Freitag, 22. November 2019

Die Geldschwemme der EZB stützt die Wirtschaft Der globale Konjunkturpessimismus ist überzogen

Maschinenbau: Geht es Deutschland relativ schlecht, erleichtert dies die Situation gerade für die peripheren Staaten in Europa

EZB-Chef Mario Draghi hat die Erwartungen erfüllt. Die EZB hat die Geldpolitik noch einmal spürbar gelockert, auch das US-Notenbank Fed dürfte in der nächsten Woche die Zinsen senken. Der damit einhergehende Konjunkturpessimismus ist jedoch deutlich überzogen. Die zugrunde liegende Wachstumsdynamik ist nicht so schlecht, wie es oft dargestellt wird. Auch nehmen die politischen Risiken in Europa tendenziell ab, und die jüngsten Signale im Handelsstreit zwischen den USA und China sind ermutigend. Zusätzlich dürften die zunehmende geldpolitische Lockerung sowie sich abzeichnende fiskalische Unterstützungsmaßnahmen der globalen Wirtschaft mit Blick auf 2020 Unterstützung bieten.

Daniel Pfändler
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    Daniel Pfändler verfügt über langjährige Erfahrung in der makro-ökonomischen Analyse und Finanzmarktstrategie. Er ist Gründer der unabhängigen Research Firma Research Ahead.

Es besteht eine gute Chance, dass die Kombination aus lockerer Geldpolitik und abnehmendem Konjunkturpessimismus den Finanzmärkten in den nächsten Monaten Auftrieb verleihen. Generell dürften davon insbesondere zyklische Aktiensektoren, die Schwellenländermärkte sowie Rohstoffe Unterstützung erfahren. An den Anleihemärkten erscheinen insbesondere Produkte mit einem Renditevorteil wie etwa periphere Anleihen attraktiv.

Während des Sommers sind die Anleiherenditen auf globaler Basis markant gefallen und haben in der Eurozone neue Rekordtiefstände erreicht. Sogar die Renditen der 30-jährigen Bundesanleihen- das sind die mit der längsten Laufzeit überhaupt - rutschten in den negativen Bereich. Diese Entwicklung ging mit höheren Notierungen für defensive Investitionen wie beispielsweise wenig konjunktursensitive Aktien oder Edelmetalle einher. Auslöser waren zunehmende Sorgen über die Entwicklung der globalen Konjunktur sowie aufkeimende Rezessionsängste insbesondere für die US-Wirtschaft. Gleichzeitig hat dies in Kombination mit niedrigen Inflationsraten zu der Erwartung geführt, dass die wichtigen Zentralbanken, allen voran das US Federal Reserve und die EZB, deutliche geldpolitische Lockerungen vornehmen würden.

Deutschland in technischer Rezession - na und?

Diese Erwartungen an die Geldpolitik haben sich bestätigt, die EZB hat gerade ein ganzes Paket an Lockerungsmaßnahmen angekündigt. Dabei hat sie die Leitzinsen moderat gesenkt und verkündet, ab November so lange wie nötig Anleihekäufe im Umfang von 20 Milliarden Euro pro Monat zu tätigen. Darüber hinaus hat sie, um die Belastung der Banken durch die negativen Zinsen zu verringern, einen gestaffelten Satz für die Einlagenfazilität eingeführt: Das hilft vor allem den Banken der Kernländer, die eine hohe Überschussliquidität ausweisen.

Zudem hat sie die Bedingungen der kommenden langfristigen Refinanzierungsoperation gelockert (dies hilft Banken in der Peripherie, die immer noch auf einen Zugang zur EZB-Liquidität angewiesen sind).

Das US Federal Reserve dürfte in der kommenden Woche mit einer Zinssenkung folgen. Der daraus abgeleitete Konjunkturpessimismus, der die Anleger weltweit ergriffen hat, ist allerdings deutlich überzogen.

Deutschlands relative Probleme helfen anderen Staaten

So ist zwar die aktuelle Situation für die globale Wirtschaft schwierig und Deutschland dürfte sich tatsächlich in einer sogenannten technischen Rezession befinden, also zwei aufeinander folgende Quartale mit schrumpfendem Bruttoinlandsprodukt (BIP) erleben. Dies kommt aber alles andere als überraschend, denn gerade Deutschland leidet unter den weltweiten Handelskonflikten, weil die hiesige Wirtschaft stark von der exportorientierten Industrie abhängig ist. Für die anderen großen Volkswirtschaften der Eurozone gilt das aber nicht.

