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Friede Springer: Freunde, Gegner, Weggefährten

Foto: Dominik Butzmann für manager magazin

Friede Springer "Mich zu formen, wie Axel Springer es getan hat, das würde heute nicht mehr gehen"

Ohne den Mut und Sachverstand von Friede Springer wäre die Axel Springer AG nicht geworden, was sie heute ist. Erstmals seit 17 Jahren stellte sie sich wieder den Fragen eines Mediums, das nicht ihr gehört. manager magazin begegnete einer selbstbewussten 70-Jährigen, die von einer "dramatischen Zeit" erzählt - und vom verrücktesten Tag ihres Lebens.
Von Klaus Boldt

Anfang Juni wurde die Verlegerin Friede Springer in die "Hall of Fame" des manager magazins aufgenommen, in die Ruhmeshalle der deutschen Wirtschaft. Im Gespräch mit manager magazin erzählt Friede Springer von ihrer Begegnung mit Leo Kirch, vom schwierigen Weg zur absoluten Mehrheit im Konzern - und wie sie die Axel Springer AG heute sieht.

Hören wir doch einfach mal, was Friede Springer über jenen Tag im September 2001 erzählt, den sie als den verrücktesten ihres Lebens bezeichnet. Es war - die Alten erinnern sich - eine bewegte Zeit: Leo Kirch, der hiesige Medienmogul, war abgebrannt, auf den Hund gekommen, und es stand zum Verzweifeln schlecht um ihn. Aber er kämpfte um sein Lebenswerk, wie ein Berserker - und Friede Springer kämpfte um das ihre: die Mehrheit an der Axel Springer AG.

"Kirch tat mir auch irgendwie leid", sagt sie. "Er war ja fast blind, konnte nichts lesen, und ich fragte ihn: 'Wie können Sie mich denn überhaupt erkennen?' 'An Ihrem Schritt', antwortete er. Er war so schwer zuckerkrank, dass er sich manchmal in meinem Beisein umgedreht und unter die Zunge gespritzt hat." Sie habe dann immer schnell wegsehen müssen.

"Ganz zum Schluss, als er gedroht hatte, dass er seinen Anteil an unserem Unternehmen an einen Sohn von Gaddafi verkaufen würde, habe ich unseren Anwalt Gerold Bezzenberger am Arm genommen und gesagt: ,So, jetzt wird's kritisch, jetzt müssen wir nach München.' Und dann haben wir den verrücktesten Tag meines Lebens in Leo Kirchs Büro verbracht", erzählt Friede Springer.

"Kirch war groß in Form, Sie glauben es nicht! ,Was möchten Sie?' und ,Nachher gehen wir essen!' und ,Sie müssen unseren Anteil kaufen, Frau Springer! Ich will ihn doch gar nicht an Gaddafis Sohn verkaufen. Das wäre ja gemein von mir!' Wirklich, so war das. Ich sagte ihm: ,Herr Kirch, ich habe das Geld nicht, ich kann nicht mit meinem kleinen Vermögen Ihre 40 Prozent am Verlag zurückkaufen!' ,Doch', sagte er da. ,Sie bekommen bestimmt einen Kredit bei der HypoVereinsbank! Ich lasse den Wagen vorfahren, Sie fahren da jetzt hin.' Wirklich, er hat beim Vorstand Dieter Rampl angerufen und gesagt, dass Frau Springer gleich mit Herrn Dr. Bezzenberger vorbeikomme. Und wir sind wirklich dorthin gefahren - aber sie haben uns natürlich abgebürstet. Das war das einzige Mal, dass ich bei Kirch in München war."

Wie sich Leo Kirch in Friede Springer täuschte

Einen stillen Augenblick lang wandern ihre Gedanken zurück zu jenem Tag - dann sammelt sie sich, schaut auf und ist wieder aus dem Dort und Damals zurück im Hier und Jetzt und ganz sie selbst: Friede Springer, 70 Jahre alt, Gärtnerstochter von der Nordseeinsel Föhr, Axel Springers fünfte und letzte Ehefrau und eine der einfluss- und wirkungsreichsten Figuren der deutschen Wirtschaft, Verlegerin von "Bild" und "Welt" und Hunderten anderer Blätter im In- und Ausland und mit ihren drei Stiftungen eine der freigebigsten Wohltäterinnen, die sich überhaupt finden lassen.

Wir sitzen im Amtszimmer ihres 1985 verstorbenen Mannes im 18. Stock des Springer-Hauses in Berlin. Es ist mit dem Holz der Douglasfichte vertäfelt und ausgeschlagen und wie eine Studierstube möbliert mit Regalen bis unter die Decke und aberhunderten von Büchern: Propyläenklassikern, Widmungsexemplaren, Bänden aus dem Verlag Hammerich & Lesser, den Axel Springers Vater Hinrich 1909 gekauft hatte, daneben viele Widmungsexemplare, viel Goldschnitt. Dem Schreibtisch gegenüber eine Melancholie in Öl: Walter Leistikows "Schlachtensee".

