Interview mit Hedgefonds-Guru David Harding "Es gibt eine falsche Vorstellung davon, was Computerprogramme für Investoren leisten können"

David Harding führt Winton Capital, einen der größten mit mathematischen Modellen arbeitenden Hedgefonds der Welt. Seit 1997 hat er das Geld der Anleger mehr als verzehnfacht. Jahresrendite: mehr als 14 Prozent. Der Brite, der schon mit 20 Jahren seinen Physik-Abschluss in Cambridge machte, ist verantwortlich für mehr als 30 Milliarden Dollar Kundengeld. Am Pool des Beverly Hilton in Los Angeles erklärte er manager magazin, warum sein Unternehmen bessere Chancen hat, die Finanzbranche zu revolutionieren, als die meisten der gehypten Startups aus dem Silicon Valley.
Die Welt unter Kontrolle? Bei Investmententscheidungen geht es ohne den Menschen nicht, meint Hedgefonds-Guru David Harding.

Die Welt unter Kontrolle? Bei Investmententscheidungen geht es ohne den Menschen nicht, meint Hedgefonds-Guru David Harding.

Foto: DPA

manager magazin: Herr Harding, Sie sind nach Renaissance-Technologies-Gründer James Simons der erfolgreichste Mathematik-Nerd am Finanzmarkt. Machen Ihnen jetzt Computer mit künstlicher Intelligenz das Geschäft streitig?

David Harding: Wir studieren seit 30 Jahren Finanzmarktdaten und analysieren sie sehr erfolgreich. Jetzt scheinen sehr viele Leute zu entdecken, wie mächtig Datenanalyse für das Investieren sein kann. Bevor ich hierher kam, hatte ich kaum etwas von Robo-Advisory gehört

manager magazin: ... also der automatisierten Geldanlage nach festen Regeln, durch Online-Anbieter ...

David Harding: ... und hier führt jeder den Begriff auf den Lippen. Ich hoffe, dass das sehr gut für uns sein wird. Wir haben wirklich Erfahrung damit.

manager magazin: Der weltgrößte Hedgefonds Bridgewater Associates baut seit Februar ein Team für künstliche Intelligenz auf. Gründer Ray Dalio sagt, dass 90 Prozent der analysierbaren Daten erst in den vergangenen drei Jahren verfügbar wurde. Werden diese Trends - Big Data und künstliche Intelligenz - das Investmentgeschäft verändern?

David Harding: In dieser Debatte ist derzeit mehr Hitze als Licht. Unser Geschäft besteht aus jahrelanger, mühseliger Arbeit. Da können sie nicht einen Haufen Programmierer anheuern mit einem Startup und ein paar Monate später eine bessere Art der Geldanlage präsentieren. Das wird nicht passieren, da bin ich ganz sicher. Wir müssen mehr dafür tun, den Leuten zu vermitteln, dass wir ein Unternehmen sind, das Daten nutzt, um daraus langfristig erfolgreiche Investmentstrategien abzuleiten.

manager magazin: Das ist aber zu viel Understatement. Winton ist einer der größten Trendfolge-Hedgefonds der Welt. Sie haben inzwischen viele Nachahmer bei kleineren Hedgefonds.

David Harding: Aber wir lösen nicht dieselbe Begeisterung aus wie einige dieser Startups. Bis vor kurzem begann jedes zweite Gespräch mit einem Kunden oder Journalisten mit der Bitte: "Erzähl' uns etwas über Deinen Trendfolge-Rohstoff-Fonds, David." Die Leute sagen nicht: Erzähl' uns davon, wie Du Big-Data-Analysen benutzt, um das größte Business der Welt zu disrupten, die Finanzdienstleistungsbranche. Venture-Capital-Geber pumpen große Summen in Startups, die versprechen, diese Branche aufzumischen. Diese kleinen Firmen werden in einer Weise als bedeutend angesehen, wie es Winton nicht wird.

manager magazin: Wenn Sie wirklich das Investmentgeschäft revolutionieren wollen, warum bekommen Sie dafür nicht mehr Aufmerksamkeit?