Im Gegenteil, geht es Deutschland relativ schlecht, erleichtert dies die Situation gerade für die peripheren Staaten. Einerseits wird aufgrund der Bedeutung Deutschlands die Geldpolitik stärker gelockert, als es andernfalls nötig gewesen wäre, wie jetzt wieder zu sehen war. Andererseits wird in diesem Umfeld der Rückhalt für den Fiskal- und Stabilitätspakt geschwächt, was den anderen Ländern eine aktivere Fiskalpolitik ermöglicht.

Die Aussichten hellen sich auf - insbesondere für Italien

Die designierte EU Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schon zu erkennen gegeben, dass sie gedenkt, den Stabilitätspakt so flexibel wie möglich auszulegen. Insbesondere für Italien hellt sich der Wirtschaftsausblick auch deswegen spürbar auf. So dürfte die neue Regierung auf Kooperation mit der EU setzen und diese wiederum dürfte Italien mehr fiskalischen Spielraum gewähren.

Hinzu kommt, dass zuletzt die Wahrscheinlichkeit eines baldigen harten Brexits gesunken ist, nachdem das britische Parlament ein Gesetz zu dessen Verhinderung angenommen hat. Entweder erreicht Premierminister Boris Johnson allen Erwartungen zum Trotz doch noch eine für Großbritannien akzeptable Einigung mit der EU über den sogenannten Backstop, oder es kommt sehr wahrscheinlich zu einer weiteren Verschiebung des EU-Austrittes und baldigen Neuwahlen. Nach diesen Wahlen könnte die neue Regierung dann mit der neuen EU Kommission nochmals über den Austrittsvertrag verhandeln. Vor diesem Hintergrund könnte sich das Wachstum in Europa mit Blick auf 2020 langsam erholen.

Trump dürfte sich im Handelsstreit bis zur Wahl zurückhalten

Aber auch die Ängste vor einer Rezession in den USA dürften überzogen sein. So schwächt sich zwar auch die Konjunktur für die amerikanische Industrie merklich ab, jedoch haben diese Sektoren für die US-Wirtschaft eine erheblich geringere Bedeutung als etwa in Deutschland. Die Dynamik am Arbeitsmarkt bleibt ordentlich und die geldpolitische Kehrtwende des Fed dürfte mit einer üblichen Verzögerung von zwei bis drei Quartalen beginnen, sich in den Wirtschaftsdaten positiv bemerkbar zu machen.

Zu guter Letzt dürfte US-Präsident Donald Trump daran gelegen sein, den Handelskonflikt mit China zumindest temporär einzudämmen - um im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im Herbst kommenden Jahres auf eine starke Wirtschaft verweisen zu können. Seine jüngste Entscheidung, die letzte Runde der Zollanhebungen gegen die Volksrepublik um zwei Wochen zu verschieben, stützt diese Einschätzung.

Auftrieb für die Finanzmärkte - allerdings nicht für alle Sektoren

Somit ist das aktuelle fundamentale Umfeld zwar schwierig, mittelfristig aber zeichnet sich eine Besserung auf globaler Basis ab. Der allgemeine Konjunkturpessimismus, der sich in den Finanzmarktpreisen widerspiegelt, erscheint vor diesem Hintergrund nicht gerechtfertigt. Wenn die Wachstumssorgen schwinden und gleichzeitig die ultra-lockere Geldpolitik fortgeführt wird, dürfte dies den Finanzmärkten Auftrieb verleihen.

An den Anleihemärkten bietet diese Kombination insbesondere Produkten mit einem Renditevorteil wie etwa peripheren Staatsanleihen oder Corporate Bonds Unterstützung, die den Vorzug gegenüber Bundesanleihen bekommen können.

An den Aktienmärkten dürften die zyklischen Sektoren - beispielsweise Industriegüter- oder Rohstoffproduzenten - wieder besser performen, hingegen kann das Exposure gegenüber den wenig volatilen defensiven Sektoren tendenziell reduziert werden. Auf globaler Basis sollten von einer Verbesserung der Aussichten für die Weltwirtschaft generell die Märkte der Schwellenländer Unterstützung erfahren - sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen.

Daniel Pfändler verfügt über langjährige Erfahrung in der makroökonomischen Analyse und Finanzmarktstrategie. Er ist Gründer der unabhängigen Research Firma Research Ahead und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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