Montag, 25. Mai 2020

Debatte um die richtige Geldpolitik Die naiven Thesen des Promi-Ökonomen Marcel Fratzscher

Probleme, turmhoch: Christine Lagarde morgens vor dem EZB-Gelände.

5. Teil: Kategorie 6: Fehlerhafte Fakten

Kategorie 6: "Mythen" bei denen Fratzscher Aussagen trifft, die nicht zutreffen

Kommen wir zur letzten Kategorie der "Mythen" aus Fratzschers Aufzählung.

Mythos #1: Die EZB ist allein verantwortlich für die niedrigen Zinsen.

Fratzscher: "Die Zinsen sind vor allem das Resultat geringer Investitionen und zu hoher Ersparnisse. Die Regierungen bestimmen den Zins mit - mehr Investitionen und Wachstum sind essenziell für einen Anstieg der Zinsen." - Stelter: Fratzscher stellt diese von einigen Ökonomen vertretene These als allein gültige Wahrheit dar. Dabei handelt es sich um eine Theorie, die sich empirisch nicht belegen lässt. Im Gegenteil, Studien zeigen eindeutig, dass es eben doch die Politik der Notenbanken ist, die zu dem Rückgang des weltweiten Zinsniveaus geführt hat.

Mythos #3: Die niedrigen Zinsen führen zu einer Abnahme der Sparquote.

Fratzscher: "Das wäre notwendig, dem ist aber nicht so. Deutschland hat eine (viel zu hohe) Nettoersparnis von mehr als 200 Milliarden Euro pro Jahr (2500 Euro pro Kopf), mehr als sechs Prozent des BIP. Wenn niemand das Geld haben will, dann fällt der Preis des Geldes, also der Zins." - Stelter: Die Aussage zur Ersparnis in Deutschland trifft zu. Aber auch hier ist es ein Blick in den Rückspiegel. In Japan, einem Land, das bekanntlich schon länger mit Niedrigzinsen zu tun hat, ist die private Sparquote seit Jahren rückläufig. Haben die Japaner im Jahr 2000 noch rund acht Prozent gespart, war es zuletzt nur noch halb so viel. So wird es auch in der Eurozone kommen.

Mythos #4: Die EZB-Geldpolitik erhöht die Ungleichheit und schadet den Armen.

Fratzscher: "Das ist falsch. 40 Prozent der Deutschen haben praktisch kein Erspartes und viele Jobs und Einkommen wurden durch die niedrigen Zinsen geschützt. Ein verfrühter Zinsanstieg würde vor allem diese Jobs und Einkommen gefährden." - Stelter: An anderer Stelle kann Fratzscher nicht genug über die zunehmende Ungleichverteilung der Vermögen klagen. Wenn die Vermögenspreise steigen - und einen Zusammenhang mit der Geldpolitik hat Fratzscher ja eingeräumt -, dann profitieren nur die davon, die Vermögen haben. Damit wird die Ungleichheit - mathematisch eindeutig - größer. Das Vermögen der unteren 40 Prozent profitiert davon nicht.

Mythos #6: Es gab noch nie so niedrige Zinsen wie heute.

Fratzscher: "Die realen Zinsen (nominale Zinsen abzüglich Inflation) waren zu D-Mark-Zeiten ein Drittel der Zeit seit den 1970er-Jahren negativ - so wie heute auch." - Stelter: Es stimmt, dass die Realzinsen auch früher negativ waren. Es ist aber doch ein Unterschied, ob man bei positivem Nominalzins real verliert oder bei negativem Realzins. Das hat vor allem auch mit der Signalwirkung des Zinses als wohl wichtigstem Preis der Marktwirtschaft zu tun. Und da muss man festhalten: Negative Nominalzinsen gab es in den letzten 5000 Jahren noch nie.

Mythos #9: Deflation ist nicht schädlich.

Fratzscher: "Deflation ist genauso schädlich wie zu hohe Inflation, aber für eine Zentralbank ungleich schwerer zu bekämpfen. Deflation führt zu fallenden Erträgen und erschwertem Schuldendienst für Unternehmen, somit zu weniger Investitionen, Wachstum und Jobs." - Stelter: Wir haben im 19. Jahrhundert lange Phasen von Deflation mit hohen Wachstumsraten erlebt. Deflation ist der Normalzustand, weil technischer Fortschritt, Erfindungen und Produktivitätsgewinne zu sinkenden Preisen führen. Die Angst der Ökonomen vor der Deflation stammt aus der Weltwirtschaftskrise, die aber historisch die Ausnahme war. Was schädlich ist, ist nicht die Deflation, sondern die zu hohe Verschuldung, die durch Deflation schwerer zu ertragen ist. Die richtige Antwort wäre also: Deflation ist kein Problem. Unser Problem sind die hohen Schulden und um die tragbar zu halten, müssen die Zinsen tief sein.

Mythos #13: Der Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB ist illegal und ineffektiv.

Fratzscher: "Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat geurteilt, dass diese legal sind und hat alle deutschen Klagen abgewiesen. Die Ankäufe waren effektiv, um die Kreditvergabe an Unternehmen und Bürger zu verbessern, auch wenn diese immer weniger effektiv werden." - Stelter: Auch wenn sie "immer weniger effektiv werden", greift er zu kurz. Der Aufschwung seit 2009 war außergewöhnlich schwach und die Kreditnachfrage des Privatsektors gedämpft. Die Staaten haben sich über das billige Geld gefreut und über die Zombies, die eben nicht zum Konkursrichter mussten. Zugleich ermöglicht das billige Geld den Kauf von Vermögenswerten. Das war es dann auch.

Damit sind alle "Mythen" weg.

Was mich zum Fazit führt: von den 20 angeblichen "Mythen" von Herrn Fratzscher bleibt ein Mythos übrig, bei dem es sich lohnt, ihn zu wiederholen:

Mythos #5: Deutschland und Europa ständen heute ohne die expansive EZB-Geldpolitik wirtschaftlich, sozial und politisch besser da.

Diese Aussage ist tatsächlich falsch. Es hätte ohne die EZB einen chaotischen Zerfall des Euro gegeben. Dies bedeutet aber weder, dass der Euro "gerettet" ist, noch, dass es eine gute Idee war, ihn einzuführen. Aber das ist ein anderes Thema.

Daniel Stelter ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt sein Kommentar nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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