Montag, 30. März 2020

Ökonomie der Zwangspause Warum vieles für eine Handelspause an den Börsen spricht

Die Wirtschaft wird heruntergefahren - nur die Börse zeigt Hyperaktivität

Was macht diesen Wirtschaftseinbruch so besonders? Worauf muss die Politik sich konzentrieren? Lesen Sie ab heute unser regelmäßiges Makroökonomie-Update zur Krise.

Es ist Mega-Krise in der Weltwirtschaft. Aber spätestens seit diesem Wochenende ist auch klar, was diese Krise so besonders macht und wie sie zu bekämpfen ist. Viele Parallelen zum Weltfinanzcrash 2008/09 drängen sich auf. Und viele Instrumente, die sich damals bewährt haben, werden auch jetzt wieder zu Recht von den Notenbanken und den Regierungen mobilisiert.

In ihrem Kern ist diese Wirtschaftskrise aber ganz anders: Diesmal kommt es darauf an, innerhalb kürzester Zeit eine Art "Ökonomie der Zwangspause" zu erlernen und zu managen.

Die Wirtschaft wird von einem externen biologischen Schock in der unsichtbaren Gestalt eines Virus getroffen. Finanzielle Schieflagen und ökonomische "Vorerkrankungen" werden dadurch natürlich verschärft. Das überragende und vordringlichste Problem ist aber ein medizinisches. Der ökonomische Kreislauf muss zurzeit nicht hektisch angekurbelt, sondern kontrolliert heruntergefahren und geschützt werden. So lange, bis das medizinische Problem wieder im Griff ist. Einige asiatische Länder haben gezeigt, dass und wie das im Prinzip möglich ist.

Gesundheitspolitik hat die Führung übernommen - alles andere ist zweitrangig

In fast allen Ländern hat seit ein paar Tagen die Gesundheitspolitik die Führung übernommen. Oberste Priorität ist derzeit, die weitere Ausbreitung des Virus drastisch zu verlangsamen. Das hat zwar einen sehr hohen ökonomischen Preis. Aber der verblasst immer noch gegenüber den Kosten einer ungebremsten Eskalation der Seuche.

Die Strategie des "Social Distancing", also der massiven Einschränkung des gesellschaftlichen Lebens, versetzt mit voller Absicht ganze Branchen, ja ganze Regionen in eine Zwangspause. Staatliche Nachfragepolitik ist in dieser Phase nicht nur wirkungslos, sondern kontraproduktiv.


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Die Wirtschaft braucht keinen Adrenalinstoß, sondern muss jetzt in einer Art künstlichem Koma gehalten werden.

Die Politik muss mit allen Mitteln dafür sorgen, dass in diesem Ruhezustand keine bleibenden volkswirtschaftlichen Schäden entstehen: Insolvenzen müssen verhindert, Lieferketten dauerhaft gesichert werden. Ganz egal wie tief die Zwangspause jetzt ausfällt - entscheidend ist, dass der Wirtschaftskreislauf wieder schnell und kraftvoll auf Touren kommen kann, sobald die Gesundheitspolitik grünes Licht gibt.

Rezession: Ein U ist verkraftbar, nur ein L wäre katastrophal

Eine Rezession und einer Erholung in der Form eines scharfen V oder sogar eines zähen U sind verkraftbar. Ein Szenario in L-Form, bei dem produktive Strukturen dauerhaft zerstört werden, wäre nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftspolitisch katastrophal.

Corona / VIX-Index

Es ist deshalb richtig, dass die Notenbanken und Regierungen riesige Liquidität bereitstellen und Überbrückungshilfen wie das erweiterte Kurzarbeitergeld beschlossen haben. Zugleich ist natürlich auch eine Art Notbetrieb aufrechtzuerhalten oder sogar auszubauen: Die Versorgung muss funktionieren, medizinische Kapazitäten sind so schnell wie möglich zu steigern. Flexibilität ist auf allen Seiten gefordert. Notlösungen oder Umrüstungen in den Unternehmen dürfen nicht an der Bürokratie scheitern. Die Ökonomie der Zwangspause ist keine Ökonomie des Winterschlafs.

Notenbanken handeln richtig - das Problem sind derzeit die Finanzmärkte

Ein besonderes Problem bleiben die Finanzmärkte. Ausgerechnet die Börsen sind von einer Strategie des "Social Distancing" heutzutage nicht mehr unmittelbar betroffen. Das Geschäft findet dort ja schon seit Langem fast nur noch digital statt. Die große Unsicherheit, die in der Gesellschaft durch eine verordnete Zwangspause entsteht, beschleunigt an den Börsen sogar noch die Hyperaktivität.

Es spricht vieles dafür, auch die Börsen in einer solchen Situation zeitweise zu schließen.

Ihre dramatisch schwankenden Preissignale haben derzeit ohnehin kaum Aussagekraft: Panik, Spekulation und automatisierte Entscheidungen treiben die Kurse. Die Beschlüsse der Krisenmanager in den Regierungen und Notenbanken sind die alles bestimmenden News.

Eine Handelspause an der Börse wäre sinnvoll

Liquidität, die sich bedrängte Akteure derzeit durch Notverkäufe beschaffen wollen, muss natürlich auf andere Weise gewährleistet werden. Es würde aber deutlich zur Beruhigung und Steuerbarkeit der Lage beitragen, wenn die Rückkopplungsschleife zwischen der realwirtschaftlichen Zwangspause und der wilden Börsenpanik zumindest in extremen Situationen zeitweise unterbrochen werden könnte.

Würden sich die Händler noch wie früher auf dem Börsenparkett treffen, wäre ein solcher Timeout längst aus Gesundheitsgründen angeordnet worden.

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