Sonntag, 20. Oktober 2019

Manager von Indexfonds zu zahm gegenüber Konzernchefs Indexfonds legen Billionen an - und die Hände in den Schoß

Aktienhändler in New York: Immer mehr Geld fließt über Indexfonds an die Börse - das hat Nachteile.

Indexfonds befinden sich seit Jahren weltweit auf dem Vormarsch. Selbst Investmentikone Warren Buffett rührte bereits die Werbetrommel für die passive Form des Investierens, bei der lediglich bestehende Indizes aus beispielsweise Aktien oder Anleihen nachgebildet werden und deren Performance auf diese Weise gespiegelt wird. Die Vorteile: Die meist an der Börse gehandelten Indexfonds (Exchange Traded Funds, ETFs) sind kostengünstiger als aktiv gemanagte, und sie erreichen im Schnitt die besseren Ergebnisse.

Kein Wunder also, dass dieser Anlagebereich wächst und wächst: Laut Researchplattform ETFGI stecken in weltweit rund 6800 ETFs und vergleichbaren Produkten inzwischen rund 5,5 Billionen Dollar. Vor zehn Jahren waren es der Plattform zufolge noch knapp 2000 Fonds mit einem Gesamtvolumen von etwas mehr als einer Billion Dollar. Einen Meilenstein passierten die Indexfonds kürzlich an der US-Börse, wo seit Ende September erstmals mehr Aktien von passiven als von aktiv gemanagten Fonds gehalten werden.

Doch das passive Investieren hat auch Nachteile. Der ökonomisch womöglich wichtigste: Indexfonds folgen nicht nur bei ihren Anlageentscheidungen mehr oder weniger blind den Vorgaben des verfolgten Index. Vielmehr verhalten sie sich auch bei der Ausübung ihrer Stimmrechte bei den Aktiengesellschaften, deren Papiere sie im Portfolio haben, in der Regel zurückhaltend. Mit zunehmender Bedeutung von Indexfonds schwinde daher die Einflussnahme der Aktionäre auf das Management der Unternehmen, so die Kritiker. Ein wichtiges Regulativ für den langfristigen Erfolg der Firmen drohe auf diese Weise entscheidend geschwächt zu werden.

Exakt diesem Vorwurf ist die Nachrichtenagentur Reuters in einer umfangreichen Studie nachgegangen. Im Auftrag von Reuters hat die Analysefirma Proxy Insight das Stimmverhalten der drei bedeutendsten Indexfondsanbieter weltweit, nämlich der US-Gesellschaften Blackrock, Vanguard sowie State Street, unter die Lupe genommen. Besonders im Fokus war dabei, wie sich die Fondsfirmen auf den Hauptversammlungen von US-Unternehmen verhalten haben, die eine schlechte Aktienperformance aufweisen, bei denen also Änderungen zum Besseren im Management erforderlich sein könnten.

Fataler Interessenkonflikt

Konkret analysierte Proxy Insight für Reuters das Stimmverhalten der drei Fondsgesellschaften bei den 300 Unternehmen aus dem breiten US-Aktienindex Russell 3000, die über die vergangenen drei Jahre die schlechteste Performance gezeigt haben. Ergebnis: Die Indexfonds verhielten sich bei wichtigen Entscheidungen dieser Unternehmen beinahe ebenso passiv wie bei allen anderen Unternehmen, deren Aktien sie halten. Seien es großzügige Managementvergütungen, umfangreiche Bonuspakete oder notwendige Verbesserungen der Corporate Governance, die verhindert wurden - von Seiten der Indexfonds mussten Manager nur selten mit Widerstand rechnen.

So stimmte der Untersuchung zufolge der Branchenriese Blackrock in 93 Prozent aller Fälle mit dem jeweiligen Konzernmanagement. Bei Vanguard betrug der Wert 91 Prozent und bei State Street 84 Prozent. "Wenn wir davon ausgehen, dass engagierte Aktionäre eine wichtige Rolle dabei spielen, das Management eines Unternehmens zu disziplinieren, dann ist der Vormarsch der Indexfonds ein Problem", so das Fazit von Dorothy Lund, Corporate Governance-Expertin von der USC Gould School of Law in Los Angeles.

Wohl gemerkt: Auch aktive Fondsmanager fallen nicht immer dadurch auf, dass sie ihre Stimme erheben, um Unternehmensvorständen das Leben schwer zu machen. Sie haben aber immerhin die Möglichkeit, durch Aktienkäufe oder -verkäufe ihre Meinung zu äußern, und machen davon täglich Gebrauch.

Indexfonds dagegen befinden sich in einer scheinbar komfortablen Situation: Sie müssen ihren Anlegern keine Outperformance liefern und stehen daher auch nicht unter dem Druck, aktiven Einfluss auf die Kursentwicklung der Aktien zu nehmen, die sie im Portfolio haben. Im Gegenteil: Zwar beteuern laut Reuters die untersuchten Fondsanbieter, sie würden abseits der Abstimmungen im direkten Dialog durchaus versuchen, Unternehmen zu beeinflussen.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Tatsächlich unterliegen die Finanzfirmen dabei jedoch mitunter einem womöglich fatalen Interessenkonflikt: Viele Unternehmen, deren Aktien von Indexfonds gehalten werden, verfügen zugleich über Altersvorsorgeprogramme, die ihrerseits in Aktien und Fonds investieren. Für Indexfondsanbieter kann das eine reizvolle Geschäftsmöglichkeit darstellen. Sobald sie jedoch auf die Altersvorsorgegelder der Konzerne schielen, sind diese nicht mehr nur Portfoliounternehmen in den Depots der Indexfonds, sondern zugleich potenzielle Kunden.

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