Ebay-Europachef Jacob Aqraou "Wir wollen auf jedes Gerät"

Ebay hat sich in Deutschland neu aufgestellt. Der Online-Marktplatz orientiert sich dabei an aufstrebenden US-Websites wie der Fotopinwand Pinterest oder dem lifestyligen Online-Händler Fab. Europachef Jacob Aqraou erklärt, was sich Ebay davon erhofft und wie er mit Media-Saturn ins Geschäft kommen will.
Von Kristian Klooß
Setzt auf grenzüberschreitenden Handel: Ebay-Europachef Jacob Aqraou

Setzt auf grenzüberschreitenden Handel: Ebay-Europachef Jacob Aqraou

Foto: Ebay

mm: Herr Aqraou, Sie sind jetzt seit elf Jahren bei Ebay. Erinnern Sie sich an das erste Produkt, das Sie über die Plattform gekauft haben?

Aqraou: Oh, das ist lange her. Warten Sie (Er überlegt). Ich weiß leider nur noch, welches Produkt ich als erstes bei Ebay verkauft habe. Das war einer meiner vielen Schlipse, den ich unbedingt loswerden wollte.

mm: War er so hässlich?

Aqraou: Nein, ich hatte einfach zu viele, weil ich sie bei meinem früheren Arbeitgeber gebraucht habe (Er zeigt auf seinen offenen Hemdkragen).

mm: Inzwischen hat sich vieles geändert. Ebay  muss sich anpassen. In wie weit haben Websites wie die Fotopinwand Pinterest, das Freundenetzwerk Facebook oder der LIfestyle-Händler Fab den neuen, auf Bilderwelten statt Produktschlagworte setzenden Ebay-Auftritt beeinflusst, den Sie jetzt auch in Deutschland umsetzen?

Aqraou: Ich glaube, dass weniger die genannten Websites uns beeinflusst haben als vielmehr das Verhalten der Menschen. Es geht darum, wie wir heute mobile Geräte wie das iPad nutzen. Pinterest hat das früh erkannt, wir haben es bei der Analyse unserer Kunden ebenso gesehen. Und jeder hat es auf seine Weise aufgegriffen. Wir haben zum Beispiel schon im vergangenen Jahr in den USA den Feed eingeführt...

mm: ...der Ebay-Kunden schon auf dem Startbildschirm eine Art Fotoalbum mit jenen Produkten präsentiert, für die sie sich interessieren oder interessieren könnten.

Aqraou: Ja, und das haben wir jetzt auch in Deutschland eingeführt. Vor allem Frauen haben ihr Einkaufsverhalten durch das iPad stark verändert. Sie wollen nichts eingeben, sie wollen nichts suchen, sie wollen inspiriert werden. Es geht nicht darum, brauche ich das, sondern liebe ich das?

mm: Es geht also um Impulskäufe, was in den USA, schenkt man den Zahlen Glauben, für Ebay schon ganz gut funktioniert. Pinterest und Co. spielen aber zum Beispiel in Deutschland kaum eine Rolle. Lassen sich in den USA entwickelte Konzepte einfach auf Europa übertragen oder passen Sie diese an?

Aqraou: Das machen wir. Und zwar nicht nur im Hinblick auf europäische, sondern im Hinblick auf Länderanforderungen. In Deutschland ist zum Beispiel auffällig, dass viele Nutzer dazu übergehen, ihre Handykameras zu nutzen, um Dinge zu verkaufen. Es gibt einen sehr großen Anteil an Privatverkäufern in Deutschland, weshalb wir unsere Apps hier auch entsprechend angepasst haben.

Digitale Produkte noch ein weißer Fleck

mm: Smartphones und Tablets üben inzwischen einen großen Einfluss auf das Einkaufsverhalten der Menschen aus. Werden Smartwatches und Smartglasses das auch tun?

Aqraou: Jedesmal wenn etwas Neues präsentiert wird, seien es Smartwatches oder auch vernetzte Autos, wird unser Angebot in einem anderen Zusammenhang genutzt. Wir sehen dabei vor allem die neuen Kundensegmente, die durch solche Geräte und Technik erschlossen werden. Für Samsungs jüngst präsentierte Smartwatch "Galaxy Gear" haben wir zum Beispiel schon eine App entwickelt. Und ich gehe davon aus, dass wir hier aus demografischer Sicht auf eine sehr viel jüngere Käuferschaft treffen, als dies beim Smartphone der Fall ist.

mm: Amazon  hat mit dem Kindle-Portfolio eine Reihe von E-Readern und Tablets am Markt. Warum gibt es kein Ebay-Tablet, auf dem Ihre Apps bereits vorinstalliert sind?

Aqraou: Wir folgen einer anderen Geschäftsphilosophie. Wir sind primär ein Marktplatz, haben keinen eigenen Warenbestand und wollen nicht die ganze Wertschöpfungskette kontrollieren. Andere Anbieter wollen die Waren besitzen, sie in ihren Warenlagern deponieren, sie auf ihren Geräten verkaufen. Das ist nicht unser Ansatz. Wir sind ein Technologieunternehmen, das es Menschen möglich macht, Handel zu treiben. Wir wollen auf jedes Gerät. Wir wollen, dass jeder unsere Plattform nutzen kann, ob er offline oder online verkauft, egal wo sich die Kunden gerade befinden und welche Geräte sie nutzen.

mm: Mit den Tablets, Smartphones und Smartwatches drängen allerdings immer mehr digitale Produkte wie Videos, Musik, Computerspiele oder E-Books in den Vordergrund. Solche digitalen Produkte sind für Ebay ein weißer Fleck. Stecken Sie da im Vergleich zu Amazon , Google  oder Apple  mit ihren Ökosystemen und Online-Stores nicht in einem strategischen Dilemma?

