Freitag, 22. November 2019

Ex-Industrieikone als Weltfinanzrisiko Löst General Electric die nächste Finanzkrise aus?

General Electric: Imagination at work - das sehen mittlerweile auch Kritiker der GE-Bilanzierungsmethode so

General Electric (GE) hat das Zeug, am US-Markt für Unternehmensanleihen einen Crash auszulösen und die Weltfinanzmärkte in die nächste Krise zu führen.

In der vergangenen Woche verloren die Aktien von General Electric Börsen-Chart zeigen (GE) an einem Tag mehr als sieben Prozent und notieren mittlerweile auf dem Niveau von 1995 - Anlass waren neue Vorwürfe mit Blick auf die Bilanzierungsmethoden des Unternehmens. Was für ein Absturz für die einstige Industrieikone, die im August 2000 eine Marktkapitalisierung von 594 Milliarden US-Dollar hatte und heute mit weniger als 70 Milliarden nur noch im Mittelfeld des Aktienindex S&P 500 liegt.

Das einstmals wertvollste Unternehmen der Welt und Gründungsmitglied des Dow Jones Börsen-Chart zeigen-Index flog schon im letzten Sommer nach 111 Jahren Zugehörigkeit aus dem Index. Eine Entwicklung, die noch vor wenigen Jahren undenkbar erschien. (Lesen Sie die große mm-Analyse zu den operativen und strategischen Problemen von GE: "Bei GE geht es ums Überleben")

Daniel Stelter

GE als Symptom für die Exzesse der vergangenen Jahre

Unter Führung des legendären Jack Welch war GE das Vorbild für die Schaffung von Shareholder Value in diversifizierten Unternehmen. Welch bereinigte das Geschäftsportfolio und führte effiziente Managementmethoden ein, die schnell zum Vorbild für Unternehmen aller Branchen wurden und Geschäftsprozesse revolutionierten. Mindestens ebenso bedeutsam waren Aktienrückkäufe, die Erhöhung des Verschuldungsgrades (Leverage) und schließlich aggressive Bilanzierung. Wohl kein Unternehmen spiegelt damit das Zeitalter des Financial Engineerings so wider wie GE.

Die Börse honorierte es mit immer höheren Kursen - um beeindruckende 4000 Prozent stieg die Aktie in den 20 Jahren seiner Amtszeit. Jack Welch und seine Manager wurden reich. Kein Wunder, dass GE damit einen Trend für die Gesamtwirtschaft auslöste, der bis heute anhält. Praktisch kein börsennotiertes Unternehmen in den USA kann es sich leisten, bei dem Spiel nicht mitzumachen.

Financial Engineering kann - wie der Fall GE zeigt - helfen, dass Maximale aus einem Unternehmen herauszuholen. Es kann aber nicht dauerhaft strategische und operative Probleme im Unternehmen kaschieren. Unter der noch glänzenden Oberfläche wachsen die Probleme. Sobald sie sichtbar werden, drehen die bis dahin positiven Effekte des Financial Engineering in das Gegenteil. Schulden, die gestern noch als tragbar erschienen, sind es heute nicht mehr.

Zweifel an der Bilanzierung

Schulden sind vor allem dann nicht mehr tolerabel, wenn Zweifel an der Bilanzierung aufkommen. Der Experte Harry Markopolos, der mit seiner Studie den Kurssturz in der vergangenen Woche auslöste, ist kein Unbekannter. Schließlich war er es, der vor den Manipulationen des Bernie Madoff warnte, und zwar schon lange, bevor die SEC mit den Untersuchungen begann. Immerhin das (bisher) größte Ponzi-Schema der Weltgeschichte.

Markopolos spricht nun von einem "Bilanzskandal, der größer ist als die bisherigen Großfälle Enron und Wordcom zusammen". Insgesamt sollen die Buchhaltungsprobleme, die ihren Ursprung noch in der Zeit von Jack Welch haben, bei GE 38 Milliarden US-Dollar ausmachen, rund 40 Prozent der verbliebenen Marktkapitalisierung. Kein Wunder, dass GE diese Anschuldigungen zurückweist und mit Blick auf die Zusammenarbeit von Markopolos mit einem Hedgefonds, der gegen GE spekuliert, von einer versuchten Marktmanipulation spricht.

Das Problem für GE ist erheblich. Selbst wenn sich nur ein Teil der Kritik von Markopolos als wahr herausstellt, ist das derzeitige Rating nicht mehr zu halten. Schon im letzten Herbst wurde GE von den führenden Ratingagenturen herabgestuft. Von Moody's um zwei Stufen auf Baa1 und von S&P Global Ratings und Fitch Ratings auf BBB+. Obwohl die Ratingagenturen einen stabilen Ausblick geben, also keine weitere Abstufung erwarten, sah das der Kapitalmarkt schon vor den Ereignissen der letzten Woche anscheinend anders und handelte die Anleihen des Unternehmens bereits wie BBB-.

Das liegt zwar noch im Investment-Grade-Bereich, doch man mag sich gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn die Anleihen des Unternehmens auf Junk-Niveau (also BB oder schlechter) herabgestuft würden. Viele institutionelle Investoren wären dann gezwungen, die Anleihen zu verkaufen, was die Krise des Unternehmens verstärken würde. Wenig beruhigend ist da, dass bei GE in den kommenden 12 Monaten mehr Anleihen fällig werden, als bei jedem anderen BBB-gerateten Unternehmen.

Da Markopolos offen einen möglichen Konkurs von GE in den Raum stellt, müssen bei allen Investoren die Alarmglocken schellen. Denn nicht nur Anleihen von GE würden dann erheblich unter Druck geraten, sondern das gesamte BBB-Segment der US-Unternehmensanleihen stünde vor einer Neubewertung.

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