Finanzausblick So könnte sich die Börse bis Jahresende entwickeln

Händler in New York: Geht es bis Jahresende mit den Aktienkursen aufwärts?

Händler in New York: Geht es bis Jahresende mit den Aktienkursen aufwärts?

Foto: Justin Lane/ dpa

Wer sich kundig machen möchte über den Zustand einer Volkswirtschaft und die Aussichten dieses Aktienmarktes hat verschiedene Möglichkeiten. Er kann entweder viele Statistiken auswerten, also etwa Auftragseingänge in der Industrie, Industrieproduktion, Entwicklung der Exporte, Verbrauchervertrauen und Verbraucherstimmung.

Er kann es aber auch machen wie William Eigin, ein sehr erfolgreicher Manager eines großen amerikanischen Anleihefonds. Er geht nämlich am Wochenende gerne in eine von drei Autowerkstätten in der Nähe von Boston, an denen er beteiligt ist. Er ist seit seinem fünfzehnten Lebensjahr Autofan und zieht aus dem Autoreparaturgeschäft eine Menge interessante Schlüsse. Denn da sitzt man, wie er sagt, in der ersten Reihe mit Blick auf die US-Wirtschaft.

Eine seiner Autowerkstätten liegt in einem Industriegebiet und spürt jeden Umschwung der Wirtschaft sofort. Wenn Kunden mit einer großen Fahrzeugflotte Wartungstermine auf unbestimmte Zeit verschieben, ist das Signal klar. Ebenso klar ist es, wenn ein örtlicher Landschaftsgärtner plötzlich eine ganze Reihe neuer Lastwagen anschafft.

Wie er vor kurzem im Fachblatt "Barron's" berichtete, bringen die Kunden jetzt ihre Autos zu den vorgeschriebenen Wartungsintervallen und verschieben diese nicht wie früher. Das gilt sowohl für private Autos als auch für Geschäftsfahrzeuge. Es werden auch eher bessere und damit teurere Teile eingebaut, beispielsweise bessere Bremsbeläge. Anderes, was nicht dringend repariert werden muss, wird dennoch jetzt in Auftrag gegeben.

Ebenso nehmen die Auftragseingänge für die Restaurierung von Oldtimern zu. Dies ist ein klares Zeichen, dass die amerikanischen Konsumenten ihre Ausgaben erhöhen und damit ein gutes Zeichen für verfügbare Einkommen und für eine gesunde Wirtschaft im allgemeinen.

Die Auswertung dieser wirtschaftlichen Aktivität zeigt ihm Wirtschaftswachstum in diesem Jahr von etwa 3 Prozent an, was wesentlich höher ist als bisher von den Wirtschaftsforschern vorhergesagt wurde.

Was ergibt sich daraus für den amerikanischen Aktienmarkt? Man sollte eigentlich meinen, dass der Aktienmarkt bei einer derart guten Wirtschaftsentwicklung sich auch positiv entwickelt. Hat er aber jedenfalls im ersten Halbjahr 2015 nicht. Der amerikanische Markt ist im ersten Halbjahr, gemessen am S&P 500 Index gerade einmal 0,2 Prozent gestiegen. Dies ist die kleinste Bewegung des Index in einem ersten Halbjahr seit seiner Einführung im Jahr 1957.

Den Euro im Blick behalten

Nahezu unentschiedene erste Halbjahre führen sehr oft zu mehr oder weniger unentschiedenen Gesamtjahren, während schlechte erste Halbjahre oft weiter schwache Märkte vorweggenommen haben.

Wenn man die Märkte in Kategorien von jeweils Bewegungen von 5 Prozent einteilt, ergibt sich ein interessantes Bild: In den Jahren, in denen der S&P 500 mehr als 5 Prozent im ersten Halbjahr gewonnen hat, ergab sich ein Gewinn von 21 Prozent für das Gesamtjahr, dies war wesentlich besser als der 35jährige Durchschnitt von 10 Prozent. In den Jahren, in denen das erste Halbjahr positiv war, aber weniger als 5 Prozent gewonnen hatte, hat der Markt im Gesamtjahr 9,3 Prozent gewonnen. Und in den Jahren mit einem negativen ersten Halbjahr hat der Markt durchschnittlich für das Gesamtjahr 3 Prozent nachgegeben.

Wenn man nicht so weit zurück geht, sondern sich die letzten 10 Jahre ansieht, an denen sich die Märkte so wenig verändert haben, ergibt sich daraus ein durchschnittlicher Anstieg von 6 Prozent in den nächsten sechs Monaten im S&P 500 Index.

Falls sich die Geschichte wiederholt, was sie selten tut, sind also Kursgewinne irgendwo zwischen 6 und 9 Prozent im zweiten Halbjahr zu erwarten.

Deutsche Anleger müssen aber auch die Währungsentwicklung beachten. Der US Dollar hat in den letzten zwölf Monaten kräftig aufgewertet. Angesichts all der Sorgen, die man sich in Europa macht, ist das nicht weiter erstaunlich. Sollte aber die griechische Odyssee im zweiten Halbjahr zu einem überraschenden positiven Ende finden und die Wirtschaftsentwicklung in Europa weiter anziehen, kann sich auch eine Aufwertung des Euros gegenüber dem Dollar ergeben. Dies ließe die zu erwartenden Kursgewinne dann im Rahmen der Währungserholung zusammenschmelzen.

Nach unserer Meinung ist es daher aus historischer Sicht nicht eilig mit einem Einstieg in den US-Aktienmarkt.

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