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Vom Walkman bis zu SAP R/3: Frogs Meilensteine aus vier Jahrzehnten

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Frog-Design-CCO Mark Rolston Das iPhone hat den Designbegriff verändert

Mark Rolston ist der Kreativchef von Frog, einer der weltgrößten Design- und Strategieagenturen. Im Interview spricht er über Unternehmensgründer Hartmut Esslinger, zeigt ein Video und erklärt anhand des iPhones, warum Design heute kaum noch mit Äußerlichkeiten zu tun hat.
Von Kristian Klooß

mm: Herr Rolston, Sie müssen es wissen. Warum bauen Amerikaner bis heute Duschen, bei denen der Wasserstrahl aus der Wand spritzt?

Rolston (lächelt): Amerikanisches Design ist wie ein Truck. Wir machen einen großartigen Job, Dinge zu gestalten, die einem Zweck dienen. Wenn es aber um die Feinheiten geht, den letzten Schliff, dann messen Amerikaner den zusätzlichen Wert nicht mehr so hoch ein, weshalb nicht soviel Aufwand in solche Dinge investiert wird. Das hat sich historisch so ergeben. Wir legen noch immer eher wert darauf, die Ersten zu sein, die etwas designen und nicht die Zwanzigsten, die das gleiche Produkt noch einmal ein bisschen schöner machen.

mm: Verfolgen Sie bei Frog eher den amerikanischen oder den europäischen Ansatz?

Rolston: So wenig wie ich als typischer Repräsentant für amerikanisches Design stehe, so wenig stand unser Mitgründer Hartmut Esslinger zu seiner Zeit für deutsches Design. Ich würde sagen, wir beide verfolgen eine globale Designphilosophie.

mm: Sie haben zehn Jahre zusammengearbeitet. Was haben Sie von ihm gelernt?

Rolston: Hartmut hat bei Frog eine Kultur geschaffen, die eine grundlegende Idee von Kreativität verfolgt hat. Auch eine bestimmte Einstellung den Kunden gegenüber - also wo lohnt es sich, mit dem Design anzusetzen, wo lässt sich ein Mehrwert begründen, für den die Kunden auch zahlen. Und mehr als alles andere hat er mir die zerstörerische Kraft vermittelt, die Design entfalten kann. Also zum Beispiel bestehende Konventionen mit einem neuen Design zu hinterfragen. Viele Menschen finden diesen Ansatz gefährlich, er hingegen war in dieser Hinsicht immer furchtlos. Er macht das als Berater noch heute so.

mm: Wie hat sich Frog Design seit seinem Ausstieg verändert?

Rolston: Seit Hartmut das Unternehmen vor zehn Jahren verlassen hat, haben wir uns genauso dynamisch weiterentwickelt. Der Umsatz ist von 30 auf 130 Millionen Dollar gestiegen. Wird sind heute das größte Produktberatungsunternehmen der Welt.

Form und Funktion sind keine Einheit mehr

mm: Einer Ihrer Kunden ist Siemens. Mit den Deutschen entwickeln Sie gerade ein Projekt namens "Ansible". Wofür steht das Wort?

Rolston: Das Wort stammt aus einem Science-Fiction-Roman. Es steht für eine Maschine, die mit jeder anderen Maschine verknüpft werden kann. Und das ist auch schon die Idee hinter dem Projekt. Das wichtigste, was heute in modernen Kommunikationssystemen fehlt, ist die Verknüpfung der vielen kleinen Dienste wie Instant Messaging, SMS, Telefone und so weiter. Sie funktionieren für sich genommen gut, zusammen aber kaum. Wir arbeiten daran, dass das künftig übergreifend vom Desktop, über Laptop oder Tablet bis hin zum iPhone funktioniert.

mm: Wann werden Sie das Produkt präsentieren?

Rolston: Wir planen die Markteinführung im kommenden Jahr - vielleicht schon im Frühjahr.

mm: Was Sie mit Siemens  machen, klingt so gar nicht nach der Kernkompetenz einer klassischen Designagentur.

Rolston: Das stimmt. Frog gibt es seit 45 Jahren. Seit zwei Jahrzehnten arbeiten wir aber an Produkten, die sich von der physischen Escheinung, die wie beim Toaster selbsterklärend ist, wegbewegen. Beim Toaster gibt das Design die Funktion vor. Hey! Da sind zwei Schlitze! Da könnten wir das Toastbrot reinstecken! (Er gestikuliert und zeigt dann auf ein iPhone auf dem Tisch.) Das hier ist eines jener neuen Geräte, bei denen die Funktionalität sich sozusagen unter der Oberfläche versteckt. Mal ist es ein miniaturisierter Computer, dann ein Mikrofon, während wir dieses Interview führen, ein anderes Mal ist es ein Telefon, dann wieder ein Videospiel. Es ist alles. Die anderen iGeräte oder Smartwatches, sie alle bewegen sich weg von der Welt der zweckgebundenen Produkte.

mm: Bei welchen Produkten jenseits des Smartphones ist das noch so?

Rolston: In den USA gibt es eine neue Produktkategorie: der mit dem Internet verbundene Thermostat. Ursprünglich wurden Thermostaten gestaltet, um an der Wand zu hängen und die Temperatur anzuzeigen. Wir haben jetzt einen Thermostaten entwickelt, der kann an der Wand hängen, er muss es aber nicht. Er hat einen Bedienknopf, aber man muss ihn nicht benutzen. Man kann diesen Thermostaten auch mit dem Smartphone steuern. Man kann ihm Sprachbefehle geben. So wird der Thermostat an der Wand zu einem Symbol, anders als der Toaster.

mm: Was bedeutet das für die Designer?