Friede Springer trägt ein Kostüm, das so grün ist wie zarte, junge Gartenerbsen, sie ist sehr schlank und sie hält sich sehr gerade, als habe sie ein Lineal im Rücken, und sie ist so durch und durch freundlich und so durch und durch unprätentiös und lächelt so durch und durch einnehmend und ist so liebenswert wie die Königin von Saba: schmalschultrig und mitfühlend, langhalsig und sanft.

Eine der wirkungsreichsten Figuren der deutschen Wirtschaft

Leo Kirch ist vor zwei Jahren gestorben, im Alter von 84 Jahren. Auf dem Gipfelpunkt seines Berufslebens herrschte er über ein halbes Dutzend Privatsender und ein Kontingent von 40 Prozent am Springer-Verlag. Kirch war ein verdammt schwerer Junge und ein großer Gegner.

Seine Freunde sagen, dass er sich "niemals" unter die Zunge, sondern vielleicht mal in die Bauchfalte gespritzt habe, und dass er auch "niemals" Gespräche mit Gaddafi geführt, sondern diese einfach erfunden habe, um Friede Springer einen Schrecken einzujagen, von der er annahm, dass sie schreckhaft sei.

Wie so einige andere Herren und Herrscher auch, hat sich Kirch, was Friede Springer angeht, im Irrtum befunden - überrascht, überrumpelt und gewissermaßen übermannt von der Entschlossenheit, mit der diese Frau ihre Ziele verfolgt und zu Werke geht - eine Frau, die lange Zeit als Diplom-Galionsfigur und Zierunternehmerin betrachtet und bagatellisiert worden war und die bei Begegnungen zuweilen diesen sinnverwirrenden Eindruck hinterlassen hat, als verhülle sie vereister Samt.

Petzen, Zinker und Verräter - und die Blondine von Föhr

Die Umstände nach dem Tod ihres Mannes waren widriger Natur gewesen: Unschlüssig und voller Zweifel darüber, wie es weitergehen sollte, zumal nach dem Freitod seines ältesten Sohnes Axel junior (der unter dem Decknamen Sven Simon als Fotograf bekannt geworden war), hatte Axel Springer 1983 ein gutes Viertel seines Unternehmens an die badischen Verlegersöhne Franz und Frieder Burda verkauft und später weitere 49 Prozent an die Börse gebracht. Ihm selbst standen in seinem Todesjahr nur noch 26 Prozent der Firmenanteile zu Gebote.

Dieses Kontingent und einiges mehr erbte seine Witwe zu sieben Zehntel, das Übrige fiel den Kindern ihres Mannes zu und den Kindeskindern aus seinen früheren Ehen.

Unter Vorständen und Direktoren des Unternehmens sorgten die Eigentumsverhältnisse fortan für Unruhe und Wirbel, für Arglist, Zweifel und Gegreine: In den Lagern der Burda- sowohl wie der Kirch-Anhänger brachten sich Spitzel und Zuträger in Stellung, Petzen, Zinker und Verräter, um sich im Falle eines nächtlichen Machtwechsels als Diener ihrer neuen Herrn umgehend vorstellen und zur Beförderung empfehlen zu können.

Mit der Blondine von Föhr, die es nicht weiter als bis zu einem Volksschulabschluss gebracht hatte, so die allgemeine Ansicht, würde man schon fertig werden. Bald war in der Zeitungsgilde nur noch vom "Tollhaus Springer" (manager magazin) die Rede. Loyalisten fürchteten, der Verlag könnte im Streit eifernder Rivalen zerrissen werden.

"Eine schwierige, dramatische Zeit"

Die Erinnerung daran ist für Friede Springer bis heute nicht verblasst. Es gab einige Probleme damals, nicht wahr? "Einige Probleme?", fragt sie trocken - sie macht sich etwas größer, soweit dies auf einem Stuhl sitzend möglich ist. "Einige Probleme? Das ist leicht untertrieben, würde ich sagen. Es war viele Jahre lang eine schwierige, dramatische Zeit."

Man tritt dieser Frau sicherlich nicht zu nahe, wenn man von einem romantischen Reiz ausgeht, den sie ihrem Doppelleben als Verlegerwitwe und Jungunternehmerin abzugewinnen wusste. Sie träumte (und sie träumt sich noch) als Erfüllerin des Willens von Axel Springer, als seinen Engel.

Alle Widersacher hat sie niedergerungen, sich im Hause Geltung verschafft, sie tat dies allein, machte es mit sich selbst aus und im Zwiegespräch mit ihrem Mann, der tot war, sie in Wahrheit aber nie verlassen hatte.

