Pleiten, Brexit - und ein Schneeballsystem Gestörter Kapitalismus

Von Markus Schön
Von Markus Schön
Abwärts: Der Dax ist erneut unter Druck geraten

Abwärts: Der Dax ist erneut unter Druck geraten

Foto: Alex Domanski/ REUTERS

Erneut ist der deutsche Leitindex Dax  an der Marke von 12.500 Punkten gescheitert und hat deutlich nachgegeben. Während bei 11.700 Punkten die Sicht auf die aktuelle politische und konjunkturelle Lage zu schlecht ist, wird ab 12.400 Punkte zu viel zu positiv gesehen.

Es sind vor allem politische Unsicherheiten, die die Märkte belasten. Das beste Beispiel ist der geplante Brexit. Der britische Premierminister Boris Johnson lässt keinen Zweifel, dass er am 31.10.2019 aus der EU austreten will. Natürlich kann dies Verhandlungstaktik sein und wenige Tage vor dem Ultimatum knickt dann er ein. Der wirtschaftliche Schaden entsteht aber in jedem Fall.

Markus Schön
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Markus Schön ist Vermögensverwalter und Geschäftsführer der Schön & Co GmbH . Er hat mehrere Bücher geschrieben und 2007 die gemeinnützige Giving Tree Stiftung gegründet, die benachteiligte Kinder und Jugendliche unterstützt.

Nächstes Beispiel: Italien. Hier scheint die nicht einmal einen Monat im Amt befindliche Regierung schon wieder ihre Parlamentsmehrheit zu verlieren. Der frühere Regierungschef will sich mit einigen Abgeordneten abspalten, um seine politischen Ziele ohne Rücksichtnahme auf Koalitionspartner verfolgen zu können. Egoismus statt Gemeinsinn: Politik in Europa erfolgt immer stärker unter dem Blickwinkel, wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Das Ringen um die beste Lösung oder einen ihr nahekommenden Kompromiss kommt immer stärker in Vergessenheit.

Gestörter Kapitalismus - am Beispiel von Thomas Cook

Anders kann man auch die Entwicklung beim britischen Reisekonzern Thomas Cook nicht nachvollziehen. Das Unternehmen ist - wie auch andere, vielfach in Hand von Finanzinvestoren befindliche Gesellschaften - schon längere Zeit nicht mehr überlebensfähig. Hier hätte man besser eine geordnete Abwicklung zum Wohle der Verbraucher angehen sollen, statt immer wieder auf ein "kapitalistisches Wunder" zu hoffen, bei dem jemand gutes Geld schlechtem hinterher wirft.

Nachdem dies bei der Bankenrettung faktisch europaweit funktioniert hat, pervertiert die damals gerettete Royal Bank of Scotland  das System und fordert nach einer eigentlich bereits erzielten Einigung zusätzliches Geld oder weitere Sicherheiten. Diese sollen - wieder einmal -von staatlicher Seite erfolgen.

Schließlich, so scheint das Kalkül zu sein, können sich mitten im Brexit-Chaos weder Großbritannien noch die EU den Zusammenbruch eines so wichtigen Unternehmens leisten, der 600.000 Urlauber zumindest mittelbar betreffen würde.

Diese politische Geiselhaft muss aufhören, wenn das Finanzsystem dauerhaft funktionieren soll. Kapitalismus ohne Pleiten ist wie Fußball ohne Tore - unvorstellbar. Also muss die Phase der nachlassenden wirtschaftlichen Dynamik auch eine Phase sein, in der eine Marktbereinigung stattfindet. Dazu müssen dann auch seit Jahren erfolglose Anbieter wie eben Thomas Cook gehören. Konzepte, die am Markt nicht nachgefragt werden, haben keine Berechtigung.

Geldpolitisches Schneeballsystem am Anleihemarkt

Nur weil der Preis niedrig ist, bedeutet das nicht automatisch, dass man ein gutes Geschäft macht. Dies ist derzeit wunderbar am Anleihemarkt zu beobachten. Dort wird in diesem Jahr vermutlich der Rekord bei Neuemissionen aus dem Jahr 2016 übertroffen, Anleihen im Wert von rund 600 Milliarden Euro dürften neu emittiert werden. Dies ist für konservative Anleger aber nur vordergründig eine gute Nachricht.

