Geldflut der EZB Warum Draghis Wachstum eigentlich eine Illusion ist

Mario Draghi erinnert an einen Reiter, der mit einem altersschwachen und schwer beladenen Pferd Hindernisse zu überspringen versucht. Mit immer mehr Doping soll das Pferd zu früherer Form kommen. Am Ende dürfte es ihm nicht gut bekommen - und seinem Reiter auch nicht.
Ging damals glimpflich aus: Eine Aktivistin wurde auf einer Pressekonferenz der EZB im April 2015 anzüglich.

Ging damals glimpflich aus: Eine Aktivistin wurde auf einer Pressekonferenz der EZB im April 2015 anzüglich.

Foto: Boris Roessler/ picture alliance / dpa

Mal ehrlich: Wen konnte die Entscheidung der EZB, das Anleihe-Kaufprogramm bis Ende 2017 zu verlängern und die Bedingungen für die Käufe zu lockern, noch überraschen? Angesichts des italienischen Referendums, der ungelösten Bankenkrise und der nach wie vor als schwach empfundenen Entwicklung der Realwirtschaft in der Eurozone konnte die EZB gar nicht anders. Hinzu kommt die zunehmende Angst vor den Finanzmärkten.

Da die bisherigen Maßnahmen vor allem letztere aufgeblasen haben, möchte die EZB nicht diejenige Notenbank sein, die diese Blase zum Platzen bringt. Diese Rolle überlässt man diesmal lieber der US-Notenbank. Die EZB gibt den Finanzmärkten weiterhin den Treibstoff, den sie brauchen, um die Illusion der gelungenen Euro-Rettung aufrecht zu erhalten.

Das Ziel der Belebung der Realwirtschaft ist nur vorgeschoben, da auch die EZB-Führung das Einmaleins der Ökonomie kennt. Wirtschaftliches Wachstum hängt knapp gesagt von zwei Faktoren ab: der Anzahl der Erwerbstätigen und deren Produktivität. In der EU wuchs die Erwerbsbevölkerung 2005 noch um rund 0,3 Prozent pro Jahr, heute schrumpft sie um 0,6 Prozent pro Jahr. Alleine diese Veränderung bedeutet - alle anderen Einflussfaktoren unverändert - eine Verringerung des jährlichen Wirtschaftswachstums um einen Prozentpunkt.

Notenbanken bekommen keine Kinder

Erschwerend kommt hinzu, dass die Produktivitätszuwächse gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Erwerbstätigen rückläufig sind. Hierfür gibt es strukturelle Gründe: den Rückgang der globalen Arbeitsteilung, die Investitionsschwäche, den steigenden Anteil des (weniger produktiven) Dienstleistungssektors und schließlich (politisch gewollte) Wettbewerbshemmnisse. Da muss man schon eine deutliche Trendumkehr annehmen, um zu deutlichen Wachstumsraten für die Wirtschaft zu gelangen. Und selbst wenn wir mit zwei Prozent Produktivitätswachstum rechnen (von dem wir weit entfernt sind!), würde die Wirtschaft in der EU in den kommenden Jahren real nur um 1,4 Prozent pro Jahr wachsen (minus 0,6 plus 2 ergibt 1,4). Für das Jahr 2016 wird übrigens ein Wachstum von 1,8 Prozent erwartet. Viel mehr ist da nicht drin!

Wer mit Blick auf die immer noch hohe Arbeitslosigkeit ein ungenutztes Potential für mehr Wachstum sieht, den muss ich enttäuschen. Die lang anhaltende Arbeitslosigkeit führt zu einer nachhaltigen Schwächung der Produktivität. Ökonomen sprechen von Hysterese. Auch die Zuwanderung hilft uns hier nicht, sind doch Erwerbsbeteiligung und Produktivität der Zuwanderer auf lange Sicht gering.

Mario Draghi versucht also zwanghaft ein Pferd, welches am Limit mit seinen Kräften ist, zu noch höherer Leistung anzuspornen. Das mag temporär gehen. Dauerhaft ist es illusorisch, das Wachstum nachhaltig nach oben zu bekommen. Siehe auch Japan seit 1990. Auch dort schrumpft die Erwerbsbevölkerung seit Jahren und obwohl die Produktivitätsfortschritte deutlich höher als bei uns und den USA sind, stagniert die Wirtschaft. Einfache Mathematik.

Überbordende Verschuldung - und ein im Grunde insolventes Bankensystem

Das Pferd ist schwer beladen

Nicht nur ist das realwirtschaftliche Pferd nicht mehr so agil wie vor einigen Jahren, es leidet zudem unter einer erheblichen Last an faulen Schulden. Regelmäßige Leser meiner Kommentare wissen, dass ich in der überbordenden Verschuldung von Staaten, privaten Haushalten und Unternehmen gepaart mit einem bei ordentlicher Buchhaltung nur als insolvent zu bezeichnenden Bankensystem die Hauptursache für die Eurokrise sehe.

Ohne eine Bereinigung dieses Schuldenproblems wird es auf Dauer nicht möglich sein, das Wachstumspotential zu nutzen oder gar zu steigern. Dabei trägt das geringe Wachstum dazu bei, dass die Schuldenlast relativ zum BIP immer weiter anwächst und damit immer fauler wird. Eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale.