Mit Selbstbeherrschung und Pflichtgefühl und verzweifelter Entschlusskraft war sie 1985 angetreten, hatte das Büro ihres Mannes bezogen und die Dinge und alles Wünschenswerte mit glücklichster Umsicht und im Zustand glutvoll-empfindsamer Fühlung in Angriff genommen: Die Liebe zu ihrem Mann verband sie mit seinem Werk.

Noch im selben Jahr rückte sie in den Aufsichtsrat ein, und fasste "auch dort", wie sie sich erinnert, "immer mehr Mut und lernte, mich durchzusetzen". Sie zupft an ihrem Ärmel, hebt die Stimme: "Es war eine langsame Entwicklung. Ich musste an mehreren Fronten kämpfen: Familie, Kirch, Verlag. Es gab ja laufend Wechsel im Vorstand. Es war alles sehr schwierig, und ich wusste auch nicht, wie weit ich gehen könnte."

Burda-Anteile über Nacht zurückgekauft

Sie lernte und sie lernte rasch und sie verstand und entpuppte sich mit der Zeit als begabte Taktgeberin, die, wenn es darauf ankam, auch hart und platziert schießen, Gegner wegräumen und sich erforderlichenfalls durchbeißen konnte:

Als Leo Kirch im März 1988 mit den Burda-Brüdern eine Vereinbarung zur gemeinsamen Interessenwahrnehmung bei Springer schloss, handelte sie umgehend und entschlossen: "Über Nacht haben wir die Burda-Anteile zurückgekauft. Wir mussten viele Schulden aufnehmen, aber es hat geklappt. Damals hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: 'Ich kann das, ich kann mich durchsetzen.' So fasste ich ganz langsam Zutrauen."

Doch es folgten Jahre, die belastend waren, von Sorge und Unruhe erfüllt. "Die Zeit, als ich mich verschulden musste, um die Burda-Anteile zurückzukaufen, war schrecklich. Furchtbar. Ich hatte schlaflose Nächte." Erst 2007 sollte sie alle Kredite getilgt haben.

In dem Maße, wie sie ihre Rolle fand, wuchs der Respekt, den man ihr entgegenbrachte. Stets bemühte sie sich, geradeheraus und unverzüglich zu sein und dadurch ihre Urteilskraft zu schärfen: "Ich habe immer direkt mit unseren Managern gesprochen. Wer weiß, wie gefiltert man mir es sonst erzählt hätte."

Von Machtspielen und Machenschaften, lange Zeit stilprägend für das "Tollhaus Springer", versuchte sie, sich fernzuhalten: "Nee", sagt sie ernst, "ich kenne keine Tricks und auch keine Winkelzüge. Da würde ich auch gar nicht mehr schlafen können. Der gesunde Menschenverstand ist, was zählt. Punkt."

"Angela Merkel nicht unähnlich"

Mitte der 90er Jahre übernahm die sie den Großteil des Erbes, der bei der Familie lag, verschuldete sich ein weiteres Mal millionenhoch, verteidigte aber die Unabhängigkeit der Firma und gewann schließlich auch noch den Rechtsstreit mit einem Enkel ihres Mannes, der sich beim Erbe übervorteilt fühlte.

Sie sei "in gewisser Weise Angela Merkel nicht unähnlich", sagt ihre Freundin Barbara Groth, die frühere Fernsehdirektorin des SFB: "Beide sind nach außen leise, verlieren ihre Ziele aber keine Sekunde lang aus den Augen. Beide wurden stark von Männern geprägt ... und unterschätzt." Friede Springer sagt: "Es war ein langer Weg, das muss ich sagen."

2002 beförderte sie den damals 38-jährigen Zeitungs- und Multimediavorstand Mathias Döpfner zum Vorstandsvorsitzenden: "Ich habe ihn gegen den Rat aller sehr früh in den Vorstand geholt. Damals hatte ich schon den Mut gehabt. Ich habe mir sagt: Ich habe die Mehrheit, den möchte ich."

Sie freut sich darüber, als sei es erst vor einer halben Stunde geschehen. Noch heute sprechen Weggefährten nicht ohne mitschwingende Bewegung von diesem Entschluss, der ja auch Risiken barg.

Rätsel- und Verschwörungsfreunde glaubten und manche glauben es immer noch, dass Döpfner seinen Aufstieg auch dem Umstand zu verdanken habe, dass er Friede Springer an ihren verstorbenen Mann erinnere. "Das ist Quatsch", lacht Inga Griese, "Welt"-Reporterin und enge Freundin Friede Springers. Aber Döpfner ist einer vom Schlage jener, den Frauen gerne auswählen, wenn sie Großes und Gefährliches im Sinn haben.