Das Angebot an Zinspapieren ist historisch hoch. Umgekehrt sind die Zinsen historisch niedrig. Sobald es zu einem kurzen, wenn auch nur temporären Zinsanstieg kommt, werden die Anleger, die sich im August und September 2019 auf neue Papiere gestürzt haben, ein böses Erwachen erleben. Wie heftig dies ausfallen kann, hat das vierte Quartal 2018 eindrucksvoll gezeigt.

Die Warnsignale sind auch jetzt deutlich zu erkennen. Wenn jeder noch auf den Zug aufspringen will, sind die guten Geschäfte schon lange gelaufen.

Viel entscheidender ist aber der Blick in die USA. Dort hat die US-Notenbank sehr umsichtig reagiert und ist nicht den politischen Wunschträumen Donald Trumps erlegen, eine Nullzinspolitik zu fahren. Mit der moderaten Zinssenkung um 25 Basispunkte auf 1,75 bis 2,00 Prozent hat sie stabilisierend auf die Märkte eingewirkt und den leichten Aufwärtstrend beim US-Dollar bestätigt. Die Zinsausschläge waren moderat - allerdings nicht am Geldmarkt. Dort waren Entwicklungen wie 2008 zu erkennen, als vordergründig ohne Grund die Zinsen explodierten. Teilweise wurden zehn Prozent für "Über-Nacht-Gelder in den USA gezahlt - tatsächlich gezahlt. Kurzfristige Liquidität wurde zu einem knappen Gut, bis die US-Notenbank intervenierte und Liquidität bereitstellte.

Allerdings war es anders als 2008 keine Frage des Vertrauens; es war jetzt schlicht kein Geld mehr da. Dabei ist die Liquiditätsversorgung sowohl in den USA als auch global hervorragend. Alle Marktteilnehmer schichten aber in immer längere Laufzeiten um und erhöhen damit die Durationsrisiken. Solange immer neues Geld nachkommt, funktioniert das System. Dies gilt aber für jedes Schneeballsystem.

Der Ölpreis als Warnsignal

Die Notenbanken weltweit, aber vor allem die US-Notenbank, müssen beweisen, ob es ihnen gelingen kann, die nach der Krise konsequent zur Verfügung gestellte Liquidität den Kapitalmärkten in einem angemessenen Zeitrahmen zu entziehen. Bislang agiert die US-Notenbank sehr gut und umsichtig. Statt dem Irrweg der EZB eines neuen Anleihekaufprogramms zu folgen, hat sie die pünktlich zum Sitzungstermin stattfindenden Geldmarktturbulenzen mit klassischen geldpolitischen Instrumenten bekämpft. Dies war beeindruckend gut und zeigt, dass die US-Notenbank die letzte Institution mit berechtigtem weltweitem Führungsanspruch ist.

Dies kann man über den US-Präsidenten selbst mit viel Wohlwollen nicht sagen. Der Angriff auf die Ölförderanlagen in Saudi-Arabien konnte Donald Trump direkt dem Iran zuordnen, was direkt die Frage aufwirft, was Saudi-Arabien eigentlich mit dem riesigen Verteidigungsetat anstellt, wenn damit nicht die Quelle des eigenen Wohlstands geschützt wird. Schließlich sind der Iran und Saudi-Arabien politisch seit langem verfeindet und führen an verschiedenen Stellen Stellvertreterkriege.

Es erscheint damit naheliegend, dass die Regierung in Teheran hinter dem Angriff auf die saudischen Ölförderanlagen steckt. Von der daraus resultierenden Verknappung des Rohstoffs profitieren aber vor allem die USA, Russland und Saudi-Arabien selbst, da der Iran weitgehend vom Weltmarkt abgeschnitten ist. Relativ betrachtet war der Anstieg des Ölpreises nach der Attacke so stark wie seit 30 Jahren nicht mehr. Allerdings hat sich das Preisniveau sehr schnell wieder weitgehend normalisiert - was als Warnsignal für die weitere wirtschaftliche Entwicklung verstanden werden muss. Eine geringere Nachfrage nach Energierohstoffen ist auch immer ein Zeichen für eine nachlassende wirtschaftliche Dynamik.

Markus Schön ist Vermögensverwalter und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.