Fotostrecke

Fotoindustrie: Gettys wichtigste Wettbewerber

Getty-CEO Jonathan Klein "Es braucht Geduld, das Silicon Valley zu überzeugen"

Jonathan Klein ist CEO von Getty Images, der größten Fotoagentur der Welt. Im Gespräch erklärt er, wie er die einst zersplitterte und behäbige Branche umgewälzt hat, welches die teuerste je von Getty verkaufte Bildserie war und wie er mit Google ins Geschäft kommen will.
Von Kristian Klooß

mm: Herr Klein, als Sie vor zwanzig Jahren Getty Images gegründet haben, wurden Fotos noch in Dunkelkammern entwickelt. Wie haben Sie ihren Investoren damals die Zukunft der Fotoindustrie ausgemalt?

Klein: Es waren mehrere Punkte, die wir uns damals vorgenommen hatten. Erstens wollten wir die sehr fragmentierte Industrie konsolidieren, in der es keine großen und tausende kleine Spieler gab. Das waren Unternehmen, die von und für Fotografen geführt wurden. Weshalb wir zweitens einen einfachen Service bieten wollten, eine Plattform, auf der wir die Anbieter, also die Fotografen, mit den Abnehmern, also Verlagen oder Werbeagenturen, zusammenbringen wollten. Dafür wollten wir drittens neue Technologien nutzen - denn uns war klar, dass die Digitalisierung die Branche prägen würde.

mm: Sie haben jahrelang Bildarchive und Fotoagenturen auf der ganzen Welt aufgekauft. Bis heute kommen Sie auf weit mehr als hundert Akquisitionen. Hat sich diese Strategie erübrigt, seit Fotoplattformen im Internet wie Pilze aus dem Boden sprießen und Internetkonzerne mehr bezahlen können als Sie - Facebook hat beispielsweise eine Milliarde Dollar für die Foto-App Instagram auf den Tisch gelegt?

Klein: Wir haben schon kurz nach der Jahrtausendwende entschieden, dass Akquisitionen nicht mehr das wichtigste sind. Stattdessen haben wir uns als Partner für die Fotoindustrie positioniert. Statt Unternehmen, deren Bilder uns gefielen, aufzukaufen, haben wir entschieden, ihre Bilder zu präsentieren. Zusätzlich zu unseren eigenen Bildern vermarkten wir inzwischen auch die Inhalte von rund 350 Kooperationspartnern, deren Fotos und Videos wir auf unserer Website präsentieren. Wir kooperieren auch mit Wettbewerbern wie Corbis.

mm: Seit 2009 haben Sie auch eine Vereinbarung mit Yahoos Foto-Community Flickr, wobei Sie Bilder von Hobbyfotografen vermarkten. Was ist mit anderen sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Pinterest, die über Millionen von Fotos ihrer Privatnutzer verfügen - und auch schon angedeutet haben, dass sie diesen Schatz gerne selbst heben würden?

Klein: Dies zu tun, wäre sehr schwierig. Denn um mit Fotos Geschäfte zu machen, braucht man die Rechte. Und Pinterest, Facebook, Instagram, Twitter oder Google haben diese Rechte für kommerzielle Bildnutzung nicht. Wenn Sie heute die Google-Bildersuche öffnen und nach einem Begriff suchen, dann bekommen sie Abermillionen Treffer. Aber Google kann ihnen diese Bilder nicht zur Nutzung gegen Bezahlung anbieten. Bei Flickr haben wir das so gelöst, dass wir uns direkt an die Flickr-Fotografen wenden und sie fragen: Wollt ihr, dass wir dieses oder jenes Bild, dass wir auf eurem Profil gefunden haben, für euch lizenzieren. Und wenn sie einverstanden sind, können wir Kunden die Rechte einräumen.

Das Öl des 21. Jahrhunderts

mm: Ihr Mitgründer Mark Getty - Sohn des Ölmilliardärs Paul Getty - sagte einmal, dass geistiges Eigentum das Öl des 21. Jahrhunderts sei. Wieviele Anwälte beschäftigen Sie, um dieses Öl zu fördern?

