Donnerstag, 19. September 2019

Bundeskanzlerin eröffnet IAA Merkel will deutlich mehr Ladesäulen für Elektroautos

Bundeskanzlerin Angela Merkel neben einem Mercedes Vision EQS: "20.000 Ladepunkte seien noch lange nicht ausreichend"

Absatzkrise bei Herstellern und Zulieferern, wütende Proteste gegen Autos als Klimakiller, SUVs, die aus Innenstädten verbannt werden sollen - die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt am Main steht in diesem Jahr unter keinem guten Stern. Für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist die offizielle Eröffnung am heutigen Donnerstag also keine leichte Aufgabe.

Bei ihrer Eröffnungsrede steht somit auch die Elektromobilität im Vordergrund. Der Umbruch in der Mobilität sei eine "Herkulesaufgabe" für Staat und Industrie gleichermaßen, bei der eng zusammengearbeitet werden müsse, sagte sie. Seit 1990 sei "keinerlei CO2-Reduktion in der Gesamtmenge des Verkehrs" erreicht worden, zusätzlich hätten unzulässige Abschalteinrichtungen mitten in einem "riesigen Wandel" der Mobilität zu einem Vertrauensverlust bei den Kunden geführt.

Doch auch Erzeugung von Strom für Elektroautos muss laut Merkel noch nachhaltiger werden: "Wir sind noch weit davon entfernt, 100 Prozent erneuerbare Energien zu haben." Zudem sei für den Erfolg der Elektromobilität die Verlässlichkeit der Ladeinfrastruktur von größter Bedeutung. 20.000 Ladepunkte seien noch lange nicht ausreichend. "Wir können das schaffen als Deutschland vorne mit dabei zu sein", sagte die Kanzlerin.

Die CDU-Politikerin kündigte auch an, dass bis 2022 entlang aller Autobahnen der neue Mobilfunkstandard 5G zur Verfügung stehen werde, und zwei Jahre später auch entlang der Bundesstraßen. Die Technologie ist wichtig für neue digitale Funktionen in den Autos.

VDA-Präsident: "Verbotsdiskussionen gefährden die Akzeptanz"

Der Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Bernhard Mattes, sprach von der "tiefgreifendsten Transformation, die unsere Branche jemals bewältigen musste". Er gab zu: "Ja, zu viele Fahrzeuge in der Stadt beeinträchtigen unsere Lebensqualität durch Lärm, Abgase und Flächenverbrauch." Überregulierungen seien aber keine Lösung; Verbotsdiskussionen gefährdeten "die Akzeptanz und damit den Erfolg der Transformation". Außerdem kritisierte der VDA-Präsident, der Ausbau erneuerbarer Energien und der "Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum" gehe zu langsam voran.

Die IAA steht in diesem Jahr stark unter Druck. Die Zahl der Aussteller sank von knapp 1000 auf der letzten IAA 2017 auf gut 800 in diesem Jahr, auch die Ausstellungsfläche ist etwa 16 Prozent kleiner. "Es geht nicht mehr um Quadratmeter, sondern um mediale Reichweite", hatte Mattes vor der Eröffnung gesagt. Auf der IAA-Eröffnung sprachen auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und der Chef des US-Technologieunternehmens Waymo, John Krafcik.

Frankfurts Oberbürgermeister ausgeladen

Einen Auftritt von Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) gab es anders als in den Vorjahren dagegen nicht - er wurde nach eigenen Angaben explizit ausgeladen. Feldmann sagte dem HR, er führe dies auf seine geplante kritische Rede zurück. "Ich hab' schon das Gefühl, dass das da nicht so gut angekommen ist, dass man sich schon nicht so darüber gefreut hat, was ich schon vor zwei Jahren gesagt habe."

Feldmann betonte, er sei nicht "Anti-IAA". Er sei aber dafür, die Messe tatsächlich als Plattform für die Synergien der verschiedenen Mobilitätskonzepte zu nutzen. In der Auseinandersetzung der verschiedenen Verkehrssysteme könne die IAA eine große Rolle spielen.

Auto-Betriebsratschefs kritisieren "Dämonisierung der Autoindustrie"

Die Betriebsratschefs von BMW, Daimler und Volkswagen stellen sich zum Auftakt der Messe hinter ihre Konzerne und kritisieren die "Dämonisierung der Autoindustrie". "In der öffentlichen Diskussion bekommt man im Moment den Eindruck, das Auto sei nichts als ein einziges Risiko. In der Gefahrenskala liegt es irgendwo zwischen Ebola und nordkoreanischen Raketen", sagte der oberste VW -Arbeitnehmervertreter Bernd Osterloh dem "Handelsblatt".

Auch die Betriebsratsvorsitzenden von Daimler und BMW, Michael Brecht und Manfred Schoch, wandten sich gegen die zunehmende Kritik an Autos und speziell an SUVs. Die Branche bewege sich, indem sie die Elektrifizierung des Verkehrs vorantreibe, sagte Schoch. Damit die Wende gelingt, schlug Brecht eine konzertierte Aktion vor: "Wenn wir ein Bündnis aus Politik, Umweltverbänden und Autoindustrie schmieden, dann werden wir schneller zu Lösungen kommen." Ziel eines Dialoges könne aber nicht sein, das Auto abzuschaffen.

Für das Wochenende sind große Demonstrationen vor der IAA angekündigt. Die Klimaschützer werfen der Autoindustrie vor, den Wandel zu emissionsfreier Elektromobilität nicht entschlossen genug voranzutreiben und weiter auf klimaschädliche SUVs zu setzen.

Grünen-Chef will ab 2030 nur noch emissionsfreie Autos neu zulassen

Am Nachmittag wird Grünen-Chef Robert Habeck auf der IAA erwartet. Er soll dort an einer Diskussion mit Daimler-Chef Ola Källenius teilnehmen. Im Vorfeld hat Habeck ein grundlegendes Umsteuern in der Politik verlangt. "Es braucht die klare gesetzliche Vorgabe, dass ab 2030 nur noch emissionsfreie Autos neu zugelassen werden. Bis dahin müssen jährlich steigende Quoten für emissionsfreie Autos den Weg ebnen", sagte Habeck der "Rheinischen Post" (Donnerstag). Die Branche brauche Planungs- und Investitionssicherheit und einen "kräftigen Anschubser".

Zudem sollte die Kfz-Steuer grundlegend reformiert und streng am CO2-Ausstoß und am Energieverbrauch ausgerichtet werden, sagte Habeck. Kleine, energiearme Autos sollten entlastet, energiefressende Wagen wie SUVs deutlich höher besteuert werden. "Das gilt nicht nur für den CO2-Ausstoß, sondern für den gesamten Energieverbrauch - also auch bei E-Autos", erklärte der Grünen-Politiker. Es sei nichts gewonnen, wenn die Autokonzerne weiter immer mehr geländewagenartige Autos produzieren, selbst wenn diese mit Strom statt mit Sprit fahren.


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Noch bis zum 22. September präsentieren die großen Autohersteller ihre Neuheiten und versuchen mit verschiedenen Elektromodellendie Gunst der Autofahrer zurückzugewinnen. Die Messe ist zunächst nur für Fachbesucher geöffnet, ab Samstag dann auch für das breite Publikum.

mg/dpa-afx

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