Rolston: Design ist kein abgeschlossener Prozess mehr. Der Toaster macht auch in hundert Jahren noch das gleiche wie heute. Der Thermostat könnte im kommenden Jahr auch als Alarmanlage dienen, wenn ein Software-Update ihn dazu macht. Diese neuen Produkte lernen auch dazu, je nachdem wie ich sie benutze oder wie die Umgebung auf sie einwirkt. Daraus folgt auch, dass das, was die Menschen an einem Produkt so lieben, oft versteckt hinter der eigentlichen Oberfläche liegt. Aus dem Gedanken, ich liebe dieses Ding, ich liebe diesen Toaster, wird der Gedanke, ich liebe es, egal wo ich mich befinde, die Temperatur in meinem Haus regulieren zu können.

Das iPhone-Design ist zweitrangig

mm: Wie das iPhone aussieht, ist also zweitrangig?

Rolston: Man könnte sagen, dass Apple ein gewisses minimalistisches Industriedesign verkörpert, eine Stille in der Formgebung. Aber ist es das, warum Apple geliebt wird? Wohl kaum. Für mich ist es eher so, dass ich Verhaltensweisen auf das iPhone projiziere. Zum Beispiel die eines guten Freundes oder eines Bekannten, dem ich vertrauen kann. Meine Mutter beispielsweise liebt ihr iPhone. Sie weiß nicht genau, warum das so ist. Also sagt sie, sie liebt das Aussehen. Würde ich ihr ein anderes Smartphone geben, würde sie das nach einer Weile auch lieben. Einfach deshalb, weil es nicht um das Aussehen geht, sondern darum, wie sich das Smartphone verhält, was es tut, was es kann.

mm: Steht die Entscheidung Apples, den Chefdesigner Jonathan Ive die Oberfläche des neuen Betriebssystems gestalten zu lassen, für diesen Wandel?

Rolston: Es steht vor allem dafür, dass es schwierig ist, solche Systeme zu designen. Jonathan Ive ist fantastisch darin, wunderschöne Formen zu ersinnen. Und er hat versucht, das auf das Apple-Betriebssystem zu übertragen. Wobei sich herausgestellt hat, dass es nicht so einfach ist. Er hat eine Armee an Helfern und sie werden es schaffen. Aber der erste Wurf ist nicht zwangsläufig das, was wir in späteren Versionen sehen werden. Und davon spreche ich. Die Magie hinter den Produkten, die er bislang gestaltet hat, kam von einem Anderen.

mm: Sie arbeiten schon lange nicht mehr mit Apple  zusammen. Inzwischen machen Sie viel mit Microsoft  .

Rolston: Wir haben ihnen mit der Xbox geholfen, wir haben ihnen mit Windows geholfen, wir haben mit einigen anderen Produkten geholfen.

mm: Am neuen Windows-Betriebssytem mit Kacheldesign waren sie nicht beteiligt. Mögen Sie es?

Rolston: Es ist mir zu dogmatisch. Es tendiert dazu, einfach anders zu sein, um anders zu sein. Die Folge ist, dass es sehr unflexibel und limitiert ist, Nutzer können es sich nicht so anpassen, wie sie es für ihre Bedürfnisse gerne hätten. Ein Beispiel: Nicht alles lässt sich in Kacheln einpassen. Texte passen nicht richtig, Fotos passen nicht richtig. So ist niemand richtig glücklich. Ich denke, dass sie es in der nächsten Version sehr stark weiterentwickeln müssen. Und ich bin sicher, sie werden das tun - nachdem sie ja bereits 900 Millionen Dollar für ihre Surface-Tablets abschreiben mussten.

RoomE und der Blick in die Zukunft

mm: Sie haben auch zu Kinect beigetragen, der Gestensteuerung von Microsoft, die vor allem bei Videospielen Verwendung findet.

Rolston: Ja, wir haben geholfen, Kinect marktfähig zu machen. Wir waren auch unter den ersten, die sich Gedanken darüber gemacht haben, was mit Kinect alles möglich ist. Haben Sie "RoomE" gesehen?

mm: Nein.

Rolston: RoomE, das ist so eine Art Mitbewohner. Ach wissen Sie was, ich zeig's Ihnen. Das ist besser, als es einfach nur zu beschreiben. (Er dreht sein Notebook auf dem Tisch zum Interviewpartner und spielt ein Video ab,...

...das den Frog-Mitarbeiter Jared Ficklin zeigt, wie er mit Sprachbefehlen und Handgesten die technischen Geräte in einem Testraum steuert.)

Rolston: Wir wollen den Menschen zeigen, wie die Zukunft aussehen könnte. Räume sollten auch künftig nicht durch Maschinen, sondern durch den Lifestyle ihrer Bewohner geprägt sein. Der Film "2001 - Odyssey im Weltraum" ist ein wunderbares Beispiel für diese Einbindung von Maschinen in die Lebenswelt der Menschen.

mm: Wie weit ist diese Welt entfernt?

Rolston: Sie existiert an einigen Orten schon heute. Wenn sie heute einen Tag in Disneyworld buchen, bekommen Sie ein Armband geschickt, mit dem Sie später durch den Park gehen. Sie geben niemanden mehr ein Ticket, Sie essen und trinken ohne Bargeld zu benötigen, sie brauchen keine Schlüsselkarte für das Hotel. Und der Park weiß stets, wo sie und alle anderen Parkbesucher sich befinden. Ihr Foto erscheint überall dort, wo sie gerade sind. Das ist Realität.

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