Klein: Wir haben glaube ich derzeit acht Anwälte. Die sind allerdings sehr nett, was ja für Anwälte keine Selbstverständlichkeit ist. In allen Jahren, in denen wir für unsere Rechte, aber auch die Rechte unserer Partner wie Agenturen oder Fotografen einsetzen, mussten wir vielleicht zweimal vor Gericht ziehen. Das liegt daran, dass wir einen anderen Ansatz verfolgen als etwa die Musikindustrie um die Jahrtausendwende. Wenn Sie auf einer unserer Seiten ein Bild herunterladen wollen, dann dürfen Sie das einfach so, solange Sie mit dem Foto nicht direkt oder indirekt Geld verdienen.

mm: Google schafft es aber doch schon heute, mit Youtube Geld zu verdienen. Ist die rechtliche Situation bei Videos und Musik so anders als bei Fotos?

Klein: Das Konzept dahinter nennt sich Content-ID. Wenn jemand ein Musikstück oder ein Video hochlädt, dann ist sofort klar, ob der Besitzer sich bereit erklärt hat, es gegen eine Umsatzbeteiligung für die Nutzung freizugeben. Was Google mit Youtube für Videos und Musik etabliert hat, das wollen wir für Fotos schaffen. Fotografen erlauben uns, Bilder auf einer Plattform zusammenzuführen und sie werden an den Umsätzen beteiligt, die rund um diese Plattform erwirtschaftet werden. Wir nennen es PicScout.

mm: PicScout haben Sie vor zweieinhalb Jahren akquiriert. Wie gehen denn die Pläne, die Lizenzierungstechnik des Unternehmens zu nutzen, voran?

Klein: Was wir gelernt haben, ist, das es Geduld braucht, bis wir das Silicon Valley von unserer Sicht der Dinge überzeugt haben. Einige verstehen es schneller, das Traffic ohne Rechte keinen Wert besitzt, andere tun sich schwer. Während Google derzeit mit der Bildersuche nichts macht, haben wir zum Beispiel mit Yahoo eine Partnerschaft abgeschlossen. Wenn Sie bei der Yahoo-Bildersuche auf ein Bild von Getty Images klicken, dann wird es in höherer Auflösung gezeigt. Und wir haben Yahoo erlaubt, darum herum Werbung zu schalten. Wir bekommen eine Umsatzbeteiligung.

Erst der Inhalt, dann die Technologie

mm: Sie haben Fotografien, Videos und Musik von Künstlern ohne Plattenvertrag im Portfolio. Gibt es andere Produkte, mit denen Sie ihr digitales Portfolio gerne erweitern würden? Wie wäre es mit Statistiken oder journalistischen Texten?

Klein: Wir wollen nicht immer mehr Medien in unser Geschäftsmodell integrieren. Wir konzentrieren uns jetzt darauf, den Zugang zu unseren Datenbanken zu verbessern. Wir haben zum Beispiel Anfang letzten Jahres ein neues Produkt auf den Markt gebracht, das Connect heißt. Damit können Kunden unsere Datenbanken nahtlos in ihre eigenen Systeme einbetten oder auf ihren Websites integrieren.

mm: Klingt mehr nach IT als Fotografie und erinnert an Jon Oringer, Gründer der Fotoplattform Shutterstock und einer Ihrer Hauptkonkurrenten. Der hat uns in einem Interview gesagt, dass das Herz seines Unternehmens die Suchmaschine sei. Würden Sie dem auch im Hinblick auf Getty zustimmen?

Klein: Teilweise. Der Unterschied ist, dass Shutterstock von einem sehr technologischen Hintergrund kommt. Wir starten mit den Inhalten, editieren sie sehr genau, erst dann kommt die effektive Suche. Und wir haben dazu nicht nur die Suchmaschine, sondern auch 600 Mitarbeiter, die sich nur um Vertrieb, Kundenbetreuung und Service kümmern - das sind mehr Mitarbeiter als Shutterstock insgesamt beschäftigt.

mm: Sie sprechen davon, dass Getty von vornherein von Inhalten getrieben war. Sie selbst waren aber doch Investmentbanker…

Klein: …mit Spezialisierung auf das Mediengeschäft und geistiges Eigentum. Ich habe auch Zeitungsverlage beraten. Und ich war auch schon früher sehr interessiert an Fotografie. Ich würde auch sagen, dass ich in den vergangenen zwanzig Jahren ein besserer Fotograf geworden bin. Allerdings bin ich immer noch bestenfalls durchschnittlich.

mm: Sind einige der Fotos bei Ihrer Tochter iStockfoto von Ihnen?