Nicht ganz unschuldig an Kirchs Ruin

Was Leo Kirch anging, muss man wissen, dass die Verlegerin (sie selbst hat ihre Mitarbeiter in aller Bescheidenheit und per Hausmitteilung aufgerufen, sie doch allenfalls als "Hauptaktionärin" zu titulieren und auf den Ehrentitel "Verlegerin" bitte zu verzichten) - was also Leo Kirch anging, muss man wissen, dass die Verlegerin nicht ganz unschuldig an seinem Ruin geworden war.

Döpfner war noch keine 40 Tage im Dienst, als er Kirch lahmlegte, den alten Filmhändler und Mitgesellschafter, der beständig in Geldnot gesteckt hatte und immer unberechenbarer geworden war.

Döpfner verlangte - nicht um Kirch zu schaden, sondern um Springer zu nützen -, dass der sein vertraglich fixiertes Versprechen einlöse und den 11,5-Prozent-Anteil übernehme, den die Berliner an Kirchs Fernsehfirma ProSiebenSat.1 Media  besaßen, und zwar für die vereinbarte Unsumme von 770 Millionen Euro.

"Wir haben ja lange mit Herrn Kirch verhandelt, immer wieder", sagt sie ruhig und leise und fast verzagt. "Wir hatten ja immer versucht, mit ihm irgendwie zurande zu kommen. Aber es ging ja nicht! Und dann haben wir alle gesagt: ,Mathias, so, jetzt musst du die Put-Option ziehen.' Es gab keinen anderen Weg."

Sie wollte nicht, dass Kirch in die Brüche und zugrunde ginge. Aber sie sah es auch nicht als ihre Aufgabe an, es verhindern zu müssen: "Es war schwer, diese Entscheidung zu treffen. Zumal mit dem heutigen Wissen um die Folgen. Darüber gehe ich nicht so leicht hinweg. Aber es ging nicht anders. Wir mussten es tun."

Am Ziel: Die absolute Mehrheit am Konzern

Nach Kirchs Konkurs vor elf Jahren fiel dessen Springer-Beteiligung der Deutschen Bank  in den Schoß, steif und vergilbt wie alte Wäsche, und Wolken blauer Fliegen stoben hoch. Ohne zu zögern griff Friede Springer zu und deckte sich mit 10,4 Prozent des nun freigewordenen Quantums ein, klopfte sich ab und gewann die absolute Mehrheit am Unternehmen ihres Mannes zurück: Sie war am Ziel, an der Endstation, alles hatte sich gefügt. Sie hatte es allen gezeigt.

Den Zahlen nach disponiert sie heute über 56,5 Prozent, in Wahrheit aber beherrscht sie den ganzen Konzern, vom Dach bis zur Garage.

Friede Springer mag kein rundum glücklicher Mensch sein, denn das ist eine Witwe selten. Aber sie ist froh und ruhig und heiter. Täglich gegen acht Uhr holt sie der Chauffeur in ihrem Haus in Berlin-Dahlem ab und bringt sie in die Firmenzentrale nach Mitte. "Ich freue mich jeden Tag, ins Büro zu fahren. Ich fühle mich hier wohl, ich fühle mich angenommen und akzeptiert. Und das ist so viel wert. Ich bin glücklich darüber."

Als ihr Mann starb, spielte Springer umgerechnet 1,2 Milliarden Euro ein - so viel wie heute im Digitalgeschäft (bei Gesamteinnahmen von 3,3 Milliarden Euro). Der Börsenwert kletterte von 850 Millionen auf rund 2 Milliarden Euro.

Die statistischen Rahmendaten, beschreiben nur unzureichend den tatsächlichen Wandel des Unternehmens, das, nach Meinung von Fachkennern, nicht nur eine musterhaft-nachahmenswerte Ausgestaltung seiner Geschäftsfelder erfahren hat mit weitläufigem digitalen und internationalen Besitz, sondern auch eine innenpolitische Erneuerung - ein Unternehmen, das sich aus seiner jahrzehntetiefen, spießigen Verbohrtheit gelöst und sich in einen zwar immer noch stockbürgerlichen, aber freigeistigen, sogar selbstkritischen, nicht untadeligen, doch experimentierfreudigen Inhaltekonzern verwandelt hat.

Die Manöver des Mathias Döpfner

Wenn in der Genossenschaft über die Zukunft gestritten wird, dann versucht man, sie aus den Maßnahmen und Manövern von Mathias Döpfner herauszulesen, eines träumerischen Pragmatikers, Musikwissenschaftlers und Exfeuilletonisten. Den Boden jedoch, auf dem diese Umwandlung sich entfalten konnte, hat die Verlegerwitwe bereitet und überdies ein Milieu geschaffen, das zu Wagnis und Abenteuer ermutigt und Fehlschläge und Blamagen als durchaus unvermeidbar in alle Erwägungen einbezieht.