David Harding: Unser Geschäft ist auch deshalb so gut, weil niemand sonst daran glaubt. Sonst hätte ich nicht 15 Jahre lang mein erstes Unternehmen aufbauen können ...

manager magazin: ... den Trendfolge-Hedgefonds AHL, der heute zum Finanzkonzern Man Group gehört ...

David Harding: ... und dann im Jahr 1997 nochmal neu anfangen können. Es herrscht immer noch die Ansicht vor, dass Finanzmärkte effizient sind.

manager magazin: Nach Auffassung der meisten Finanzwissenschaftler ist es unmöglich, vorab einen Fondsmanager zu identifizieren, der dauerhaft höhere Renditen schafft als der Gesamtmarkt, weil der Markt angeblich alle verfügbaren Informationen effizient verarbeitet.

David Harding: Ich glaube nichts davon. Kurzfristig mag das so sein, kurzfristig funktionieren auch die gängigen Berechnungsmethoden für den Wert von Optionen. Aber nicht langfristig. Dennoch: Wegen des Glaubens an den effizienten Markt wurde bislang nicht in großem Maßstab in Analysen investiert, was jetzt aber passieren wird.

"Aus großen Datenmengen Signale herausfiltern"

manager magazin: Wie arbeiten Sie genau? Wie erstellen und verbessern sie ihre Trading-System?

David Harding: Wir stellen viele Wissenschaftler an, Mathematiker oder Physiker, die vorher zum Beispiel beim Teilchenbeschleuniger des europäischen Forschungsinstituts CERN gearbeitet haben oder in der Kosmologie. Denn das sind die besten Experten dafür, aus großen Datenmengen Signale herauszufiltern.

manager magazin: Finanzmärkte unterscheiden sich aber doch sehr stark von der Welt der Physik, weil sie von Gier, Angst und Herdenverhalten bestimmt werden?

David Harding: Dabei geht es um Feedback. Es ist eine Art Korrumpierung von Heisenbergs Unschärferelation ...

manager magazin: ... die besagt, dass Physiker die beobachtete Welt verändern, indem sie sie beobachten.

David Harding: Die Funktionsweise des Markts wird beeinflusst durch die Menschen, die darin handeln. Physiker sind dagegen daran gewöhnt, dass die Gesetze der Natur konstant bleiben, dass es universell geltende Gesetze gibt. Das ist ein Trugschluss, der Markt ist keine physikalische Welt. Hier naturwissenschaftliche Methoden anzuwenden, ist gefährlich.

manager magazin: Und was machen sie dann mit all diesen Naturwissenschaftlern?

David Harding: Wenn jemand neu zu uns kommt, braucht er zwei bis drei Jahre, um die nötige Expertise zu gewinnen, damit er einen eigenen Beitrag leisten kann. Wenn derjenige vorher zum Beispiel Physik studiert haben, einen Doktor gemacht und danach fünf bis zehn Jahre in einem Big-Data-Bereich gearbeitet haben, zum Beispiel am CERN.

manager magazin: Warum brauchen derart gut ausgebildete Forscher so lange, um den Finanzmarkt zu verstehen?

David Harding: Stellen sie sich ein Forschungsprojekt bei uns vor: Am ersten Tag müssen sie entscheiden, ob sie Richtung A oder Richtung B einschlagen. So geht das jeden Tag, und nach zwei Monaten haben sie 2 hoch 60 Entscheidungsmöglichkeiten. Ohne Erfahrung können sie keine guten Entscheidungen treffen.

manager magazin: Also arbeiten die Forscher bei ihnen wie im Labor: Sie entwickeln eine Hypothese und testen sie dann?

