist die Menschheit weit entfernt. Aber immerhin: Nach einem rapiden Anstieg in den 90er und Nullerjahren stagnieren die weltweiten Treibhausgas-Emissionen seit einigen Jahren. Die Frage ist, ob dieser Prozess schnell genug vorangeht.

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