Ihr Verdienst, sagt sie, sei dies nicht: "Dass der Verlag so gut dasteht, ist nicht mir zuzuschreiben. Um Gottes willen! Wir haben die richtigen Leute am richtigen Platz. Und die haben im richtigen Moment mit dem Umbruch begonnen."

"Welt" und "Bild" einmal beiseite, hat die "Hauptaktionärin" noch keiner Fremdpublikation ein Interview gegeben. Sie mag ihre Meinung ungern öffentlich verbreiten. "Meine größte Schwäche ist meine Unsicherheit", sagt sie, höflich wie Ruth Leuwerik.

Springer-Sprecherin Edda Fels, die bei dem Gespräch zugegen ist, aber so unsichtbar bleibt wie eine Requisitenfrau im chinesischen Theater, die, vom Publikum geflissentlich übersehen, die Kulissen hin und her schiebt, lauscht und schweigt. "Ich lebe ganz unauffällig", sagt Friede Springer. "Ich nehme keine Einladungen ins Fernsehen an, ich mache so etwas gar nicht." Sie schaut zu Edda Fels. Die nickt.

"Bloß nicht auffallen!"

Ansprachen, Grußworte, Vorträge, all das ist nichts für sie: "Ich mag keine Reden halten. Ich muss es leider ab und zu." Und sie sagt noch einmal: "Ich würde gern ein bisschen sicherer sein." Aber viel lieber möchte sie, dass alles so bleibt, wie es ist: "Ich will alleine Fahrrad fahren, mit meinem kleinen Golf herumfahren", sagt sie und: "Bloß nicht auffallen!"

Friede Springer ist eine zurückhaltende, unaufdringliche, doch keine weltfremde Frau: Sie weiß, was sie dem Haus schuldet, aber auch, was es ihr verdankt.

Sie denkt zurück an 1985, das Todesjahr ihres Mannes: "Axel Springer hat immer zu mir gesagt: 'Friede, du kannst das'. Ich habe ihm gesagt: 'Axel, diese Männerwelt ...' 'Nein, ich vertraue dir, Friede, du kannst das', hat er gesagt. Und dann habe ich es dann einfach in die Hand genommen. Nach vielen schlaflosen Nächten. Und ich habe jeden Morgen weitergemacht."

Sie fand ein Unternehmen vor, dass von Männerbünden beherrscht gewesen war und von dessen damaligem Vorstandsvorsitzenden, Peter Tamm, die Worte überliefert sind: "Frauen stelle ich nicht ein. Denn die kann ich nicht anbrüllen." Musste einer Frau vor so viel Courtoisie nicht angst und bange werden?

Schweizer Schaumschläger und andere Unachtsamkeiten

Gewiss und allemal geht es bei Springer, wie in allen Firmen, nicht um Gefühle, sondern ums Geldverdienen. Und doch fällt auf, wie häufig die Vorstände und Direktoren das Einvernehmen beschwören, das in der Führung herrsche und die wirtschaftlichen Erfolge begleite, ja sie sogar erst ermöglicht habe.

"Es herrscht Ruhe im Vorstand", sagt sie, "wir können gut arbeiten, und es läuft wirklich hervorragend. Wir haben ein junges Team. Für die Zukunft sind wir gut gerüstet. Ich habe ein sehr gutes Gefühl."

Von 1990 bis 2002 gab es sechs Führungswechsel, seither keinen mehr. Friede Springer hat die Bühne bereitgestellt, auf der Strategen wie Döpfner und seine Leute ihre Pirouetten drehen.

In ihre Vorführungen schlichen sich natürlich auch Unachtsamkeiten etwa die Verpflichtung des Schweizer Schaumschlägers August Fischer als Vorstandschef.

Fischer, den ihr der Mitgesellschafter Leo Kirch aufgehalst hatte, stellte sich als eine Art strategischer Hans Wurst und Eulenspiegel heraus, der von Dienstag bis Donnerstag im Hamburger Hotel Vierjahreszeiten logierte und seiner Arbeit ansonsten von London aus nachging, wo er wohnte, sofern man bei Fischer, verspottet als "Di-Mi-Do", überhaupt von Arbeit sprechen konnte.

Schief gingen auch die Übernahmeversuche des Londoner "Daily Telegraph" (2004) und der Pro-Sieben-Sat1-Organisation (2006). Als restlos misslungen und missglückt darf die Einrichtung des Post-Opponenten Pin Group (2010) betrachtet werden, die Springer über 600 Millionen Euro kostete.

Die Lehren aus dem Pin-Fiasko

Aber gerade an diesem Fiasko lässt sich der Wandel der Axel Springer AG besonders gut ermessen. Denn ihrer Firmenleitung nimmt Friede Springer diesen Reinfall nicht krumm: "Darüber, dass wir mit der Pin Group keinen Erfolg hatten, waren wir natürlich traurig. Aber ich habe das Scheitern nicht als Verlust empfunden, und ich war auch nicht ärgerlich auf Mathias Döpfner: Wir haben ja alle mitgemacht, wir haben ja alle Ja dazu gesagt und gehofft, dass es gut geht."