David Harding: Ja, genau. Derzeit laufen bei uns 45 Forschungsprojekte. Einige davon sind einfach zu verstehen. Wir untersuchen zum Beispiel Rückrufaktionen: Besteht ein Zusammenhang zwischen Rückrufaktionen und dem Aktienkurs? Bei einem anderen Projekt ist das Ziel, die Rechenzeit für einen Algorithmus von 100 auf 50 Stunden zu reduzieren. Am Ende geht es immer darum, Muster an den Finanzmärkten zu entdecken. Anstatt darauf zu wetten, dass zum Beispiel die japanische Börse steigt, setzen wir darauf, dass ein von uns entdecktes Muster in den nächsten Jahren weiterbesteht.

"Es gibt kein Computerprogramm, das so etwas könnte"

manager magazin online: Die Muster werden aber alle von Menschen entdeckt, oder findet einige auch der Computer?

David Harding: Es gibt kein Computerprogramm, das so etwas könnte. Es gibt diese falsche Vorstellung dass Computer die Daten durchkämmen, auf der Suche nach mysteriösen Mustern. Das stimmt nicht. Wir machen das Research. Wir entwickeln ein Expertensystem. Wir überprüfen die Ideen von Experten, zum Beispiel aus dem Value Investing ...

manager magazin: ... also dem wertorientierten Investmentansatz, mit dem Warren Buffett reich geworden ist: mit der Suche von unterbewerteten Aktien.

David Harding: Die Welt ist voller Menschen, die ihre eigenen Ideen haben, was den Wert einer Aktie ausmacht. Nur wenige dieser Menschen haben die Möglichkeit, ihre Ideen zu überprüfen.

manager magazin: Und warum funktioniert Value Investing nun?

David Harding: Buffett erklärt es so: Value Investing ist, wenn man einen Dollar für 50 Cents kauft. Wenn man die künftigen Einkommensströme aus einer Anleihe oder einer Aktie abschätzen kann, und den aktuellen Marktpreis kennt, dann kann man die Differenz berechnen. Natürlich besteht Unsicherheit über die künftigen Cashflows für den Investor. Aber man kann vernünftige Schätzungen machen, so wie es Warren Buffett immer getan hat. Wenn die Aktie für die Hälfte davon zu haben ist, dann ist das ein gutes Geschäft. Mit einem Picasso kann man das nicht machen, weil es keine Kapitalströme gibt. Aber für alles, was Dividenden, Zinsen oder Mieten einbringt, ist das ganz gut bestimmbar.

manager magazin: Sie arbeiten also weiterhin mit menschlichen Experten. Andere Hedgefonds wie Bridgewater oder D.E. Shaw arbeiten dagegen an lernenden Systemen, die selbst Muster am Markt entdecken sollen. Ist das nicht eine Gefahr für ihr Geschäft?

David Harding: Das denke ich nicht. In den 90er Jahren waren neuronale Netze auf meinem Gebiet schwer in Mode. Jeder startete damals einen Neuro-Network-Fonds. Ich habe mich zunächst dafür interessiert, bin dann aber zu dem Schluss gekommen: Nein, das wird definitiv nicht funktionieren. Das hat mich in den vergangenen 20 Jahren vor einer Menge Ärger bewahrt. Wenn jemand neuronale Netze erwähnt, ignoriere ich ihn einfach. Ich denke, dieses Vorgehen wird mich auch diesmal vor viel Ärger bewahren. Der Boom ist diesmal größer als je zuvor. Man kann auch nie etwas vollständig ausschließen. Aber ich habe meine Arbeit vor mir: Ich könnte tausende Leute einstellen, um ein praktisches Investmentsystem zu bauen. Wir müssen geduldig weiter arbeiten so wie die Wissenschaftler, die über viele, viele Jahre die Spracherkennung per Computer entwickelt haben. Experten für Spracherkennung führen heute Renaissance Technologies ...

manager magazin: ... den größten mit mathematischen Modellen arbeitenden Hedgefonds, gegründet von James Simons, der im vergangenen Jahr 1,2 Milliarden Dollar persönliches Einkommen verdiente, obwohl er schon 2009 den Chefjob bei Renaissance an Peter Brown und Robert Mercer abgegeben hat.