Aqraou: Ich wüsste nicht, warum wir nicht auch digitale Produkte verkaufen sollten. Man muss kein Endgerätehersteller sein, um digitale Produkte zu verkaufen. Nehmen Sie elektronische Bücher. Es gibt sie im PDF-Format oder in speziellen E-Reader-Formaten. Trotzdem werden sie auf das iPad heruntergeladen. Sie brauchen also nur eine Software, die mit den Formaten umgehen kann. Die Dateien selbst sind unabhängig vom Gerät nutzbar. Um etwas zu verkaufen, muss man nicht alles vom Lager bis zum Zustellservice unter dem eigenen Dach vereinen.

mm: In den USA kooperieren Sie schon länger mit großen Handelsketten wie Macy's und Toys 'r' Us. In Deutschland haben Sie jetzt ein Projekt mit Media-Saturn angestoßen. Wie verdienen beide Seiten bei diesen Partnerschaften Geld?

Aqraou: Das Modell ist fast überall dasselbe. Die Händler stellen ihre Waren bei Ebay ein, und wenn etwas verkauft wird, bekommen wir eine Gebühr. In einigen Ländern haben wir zusätzlich die Option geschaffen, dass Sie Waren online bestellen und anschließend im Geschäft abholen können. In Großbritannien testen wir darüber hinaus gerade ein neues Projekt mit dem Einzelhändler Argos, der rund 740 Läden in Großbritannien betreibt. In 150 dieser Läden haben wir die Möglichkeit geschaffen, Waren von insgesamt 50 verschiedenen Händlern abzuholen. So können Sie zum Beispiel neun verschiedene Dinge von sieben verschiedenen Händlern kaufen und diese später alle in einem Argos-Laden abholen.

Deutschlands Angebotsüberhang nach Europa tragen

mm: Ist es nicht ein bisschen riskant für Ebay, Partnerschaften mit Handelsketten einzugehen? Schließlich geht es der Branche schlecht. Die Metro , zu der ja auch die Media-Saturn-Märkte gehören, ist 2012 gar aus dem Dax  geflogen.

Aqraou: Ich glaube, dass genau da die Partnerschaft zum Tragen kommt. Für den Online-Handel gilt meiner Ansicht nach, dass es einer Offline-Komponente bedarf. Viele Verbraucher wollen ihre Waren offline abholen, sie wollen sie offline zurückgeben. Sie wollen Zugang zu den Services haben, die offline existieren. Wir können das unseren Käufern anbieten. Metro hingegen erweitert durch uns die eigene Reichweite.

mm: Glauben Sie, dass der Offline-Handel sich erholt?

Aqraou: Ich glaube, dass sich Offline- und Online-Handel nicht mehr voneinander trennen lassen. Die beste Einkaufserfahrung wird gemacht, wenn beide verbunden sind. Nehmen Sie unsere Kooperation mit Macy's in den USA. Dort können Sie im Park sitzen, gleichzeitig bei Macy's etwas kaufen und dann nach Hause gehen, wo die Waren ihnen eine Stunde später geliefert werden. Bequemlichkeit spielt dabei eine wichtige Rolle.

mm: Die Hinwendung zum klassischen Einzelhandel und die Priorisierung des mobilen Handels sind Strategien, die stark vom US-Markt getrieben werden. Welche Themen beschäftigen Sie speziell in Europa?

Aqraou: Da würde ich als erstes den grenzüberschreitenden Handel nennen. Wir haben eine hohe Nachfrage in Ländern wie Frankreich und Spanien auf der einen Seite, und wir haben einen Angebotsüberhang auf Seiten Deutschlands. Diese beiden Seiten müssen besser miteinander verknüpfen. Hier sehen wir Potenzial.

mm: Weltweit werden laut Ebay rund 20 Prozent aller Waren über Ländergrenzen hinweg verkauft. Liegt dieser Prozentsatz in Europa niedriger?

Aqraou: Nein. Aber die Unterschiede zwischen einzelnen Ländern sind schon groß. So ist es zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten zum Beispiel durchaus möglich, wenn ein Kunde morgens ein Produkt bei Ebay bestellt, dass er dieses am nächsten Tag zugestellt bekommt. Innerhalb Europas ist das bislang häufig nicht möglich. Vor dem Hintergrund, dass die Europäische Union eine große Freihandelszone ist, ist das schon verwunderlich.

mm: Wie wollen Sie das ändern?

Aqraou: Ein Knackpunkt ist die Sprache. Wir wollen es ermöglichen, dass ein Verkäufer sein Produkt auf Deutsch einstellt, ein Spanier das Angebot aber gleichzeitig in seiner Sprache lesen kann. Übersetzung ist also das eine. Das zweite sind Währungen und Bezahldienste. Wir haben Pfund, Euros, Franken oder Kronen. Als Verkäufer müssen Sie zudem in der Lage sein, Ihren Inventarbestand länderübergreifend zu koordinieren. Zuletzt gibt es auch noch ein paar logistische Herausforderungen. Da werden wir künftig verstärkt mit Partnern zusammenarbeiten.

Stuffle, Shpock und Co.: Ebays Erben

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