Dienstag, 16. Juli 2019

Hedgefonds verfolgen Privatjet-Daten So wird das Flugradar zum Instrument gewiefter Investoren

Verräterischer Learjet: Investoren verfolgen die Privatflugzeuge großer Konzerne, um Hinweise auf den nächsten großen Deal zu bekommen.

Es ist eine bekannte Regel am Finanzmarkt: Je früher ein Investor über eine kursrelevante Information verfügt, desto besser kann er damit Geld verdienen. Kein Wunder also, dass sich Hedgefonds-Lenker immer neue Methoden ausdenken, um von entscheidenden Ereignissen in der Wirtschaft möglichst als erster zu erfahren. Der letzte Schrei: Einem Bericht von Bloomberg zufolge haben sich verschiedene Agenturen darauf spezialisiert, die Flugdaten und Aufenthaltsorte von Privatflugzeugen zu verfolgen und aufzubereiten. Klienten dieser Agenturen sind Hedgefonds und andere Investmentgesellschaften, die sich von den Informationen Hinweise darauf erhoffen, wo und zwischen welchen Parteien beispielsweise der nächste große M&A-Deal ausgehandelt wird.

Das Motto lautet also: Wo der Jet ist, da ist auch dessen Besitzer. Und wo sich zwei Besitzer treffen, da ist womöglich der nächste Geschäftsabschluss nicht weit. Einen Beleg dafür nennt Bloomberg ebenfalls: Im April sei ein Flugzeug der in Houston ansässigen Occidental Petroleum Corp auf einem Flughafen in Omaha gesichtet worden. Wohl gemerkt, Omaha ist bekannt als Sitz der Beteiligungsholding Berkshire Hathaway Börsen-Chart zeigen mit Investorenlegende Warren Buffett an ihrer Spitze.

Investoren, die durch eine der Researchfirmen über die Flugzeugsichtung informiert wurden, spekulierten also sogleich, Occidentals Topmanager seien bei Buffett zu Gast, um sich Unterstützung in ihrem 38-Milliarden-Dollar-Übernahmekampf um den Wettbewerber Anadarko zu holen. Und tatsächlich: Zwei Tage später gab Buffett bekannt, zehn Milliarden Dollar bei Occidental zu investieren.

Laut Bloomberg gibt es sogar schon eine Studie zu dem Thema. Darin wurden 2018 die Flugzeuge von drei Dutzend Unternehmen verfolgt. Ergebnis: Die Researcher konnten auf diese Weise sieben Fälle von Mergers-And-Acquisitions-Aktivität feststellen. "Es sollte wohl nicht die einzige Informationsquelle sein", sagt ein Forscher der Universität Oxford, der an der Analyse mitgearbeitet hat, mit Blick auf den Wert solcher Informationen für Geldanleger. "Aber es ist eine Möglichkeit, Hinweise darauf zu bekommen, dass etwas passieren könnte." Insofern könnte die Jet-Überwachung nützlich sein, so der Fachmann.

Nützlich - und für die Inhaber der Flugzeuge zugleich unerfreulich. Kein Wunder also, dass Privatjet-Eigner bereits Anstrengungen unternehmen, um sich der Beobachtung zu entziehen. In den USA setzt sich die National Business Aviation Association beispielsweise dafür ein, die Möglichkeiten für Dritte, Flugdaten mit relativ geringem technischem Aufwand zu verfolgen, einzuschränken. "Ein Geschäftsmann sollte nicht auf seine Sicherheit, seine Privatsphäre oder geschäftliche Vertraulichkeiten verzichten müssen, nur weil er ein Flugzeug besteigt", zitiert Bloomberg einen Sprecher des Verbandes.

Zudem reicht es häufig schon nicht mehr aus, zu wissen, welches Flugzeug sich wann wo befindet. Das größte Problem ist vielmehr oft, herauszubekommen, wem der Jet eigentlich gehört. Laut Bloomberg erschweren die Besitzer ihren virtuellen Verfolgern die Beantwortung dieser Frage immer öfter, indem sie Firmenhüllen oder ausländische Registrierungen dazwischenschalten.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Auch das dürfte für die Hedgefonds-Branche allerdings kein dauerhaftes Hindernis darstellen. Im Zweifel könnten die Investoren oder deren Dienstleister einfach die viel besuchten Business-Hubs weltweit ansteuern und dort die Flugzeuge sowie deren Passagiere beobachten. "Das ist keine Raketenwissenschaft", zitiert Bloomberg den Experten von einer Researchfirma.

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