David Harding: Die heutigen CEOs von Renaissance haben bei IBM  an Watson gearbeitet ...

manager magazin: ... dem Computerprogramm, das unter anderem dafür bekannt ist, als erstes einen Menschen beim Schach besiegt zu haben. Die beiden brachten bei Watson die computerbasierte Übersetzung voran, indem sie die Sprachwissenschaftler ignorierten, die den Computern Grammatikregeln einprogrammieren wollten - und den Rechner stattdessen einfach mit den zweisprachigen Gesetzestexten des kanadischen Parlaments fütterten, womit der Rechner selbst Korrelationen lernte.

David Harding: Die beiden haben auch an der Spracherkennung gearbeitet. Das ist sehr ähnlich wie das, was wir am Finanzmarkt tun. Heute ist die Spracherkennung durch Computer und Smartphones sehr gut, aber es hat lange gedauert. Es gab all diese Versuche seit den 80er Jahren. Viele Firmen haben daran gearbeitet, das war wirklich ein heißes Forschungsfeld. Trotzdem hat es 20 Jahre gebraucht. So wird das auch am Finanzmarkt sein: Jeder, der hier in die Forschung einsteigt, sollte auf ein Langstreckenrennen gefasst sein.

Keine Angst vor der künstlichen Intelligenz

manager magazin: Sie scheinen ja wirklich keine Angst vor der künstlichen Intelligenz zu haben.

David Harding: Mir macht etwas anderes viel mehr Sorgen, wenn große Hedgefonds Mitarbeiter von Watson abwirbt. Ich lebe in ständiger Angst davor, dass ein jemand mir meine Top-Leute abwirbt.

manager magazin: So wie auch ihr großer Rivale James Simons. Renaissance Technologies ist berühmt dafür, dass jeder Mitarbeiter im Anstellungsvertrag unterschreibt, dass er nie in seinem Leben für ein anderes Unternehmen in der Finanzbranche arbeiten darf.

David Harding: Weil Forschung Teamarbeit ist. Es dauert lange, einen Durchbruch zu erreichen. Aber danach denken alle, dass das Ergebnis offensichtlich war. Man darf nicht vergessen, wie die Welt aussah, bevor man die Entdeckung gemacht hat. Wir haben aber nicht dieselben Copyrights und Schutzrechte wie Google oder Facebook. US-Unternehmen sind viel besser in der Lage, Wettbewerbsverbote durchzusetzen - das ist ein großer Vorteil, um ein Team zusammenzuhalten.

manager magazin: Erwarten sie ein gutes oder ein schwieriges Umfeld für ihre Investmentstrategien in den kommenden Jahren?

David Harding: Ich habe keine Ahnung. Unsere Strategie hat 25 oder 30 Jahre gut funktioniert. Ich gehe nicht davon aus, dass sich das plötzlich ändert. Es gibt stärkere Konkurrenz, aber keine Anzeichen dafür, dass unsere Strategie schlechter funktioniert als früher. Es ist schwierig, Renditen vorherzusagen. Das Schwierigste daran ist es, den risikolosen Zins vorherzusagen.

manager magazin: Was wäre, wenn der so genannte risikolose Zins, zum Beispiel auf Bundesanleihen oder US-Staatsanleihen, nahe null bleibt?

David Harding: Dann wäre es eine tolle Sache, wenn wir 6 bis 11 Prozent Rendite erzielen würden. Das ist definitiv machbar. Ob wir das schaffen, ist eine andere Frage. Aber jemand wird es schaffen. Es ist möglich, dass unser Geschäft zu einem Boomsektor wird.

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