Die Einführung eines Mindestlohns für Briefzusteller am 1. Januar 2008 hatte das ohnehin wenig durchdachte Geschäft vollends unrentabel gemacht.

Wenngleich sie sich die Randbemerkung nicht verkneifen kann: "Ich habe zu unseren Vorständen immer gesagt: Auf die Politik kann man sich nicht verlassen. Das habe ich auch von Axel Springer gelernt, ich habe alles von Axel Springer gelernt." - so sei doch dieses Füreinander-Einstehen ein Charakteristikum, das die Axel Springer AG heute von vielen Konkurrenten unterscheide, wie Freundin Inga Griese sagt:"Friede verleiht Springer eine Seele. Dass in der Unternehmensführung Kontinuität und Ruhe herrschen, ist ihr zu verdanken."

Die Leute im Haus schätzen und mögen sie. Denn sie ist ein Mensch, dem das große Geld nichts anhaben konnte. Sie hält sich keinen Hofstaat oder Assistenten, die ihr die Handtasche tragen. "Sie ist sehr bescheiden und fährt durchaus schon einmal mit dem Fahrrad zu einem Empfang", sagt Isa von Hardenberg. "Auf Reisen kommt sie fünf Tage lang mit kleinem Handgepäck aus."

Luxus treibt Friede Springer, eigener Auskunft zufolge, nur mit ihren Autos: "Ich kaufe mir fast jedes Jahr einen neuen Golf, immer die neueste Ausführung."

Ein Geschenk im Wert von 73 Millionen Euro

Im vergangenen Sommer schenkte sie ihrem Premier Döpfner einen Posten Springer-Aktien im Wert von 73 Millionen Euro: "Ich habe das nicht als Halteprämie verstanden. Das klingt ja furchtbar! Es war ein Geschenk und ein Vertrauensbeweis, den größten, den man machen kann. So sehe ich das. Der Traum von Mathias war immer, Unternehmer zu werden. Doch Unternehmer kann man nur sein, wenn man auch Teilhaber ist."

Mag die Überschreibung auch nicht als Halteprämie gestempelt sein, so erfüllt sie doch den gleichen Zweck. Mit knapp 3,3 Prozent der Anteile ist Generaldirektor Döpfner inzwischen der zweitgrößte Einzelaktionär des Unternehmens.

Die Schenkung war ohne Zweifel maßlos und rätselhaft wie die Zahlenlehre, die ihr zugrunde lag: Warum bedurfte es einer Portion von 1.978.800 Aktien, damit sich Döpfner als Unternehmer fühlen konnte, obwohl die Hälfte, ein Drittel oder ein Viertel oder sogar ein Achtel es womöglich auch getan hätten?

Zumal Friede Springer ihrem besten Mann bereits im Sommer 2006 eine starke Dosis Springer-Aktien aus dem eigenen Bestand zu einem Preis appliziert hatte, der sage und seufze 27 Prozent unter demjenigen gelegen hatte, der damals an der Börse aufgerufen worden war und der deshalb mit den Attributen fabelhaft und vorzüglich nur unzulänglich beschrieben ist.

Gewiss, mit der Familie Döpfner ist Friede Springer gut befreundet, wenngleich auch wieder nicht so eng, wie es die Innungsfolklore will. Sie ist Patin von David, dem mittleren Sohn der Döpfners, und man verbringt bisweilen auch einen Kurzurlaub zusammen.

Doch diese Form der Gemeinschaftsbildung ist nicht auf die Döpfners beschränkt. Friede Springer ist reiselustig, sie hat viele Freunde und fährt ungern alleine.

Ausflug auf die Ferrari-Teststrecke

Im Mai etwa unternahm sie einen Ausflug nach Norditalien mit ihrer Freundin Isa von Hardenberg und deren Mann Andreas. Auch Giuseppe Vita (78), der Springer-Aufsichtsratsvorsitzende ("Wir haben ein großes Freundschaftsverhältnis, und ich mag ihn wahnsinnig gern") und sein Frau Christiana gehörten der Reisegruppe an.

Die Fünf waren in Modena, in Ferrara, in Bologna und am Ende in Venedig, hatten vorher aber noch Don Luca Cordero di Montezemolo in Maranello besucht, den Verwaltungsratsvorsitzenden von Ferrari, um "Ciao" zu sagen und ein bisschen Ferrari zu fahren.