Die Politik der EZB hat weiterhin nur ein Ziel: dieses Schuldengebäude vor dem Einsturz zu bewahren. Konsequenter Weise bedeutet dies jedoch eine immer stärkere Dosis, da je höher die Schulden sind, desto tiefer die Zinsen sein müssen. Wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich so treffend schon vor Jahren analysierte: die tiefen Zinsen von heute machen noch tiefere Zinsen morgen erforderlich. Nur deshalb wird der 500 Euro-Schein abgeschafft und über Bargeldverbot diskutiert. Bei der nächsten Rezession müssen die Zinsen noch deutlicher in den Negativbereich gedrückt werden.

Solange die Politik sich um eine Lösung für diese Schuldenproblematik herumdrückt - wie es ginge habe ich unter anderem hier erläutert  - bleibt die EZB in ihrer Politik "alternativlos". Hört sie auf, kollabieren Staaten und Banken in der Eurozone.

Inflation lässt sich auf diese Weise nicht erreichen

Die Nebenwirkungen der Politik sehen wir an den Finanzmärkten, aber auch in der Realwirtschaft, wo das billige Geld Zombie-Unternehmen am Leben erhält, die wiederum eine nachhaltige Verbesserung des Produktivitätswachstums verhindern.

Bleibt die Hoffnung auf Inflation. Doch woher soll die kommen in einer Welt, die an Überkapazitäten und Zombie-Schuldnern und -Banken leidet? Man könnte glauben, dass der Trump-Effekt der Reflationierung auch auf Europa überschwappt. Das ist jedoch unwahrscheinlich. Schon jetzt steigt das Risiko einer US-Rezession und damit einer weltweiten Abschwächung mit jedem Tag weiterer Zinsanstiege im Dollar-Raum. Da sollte man sich von der Wall-Street-Party nicht einlullen lassen.

China lässt währenddessen die eigene Währung abwerten und wird damit angesichts der dortigen Überkapazitäten und ebenfalls hohen Verschuldung zum Deflationsexporteur Nummer 1. Auch hier sollten uns vorübergehend höhere Inflationsraten in den kommenden Monaten wegen des Basiseffekts beim Öl (verglichen mit dem Vorjahr keine weiteren Rückgänge) nicht von der grundlegenden Entwicklung ablenken.

Inflation erreicht man in diesem Umfeld nur, indem man das Vertrauen in Geld zerrüttet. Noch ist das der EZB nicht gelungen.

Politische Antwort 2017

So geht das Spiel weiter. Die EZB versucht es weiter mit Doping, die Politiker hoffen, dass Wunder möge geschehen und das Pferd wieder wie früher springen. Die Bevölkerungen der Euroländer machen das aber nicht mehr lange mit. Als ich im Sommer 2015 an dieser Stelle forderte "Lasst uns austreten, bevor Italien das tut " waren nicht alle der über 100.000 Leser des Beitrags dieser Meinung, wie ich den Zuschriften entnehmen konnte. Mittlerweile ist das Szenario eines Austritts Italiens nicht mehr so abwegig wie damals noch einige meinten. Oder es werden doch die Holländer sein, oder die Franzosen. Wer weiß?

Auf jeden Fall können Mario Draghi und die EZB nur den Status Quo erhalten, die Krise aber nicht lösen. Deshalb ist die Frage nicht, ob ein Land den Euro-Club verlässt, sondern wann. Dabei spielt es keine Rolle, dass der Euro nicht die einzige Krisenursache ist, sondern die Länder schon lange ihre Hausaufgaben nicht richtig erledigen. In einem Umfeld stagnierenden und schrumpfenden Wohlstands ist es für jede Art von Populismus leicht, Wahlen zu prägen oder zu gewinnen.

Die Politik müsste unsere Probleme lösen. Weil sie sich weigert und lieber auf ein Wunder von Mario Draghi hofft, wird es andere Politiker an die Macht bringen, die dann handeln, und zwar so, wie wir uns alle das nicht wünschen können. Die Verluste für die Gläubigerländer, allen voran Deutschland, wachsen mit jedem Tag weiter an. "Selbst Schuld" kann ich da - leider - nur sagen. Eine direkte Folge der verfehlten Euro-"Rettungs"- Politik unserer Regierung.

Von Hero to Zero - dieser Ritt dürfte für Draghi schlecht ausgehen

Von Hero to Zero

Aber auch für Mario Draghi dürfte der Ritt schlecht ausgehen. Kommt es zu der gewünschten hohen Inflation, ist dies die Schuld der EZB. Kommt es doch zum Zerfall der Eurozone und den damit verbundenen heftigen Verlusten (Stichwort Target-II-Salden) ist es ebenfalls die Schuld der EZB, die diese Ungleichgewichte lange ermöglicht hat. Gibt es den Euro nicht mehr, ist auch die EZB Geschichte und Frankfurt hat dann viel freien Büroraum.

Die Verschleppung der Krise, das Verhindern der dringend erforderlichen Bereinigung und die Entlastung der Politik von wirklichen Reformen und harten (Schulden-)schnitten wird der EZB letztlich jede Kredibilität nehmen.

Die Realwirtschaft wird unter den Folgen drastisch leiden - gerade auch wir Deutsche, die wir uns noch an unseren Exporterfolgen freuen - und Mario Draghi dürfte in die Geschichte eingehen als der Mann, der sich auf einen Ritt einließ, den er nur verlieren konnte.

Daniel Stelter ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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