Klein: Einige Fotos sind in der Tat von mir. Aber ich bin da schon auf der Highend-Seite: Sie finden mich nicht auf der iStock-Website, aber auf der Getty-Images-Website (Er lacht). Ich habe gelegentlich Fotos bei verschiedenen Sportveranstaltungen geschossen - beim Eishockey und beim Tennis. In zwei oder drei Fällen gab es auch wirklich Kunden, die Geld dafür bezahlt haben, diese Fotos zu verwenden.

mm: Da waren Sie sicher stolz.

Klein: Eigentlich mehr überrascht. Wir haben rund um die Welt 125 Vollzeitfotografen, die es besser können.

Die teuersten Fotos der Welt

mm: Was war das erfolgreichste Foto in der Geschichte von Getty Images?

Klein: Also die Fotos, die den höchsten Umsatz eingebracht haben, das waren die sechs Bilder der Zwillinge von Angelina Jolie und Brad Pitt. Wir haben einen Deal gemacht, wobei wir sichergestellt haben, dass die Paparazzi keinen Zugang bekommen. Stattdessen haben wir einen Fotografen geschickt, den beide kannten und vertrauten. Wir haben die Fotos dann an Zeitschriften weltweit verkauft. Ein Teil des Deals war, dass alle Einnahmen für gute Zwecke ausgegeben werden.

mm: Es heißt, es waren knapp 16 Millionen Dollar.

Klein: Wieviel wir eingenommen haben, das darf ich Ihnen leider nicht sagen. Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass wir mit den berühmtesten Bildern nicht unbedingt die meisten Einnahmen erzielen. Wir haben zum Beispiel ein Bild lizenziert, das aussieht wie ein Wassertropfen, bei dem es sich aber tatsächlich um Quecksilber handelt. Wir haben das Bild exklusiv an ein europäisches Finanzinstitut lizenziert und dafür 100.000 Pfund bekommen. Wir haben aber andere Bilder, die uns mehr als eine Million Pfund eingebracht haben, einfach weil sie so häufig von unseren Kunden genutzt wurden. Das ist dann zum Beispiel ein Foto von einem Eisberg.

mm: Kommen wir zum Schluss noch mal zum Geschäftlichen. Seit einem Jahr gehören Sie mehrheitlich zum Private-Equity-Konzern Carlyle. Was haben Sie den neuen Investoren für die kommenden fünf Jahre versprochen, dass sie fast 50 Prozent mehr für Getty bezahlt haben als das Private-Equity-Unternehmen Hellman & Friedman fünf Jahre zuvor?

Klein (er lacht): Was ich denen versprochen habe? Ich habe ihnen eine charmante Persönlichkeit und eine gehörige Portion Humor versprochen. Und das habe ich auch eingehalten (er lässt eine kleine Pause). Aber mal im Ernst. Es ist das zweite Mal, dass wir so einen Verkaufsprozess durchgemacht haben. Zuerst Hellman & Friedman, jetzt Carlyle. Ich glaube, dass wir für Private-Equity-Gesellschaften aus verschiedenen Gründen sehr attraktiv sind. Erstens sind wir ein globales Unternehmen. Zweitens sind wir klarer Marktführer. Drittens mögen sie an uns, dass wir hohe Margen haben, weil wir ein Plattformgeschäft betreiben, das gut skalierbar ist. Wobei wichtig ist, dass wir nicht in einer 100-Milliarde-Dollar-Industrie unterwegs sind, sondern in einer 5-Milliarden-Dollar-Industrie. Denn das ist zu klein, um für die ganz Großen interessant zu sein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.