Und "natürlich", sagt Isa von Hardenberg, sei Friede die erste gewesen, die sich getraut und auf den Beifahrersitz des Rennwagens geschwungen habe und über die Teststrecke georgelt sei, bestimmt "mit 400 Stundenkilometern". Unter ihren Freunden gilt Friede Springer als die wagemutigste. Ruhe und Müßiggang sind nicht, wonach sie sucht, wenn sie auf Reisen geht.

Im Herbst vergangenen Jahres war sie in Georgien, wo scharf geschossen wird, und erholte sich selbstverständlich wunderbar, aß auch mit Präsident Micheil Saakaschwili zu Abend und hörte gerne zu, warum er die Wahl, die er dann verlieren sollte, mit Sicherheit gewinnen würde.

Demnächst bricht sie auf nach Rumänien, wieder mit Freunden und dieses Mal auch in Begleitung von Peter Maffay, des Sängers aus Kronstadt in Siebenbürgen. "Ich bin eine Abenteuerin, ich mache verrückte Reisen, jedes Jahr", sagt Friede Springer.

Als sie vor Jahren Mexiko bereiste und in einem Park ein paar Straßenmusikanten begegnet war, die ihre Rhythmen zu Gehör brachten, da rief die tanzbegeisterte Verlegerin der mitreisenden Barbara Groth zu: "So, jetzt tanzen wir beide eben!" Denn die Männer trauten sich nicht oder waren zu schlechte Tänzer oder beides.

Auf einer Russlandreise hatte sie eines Tages auch auf der Krim Station gemacht, und zwar in Sewastopol, und dort bei günstiger Gelegenheit versucht, einen Tango mit Mathias Döpfner aufs Parkett zu legen - ein Vorhaben, das allerdings glücklos endete.

Herz für die Wissenschaft

Als sie nun im vergangenen Jahr 70 geworden war, machte ihr Döpfner einen Tango-Tanzkurs zum Geschenk. "Ich kann alle Tänze tanzen", sagt Friede Springer, "aber den richtigen argentinischen Tango - den beherrsche ich nicht und den werde ich jetzt lernen." Jedenfalls sofern es ihre Zeit erlaubt.

Denn sie ist eine vielbeschäftigte Frau, gefordert vor allem in ihrer Rolle als Vorsitzende ihrer Stiftungen, dabei unterstützt von ihrer Stellvertreterin, der Rechtsanwältin Karin Arnold, Partnerin im Berliner Büro von Hogan Lovells, die zugleich ihre engste Beraterin in Geschäftsdingen ist.

Im Andenken an ihren Mann und ihren Vater, die beide an einer Herzkrankheit gestorben sind, hatte Springer 2004 die Friede-Springer-Herz-Stiftung und 2010 die Friede-Springer-Stiftung dazugestellt und diese mit inzwischen 100 Millionen Euro ausgestattet, um "junge Talente" in "Wissenschaft und Forschung" zu Höchstleistungen anzustacheln. Es ist die größte Einzelstiftung Berlins.

Die Wissenschaft hat es Friede Springer seit jeher angetan. Schon als Kind, wenn ihr Vater Zeitung las, erzählt sie, habe sie ihm die Wissenschaftsseite "weggeschnappt". "Hätte sie Axel Springer nicht kennengelernt, wäre sie vielleicht Medizinerin geworden und in die Forschung gegangen", meint Barbara Groth, und Isa von Hardenberg sagt: "Ihr Interesse an Medizin und Wissenschaft macht sie fast zu einer verhinderten Ärztin."

Aber auf einen Beruf hatte sie ebenso wie auf Kinder für Axel Springer verzichtet.

Kindermädchen in Hamburg-Blankenese

1965 hatte sie eine Stellung als Kindermädchen bei der Familie Springer angetreten, die damals in Hamburg-Blankenese wohnte. Sie war 30 Jahre jünger als der Hausherr, 1967 wurde sie seine Geliebte, 1978 seine fünfte und letzte Ehefrau.

Im Archiv finden sich Zitate wie: "Ich habe für ihn gelebt" und "Er hat mich "geschaffen und gemacht" und "geformt". Er habe sie sogar im Sitzen unterwiesen ("Als hättest du ein Lineal im Rücken"). "Ich bin ein Produkt von Axel Springer", hat sie einmal gesagt. Für ihn hat sie auf vieles verzichtet. Nicht nur auf Kinder und einen Beruf, zu Beginn vielleicht sogar auf ein eigenes Da-Sein. Es war die große, geheimnisvolle Liebe, die nur einmal kommt im Leben.

Bis hierhin hat sich Friede Springer kaum bewegt, die Hände im Schoß ineinandergelegt, als hielten sie eine Erinnerung oder ein Andenken wie einen Edelstein fest. Doch nun hebt sie den Blick, richtet ihn einige Sekunden lang auf Leistikows "Schlachtensee", ein Gemälde, das wirklich nicht heiter zu stimmen vermag, schaut gleichsam durch die Leinwand hindurch, aus dem Raum und aus der Zeit und aus dem Unternehmen hinaus in eine andere Welt, die nur ihr gehört und die nur sie betreten kann.

