Montag, 24. Februar 2020

Die Angst der Deutschen vor Aktien Hört auf mit dem ewigen "Mimimi"!

Zerrbild Aktienmarkt: Die meisten Deutschen scheuen das Risiko. Dabei liegen Anspruch und Wirklichkeit bei der Kapitalanlage weit auseinander.
Marc-Steffen Unger
Zerrbild Aktienmarkt: Die meisten Deutschen scheuen das Risiko. Dabei liegen Anspruch und Wirklichkeit bei der Kapitalanlage weit auseinander.

Vielleicht sind Sie ja wie ich mit der Muppet Show groß geworden - und auch große Fans von Prof. Dr. Honigtau Bunsenbrenner und seinem Assistent Beaker aus dem Muppet Labor, wo "die Zukunft schon heute gemacht wird". Während Professor Bunsenbrenner den Zuschauern erklärt, welche neue Sensation Beaker gleich testen wird, zeigt dieser seine immer gleiche typische Reaktion: verdrehte, hilfesuchende Augen und ein hysterisches "Mimimi".

Alexis Eisenhofer
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    Alexis Eisenhofer ist Gründer und Geschäftsführer von financial.com, einem IT-Unternehmen für Finanzinformationen. Außerdem ist er Initiator verschiedener Kongressreihen für Finance Professionals, insbesondere des Münchner Finance Forums oder des D-A-CH Kongresses für Finanzinformationen. Er studierte Betriebswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und promovierte am dortigen Institut für Kapitalmarktforschung.

Im echten Leben heißen Professor Bunsenbrenner "Deutsche Aktien" und Beaker "Deutsche Anleger". In kaum einem Land der Welt liegen Anspruch und Wirklichkeit bei der Kapitalanlage so weit auseinander, weil die Gesellschaft ein total falsches Verständnis von Risiko hat. Beakers "Mimimi" steht in diesem Zusammenhang für die übertriebene Wehleidigkeit der Deutschen: Die Zentralbank enteignet die deutschen Sparer - schlimm! Erste Banken verlangen Negativzinsen - gemein! Wenn man dann noch in den sozialen Medien die ablehnenden Kommentare zu Friedrich Merz' Vorschlag einer aktienbasierten Altersvorsorge liest, hat man schnell den Eindruck, dass "Muppet Economics" zum neuen Pflichtfach an deutschen Schulen geworden ist.

Man stirbt nur einmal

83 Millionen Deutsche kaufen 88 Millionen Lebensversicherungen, obwohl man eigentlich nur einmal sterben kann. Immerhin freut sich hier die Versicherungswirtschaft, aber am Kapitalmarkt hat dieses falsche Risikoverständnis wirklich dramatische Folgen. Laut meiner Neujahrsumfrage unter 900 Finanzprofis liegt die durchschnittliche private Aktienquote bei 44 Prozent. Ende 2018 meldet der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft eine Aktienquote von 4,8 Prozent bei deutschen Lebensversicherern. Wenn Ärzte ihre Kinder in anderen Krankenhäusern behandeln lassen, ist dies für Patienten normalerweise ein Grund zur Sorge.

Die Deutschen waren historisch aber schon immer Aktienmuffel, weswegen viele gar nicht so weit denken. Das Deutsche Aktieninstitut zählt aktuell 10,3 Millionen Aktionäre und Anleger in Aktienfonds (12,5 Prozent). Direkt in Aktien investieren nur 2,5 Millionen Deutsche (3,0 Prozent). Die Unterinvestition in Aktien ist dabei freilich kein böser Wille der Finanzwirtschaft, sondern oft die Folge von gesetzlichen Rahmenbedingungen. Finanzprofis kennen das Buch Stocks for the long Run von Jeremy Siegel und wissen, dass Aktien seit 1802 mit einer durchschnittlichen Rendite von 6,6 Prozent pro Jahr Staatsanleihen um den Faktor 2500 übertroffen haben.

Echt jetzt, Kevin?

Juso-Chef Kevin Kühnert schimpft auf den Reichtum der Familie Quandt, dabei ist BMW Zeit meines Lebens (seit 1973) tatsächlich börsennotiert. Vielleicht ist der Grund seiner Forderung nach volkseigenen Betrieben eine (persönliche) Unterinvestition bei Aktien? Politisch linke Parteien begründen ihre Forderungen gern mit der starken deutschen Wirtschaft, aber leider gehören die Dax-30-Unternehmen nur noch zu knapp 30 Prozent deutschen Anlegern. Ohne die Familien Herz (Beiersdorf), Quandt (BMW), Henkel, Merck und Piech/Porsche (Volkswagen) wäre der Wert noch deutlich schlechter. Eine Vermögenssteuer für diese Familien würde den deutschen Großunternehmen noch mehr Heimat entziehen. Echt jetzt, Kevin?

Während die Unterinvestition in Aktien "nur" die eigene Altersvorsorge gefährdet, hinterlässt der fehlende Unternehmergeist in unserem Land auch schlimme Spuren bei der Zukunftsfähigkeit. Ganze 0,02 Prozent des Bruttosozialprodukts beträgt das hierzulande verfügbare Venture Capital. Deswegen gibt es in Deutschland kaum Einhörner, also Start-ups, die mehr als eine Milliarde US-Dollar schwer sind - weil es bei uns nicht genügend Futter gibt.

Wir sparen uns arm

Amazon hat im vergangenen Jahr 28,8 Milliarden US-Dollar in Forschung und Entwicklung investiert - mehr als doppelt so viel wie die deutsche Bundesregierung (14 Milliarden US-Dollar), von Google, Apple, Facebook und Microsoft ganz zu schweigen. Wirtschaftsminister Peter Altmaier fordert den Aufbau einer europäischen Cloud - 23 Jahre nach der Gründung von Amazon. Und wer genau soll die eigentlich bauen? Sascha Lobo verglich neulich das umsatzstärkste deutsche Digitalunternehmen, die Deutsche Telekom, mit seinem amerikanischen Pendant Amazon. Nach seiner Rechnung klafft das F&E-Budget der beiden um den Faktor 420 auseinander.

Tatsächlich sparen die Deutschen immens. Die Sparquote privater Haushalte beträgt 10,4 Prozent - zusätzlich zur Zwangsabgabe in die Gesetzliche Rentenversicherung. Mit einem Leistungsbilanzsaldo von 249,1 Milliarden Euro spart Deutschland gegenüber dem Ausland extrem viel. Aber während wir Sparweltmeister sind, spielen wir in der Investor-Kreisklasse. Ich wünsche mir von unserem Land mehr unternehmerischen Mut, mehr Freiheitsgrade für unsere Kapitalsammelstellen in Richtung Aktien und Venture Capital sowie einen gesellschaftlichen Konsens, dass Wohlstand durch Produkte und Dienstleistungen von Unternehmen erwirtschaftet wird, an denen man sich besser heute als morgen beteiligen sollte.

Fairerweise muss man an dieser Stelle noch sagen, dass sich Beaker im Muppets-Labor schon das eine oder andere Mal die Finger verbrannt hat. Aber Schall und Rauch sind ja auch wichtig für die Einschaltquote.

Alexis Eisenhofer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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