Freitag, 23. August 2019

Short Seller nehmen Deutschland ins Visier Angriff auf deutsche Firmen - was US-Hedgefonds antreibt

Hedgefonds: Die Raubritter des Kapitalismus
REUTERS

4. Teil: Die Tiger von Midtown

Auch bei den beiden jüngsten deutschen Leerverkaufsopfern Ströer und Wirecard trifft sich die ganze Meute. Thélème Partners, Blue Ridge Capital und Coatue Management etwa meldeten hier wie dort große Positionen.

Der ob seiner Minirendite angezählte Blue-Ridge-Gründer John Griffin (51) ist ein gutes Beispiel dafür, wie eng die Beziehungen wichtiger Hedgefondsmanager untereinander sind. Griffin ist eines von vielen Tigerbabys: Er lernte das Geschäft bei Tiger Management, dem Fonds der Branchenlegende Julian Robertson (83). Genauso wie Philippe Laffont (47) von Coatue.

Selbst wer kein Tiger-Alumnus ist, arbeitet oft nur zwei, drei Kilometer entfernt von Julian Robertsons altem Hauptquartier, 101 Park Avenue. So wie Wirecard-Shortseller Anand Desai (41) von Darsana Capital. In Tribeca und der Upper West Side laufe er Kollegen über den Weg, sobald er auf die Straße gehe, verriet Desai einmal.

Die Branche hat sich tief in die Zirkel der New Yorker Oberschicht eingegraben. Kaum eine Wohltätigkeitsorganisation, in deren Board nicht Hedgefonds- neben Societygrößen sitzen. Denn die Superkapitalisten gieren mindestens genauso nach gesellschaftlicher Anerkennung wie nach Milliardengehältern.

Neue Geschäftsideen scheint der rege Austausch kaum zu erzeugen. Selbst große Namen agieren mittlerweile wie Mitläufer. Third-Point-Gründer Dan Loeb, der sein Verlustjahr 2015 wettmachen muss, ging erst sechs Wochen nach dem britischen Rivalen Lansdowne Partners short bei Ströer.

Der Fall des Außenwerbers aus Köln veranschaulicht, wie die Meute aus Midtown und Mayfair auf Jagd geht. Sie greift vor allem dort an, wo sie einen Resonanzboden für ihre Argumente vermutet. Typische Kriterien:

  • Ausschweifender Lebensstil: Ströer-Chef Müller hat sich und seiner Frau ein großes Haus im noblen Kölner Stadtteil Marienburg gebaut, ihm gehört auch ein Anwesen auf Ibiza. Das Paar ist bekannt für seine unterhaltsamen Partys. Gründersohn Dirk Ströer ist Mitglied im Karnevalsverein Goldene Jungs, zusammen mit Verlegersohn Konstantin Neven DuMont (46) und Ken Sommer (32), Spross von Ex-Deutsche-Telekom-CEO Ron. Auch Ströer lässt es gern und oft mal krachen.
  • Gebrochene Versprechen: Der Börsengang 2010 gelang noch zum Ausgabepreis von 20 Euro. Müller gelobte, das Kapital für die internationale Expansion zu verwenden und die Erfolgsstory des globalen Außenwerbers JC Decaux zu wiederholen. De facto ist Ströer bis heute nur daheim, in Polen und in der Türkei präsent. Die Krise dort ließ den Kurs bis auf 6,40 Euro einbrechen. Schon beim Kurs von 12 Euro hatten zwei Fondsmanagerinnen einer US-Pensionskasse Müller anlässlich eines Besuchs in New York angeschrien: "Warum bringen Sie so eine Scheißfirma an die Börse?" Warum also sollten die resoluten Damen nun als Ankerinvestoren bereitstehen, um ihn gegen Shortseller zu verteidigen?
  • Riskante Strategieschwenks: Seit 2013 sucht Müller neue Wachstumsimpulse durch die Expansion in digitale Medien, die den Kurs zwischenzeitlich bis auf mehr als 60 Euro ansteigen ließ. Aber ist er der richtige Mann dafür?
  • Ungewöhnliche Buchführung: Ströer rechnet in sein "organisches Wachstum" teils auch gerade gekaufte Firmen ein. Sonderbar, denn die Kennziffer soll doch den Zuwachs ohne Übernahmen zeigen.
  • Governance-Alarm: Wenn Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder oder Großaktionäre ein privates Unternehmen an eine börsennotierte Gesellschaft verkaufen, wie dies bei Ströer der Fall war, beginnt in Midtown Manhattan eine kleine rote Lampe zu blinken.

Ströer bezeichnet die Vorwürfe von Muddy Waters nach wie vor als unzutreffend. Worin der Grund für die eigenwillige Wachstumsdefinition liegt und warum FreeXmedia nicht direkt vom Vorvorbesitzer Freenet gekauft wurde, kann Müller aber nicht überzeugend erklären.

Nicht nur Ströer hat sich angreifbar gemacht. Alvarez & Marsal hat eine Liste potenzieller Angriffsziele in Deutschland erstellt, gerankt nach ihrem Gefährdungsgrad.

Die aggressiven Investoren einfach nur als geldgierige, verantwortungslose Bande zu diskreditieren und Gesetze gegen sie zu fordern, dürfte wenig erfolgversprechend sein. Denn sie haben inzwischen auch in der Politik Fürsprecher. Ex-Verkehrsminister Peter Ramsauer (62) etwa, seit 2014 Leiter des Ausschusses für Energie und Wirtschaft im Bundestag, zog auf Vorschlag des Münchener Aktivisten Olaf Marx (49) von MCGM Mitte Mai in den Aufsichtsrat von SKW Stahl ein; zuvor hatte Marx die Strategie des Managements öffentlich auseinandergenommen. Ein CSU-Grande als Aushängeschild. Mehr gesellschaftliche Akzeptanz geht in Bayern kaum.

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