"Das Büro hier", sagt sie nachdenklich, "ist für mich so etwas wie ein Museum." Sie hält inne. " Und das soll auch so bleiben."

Sie dreht sich auf ihrem Stuhl zur Seite, wendet ihren Kopf, wirft einen Blick über die Schulter auf den Schreibtisch ihres Mannes, auf dem ihr Macbook steht mit dem beleuchteten Apfelzeichen auf dem Klappdeckel. "Es ist ein historischer Raum, er hat für mich eine große Bedeutung."

Sie rückt sich wieder zurecht, sitzt sehr gerade und lächelt wieder: "Es ist ein Stück Heimat, muss ich sagen, hierher gehöre ich." Ein Seufzer, so klein wie eine Murmel."So denke ich einfach." Noch ein Seufzer, etwas größer dieses Mal.

"Ich kann unglaublich gut loslassen"

Wenn Axel Springer morgen zurückkäme: Er fände sein Büro so vor, wie er es verlassen hat. Mit einem Macbook freilich und einer Frau, die nicht mehr 43 und in gewisser Weise eine ganz andere ist: eine erfolgreiche Unternehmerin und Stifterin. 18 Ehrenämter und Mitgliedschaften zählt das Munzinger Archiv.

"Mich zu formen, wie Axel Springer es getan hat, das würde heute nicht mehr gehen", sagt sie mit einer etwas kühlen Stimme. "Ich war jung damals, kam vom Land. Klar, ich war formbar in der Zeit."

Im vergangenen Jahr feierte der Verlag den einhundertsten Geburtstag ihres Mannes. "Damals gab es viel zu lesen ... Ich war 43, als er starb ... und das Bild über ihn hat sich auch verändert. Man war in Klischees befangen damals, weil auch die Informationen fehlten." Auch ihr eigenes Bild von ihrem Mann hat sich verändert, auch sie war in Klischees befangen. "Nur intuitiv entscheiden, das kann ich nicht. Ich muss schon abwägen. Aber inzwischen habe ich ja eine gewisse Sicherheit gewonnen, und weiß auch, was richtig ist."

Ihre Freundin Barbara Groth sagt: "Es gab, glaube ich, nie wieder jemanden wie ihren Mann, den man als ihren Lehrer .und Ratgeber bezeichnen könnte. Friede sammelt Wissen aus vielen Quellen und trifft dann ihre Entscheidungen. Sie hat sich nie verloren auf ihrem Weg und ist mit halbem Herzen immer Friede Riewerts geblieben: ein sich treuer, bodenständiger, wissbegieriger und gläubiger Mensch."

"So gesellig sie ist, so gut kann sie auch allein sein"

Und doch fühlt sie sich heute auch wohl auf großem Parkett. In Davos, beim Weltwirtschaftsforum, lernt sie Ferdinand und Ursula Piëch kennen, mit der sie sich anfreundete und die sie seither zum "Goldenen Lenkrad" einlädt, das die Axel Springer AG jährlich verleiht. Ursula Piëch, selbst Aufsichtsrätin bei VW, ist angetan von Springers "herzlicher Kommunikation".

Freunde beschreiben sie als "ruhig, überlegt und konsequent" (Piech), als "sehr gescheit und gewissenhaft, sehr loyal und lebensklug" (Griese), als einen "lebendigen, sehr hilfsbereiten und positiven Menschen" (von Hardenberg). Aber Freundin Inga Griese sagt von Friede Springer auch: Sie sei ein "lonely rider, so gesellig sie ist, so gut kann sie auch allein sein".

Falschen Vorstellungen über eventuelle Sentimentalitäten sollte man sich bei der Herrin über die Axel Springer AG nicht hingeben. Es lebt in ihr eine starke innere Unabhängigkeit. Sie ist kein Mensch, der etwa anriefe und fragen würde: Warum hast du dich so lange nicht mehr gemeldet? "Ich kann unglaublich gut loslassen, rausgehen und mich gar nicht wieder umdrehen."

Nach dem Tod ihres Mannes, sagt sie, musste sie "einfach vorangehen und nach vorne schauen. Ich träume ja noch heute, nach so vielen Jahren, von Axel Springer. Das ist noch ganz tief in mir drin, das kann mir auch keiner nehmen. Aber mich an vergängliche Dinge hängen, das muss ich nicht. Denn dann lebt man in der Vergangenheit."

"Ja", sagt Döpfner, dies sei ihre Stärke: "ausschließlich nach vorn zu blicken". Eine Schwäche fällt ihm nicht ein, es sei denn jene "für blaue Augen". Er selbst hat braune.

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