Skandal um Ex-Wölbern-Chef Schulte Heliskiing, Segeln und nach Bayreuth in die Oper

Neue Details aus dem Untreueprozess gegen Heinrich Maria Schulte: Für private Zwecke soll der Ex-Wölbern-Invest-Chef insgesamt 60 Millionen Euro aus Fonds seines Hauses verwendet haben. Ein Zeuge erläuterte heute dem Gericht, wo das Geld gelandet sein soll.
Segelyacht vom Typ "Oyster": So oder so ähnlich gefällt es Ex-Wölbern-Chef Schulte offenbar in seiner Freizeit

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Hamburg - Im Prozess gegen Heinrich Maria Schulte, Ex-Chef des Fondshauses Wölbern Invest, ging es vor dem Landgericht Hamburg am heutigen Donnerstag ans Eingemachte. Auf dem Zeugenstuhl hatte ein Referent der Hamburger Staatsanwaltschaft Platz genommen, der maßgeblich an der Aufschlüsselung der Finanzströme im Hause Wölbern Invest beteiligt war. Genauer: Der Finanzströme zwischen August 2011 und September 2013. Während dieser Zeit soll Schulte laut Anklage insgesamt 147 Millionen Euro aus geschlossenen Immobilienfonds von Wölbern Invest veruntreut haben, was der Mediziner selbst bestreitet.

Die konkreten Zahlungsströme zwischen den Fondsgesellschaften, verschiedenen Wölbern-Firmen sowie weiteren Konten allerdings dürften unstrittig sein. Die Staatsanwaltschaft hat die Kontobewegungen anhand von Bankunterlagen offenbar penibel genau nachvollzogen und dokumentiert. Das geht aus der Klageschrift hervor, und es wurde am heutigen 13. Verhandlungstag im Gericht noch einmal deutlich.

Besonders spannend dabei: Insgesamt sollen von den aus Wölbern-Fonds entnommenen Geldern nicht weniger als 60 Millionen Euro für Zwecke verwendet worden sein, die dem Privatbereich des Angeklagten Schulte zuzurechnen sind. Allein gut 40 Millionen Euro landeten laut Staatsanwaltschaft direkt auf einem Konto, das auf Schultes Namen lief und deshalb von den Ermittlern als dessen Privatkonto eingestuft wird. Weitere 20 Millionen wurden über andere Wölbern-Konten für private Zwecke verendet, so der Referent der Staatsanwaltschaft vor Gericht.

Was sich dabei hinter der Umschreibung "private Zwecke" verbirgt, macht die folgende Auflistung deutlich - dies sind die wohl bemerkenswertesten und wichtigsten Einzelverwendungen, die die Anlegergelder von Wölbern Invest laut Staatsanwaltschaft letztendlich gefunden haben sollen:

  • Rund 26 Millionen Euro für die Anzahlung und für Sicherheiten der neu aufgelegten Wölbern-Immobilienfonds Frankreich 05 und Deutschland 05.
  • 7,5 Millionen Euro für die Begleichung einer Forderung des Bankhauses Wölbern im Jahr 2011, wegen derer Professor Schulte bereits eine Zwangsvollstreckung drohte (gegenüber manager magazin online hatte Wölbern Invest auf Anfrage Anfang 2013 explizit mitgeteilt, es sei kein Geld aus Fonds zur Abwendung einer Zwangsvollstreckung gegen Schulte verwendet worden).
  • Rund 1,2 Millionen Euro, um der Deutschen Bank (Kurswerte anzeigen)eine Provisionsforderung gegenüber der Wölbern Invest KG abzukaufen.
  • Mehrere Millionen Euro sollen als Finanzspritze in die Hamburger Medizin-Unternehmensgruppe Medivision ("Endokrinologikum") geflossen sein.
  • Mehrere hundert Tausend Euro sollen in jenes finnische Unternehmen Schultes gesteckt worden sein, das an der wiederholt im Prozess erwähnten Entwicklung eines Wirkstoffs gegen Blasenkrebs forschte.
  • Erwerb von Gold (Kurswerte anzeigen)für beinahe eine Million Euro.
  • 2,5 Millionen Euro gab Schulte nach Angaben des Referenten der Staatsanwaltschaft für Handwerkerrechnungen im Zusammenhang mit Baumaßnahmen an seiner Privatvilla an der Hamburger Elbchaussee aus.
  • Für die Nutzung von Privatflugzeug und Segelyacht (Typ "Oyster") wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft fast zwei Millionen Euro aufgewendet.
  • Auf den Kauf von Kunst und Schmuck entfallen laut Staatsanwaltschaft zusammen rund eine Million Euro.
  • Der Zeuge erwähnt eine Überweisung von 31.000 Euro mit dem Verwendungszweck Heliskiing (mit dem Hubschrauber auf den Berg, auf Skiern wieder runter).
  • Theater- und Opernbesuche (Bayreuth!) sollen Kosten von mehr als 11.000 Euro verursacht haben.

Spannend wird es nächsten Dienstag

Das ist jedoch nur ein kleiner Teil des Gesamtbildes der Finanzströme, die den Kern der Vorwürfe gegen Ex-Wölbern-Chef Schulte bilden. Laut Staatsanwaltschaft und unter Berücksichtigung weiterer Recherchen sah der Weg der fraglichen Anlegermillionen in groben Zügen so aus:

  • Insgesamt belaufen sich die Liquiditätsentnahmen aus geschlossenen Immobilienfonds von Wölbern Invest im Zeitraum August 2011 bis September 2013 laut Anklage auf 147,3 Millionen Euro. Darüber hinaus wurden aber auch aus anderen Wölbern-Fonds Gelder abgezogen, nämlich zum Beispiel aus Private-Equity-Fonds.
    Einer Aufstellung zufolge, die Wölbern-Insolvenzverwalter Tjark Thieß von der Kanzlei Reimer Rechtsanwälte erstellt hat, und die manager magazin online vorliegt, wurden alles in allem 194,7 Millionen Euro aus Fonds von Wölbern Invest überwiesen. Ziel dieser Geldabflüsse war die Wölbern Invest B.V., eine eigens gegründete Tochtergesellschaft niederländischen Rechts.
  • Die Rücküberweisungen an Wölbern-Fonds beziffert Insolvenzverwalter Thies in seiner Übersicht auf 86,4 Millionen Euro. Die Staatsanwaltschaft stellt den 147,3 Millionen Euro Rückflüsse in Höhe von 95,7 Millionen gegenüber. Darin ist jedoch eine signifikante Summe enthalten, die laut Staatsanwaltschaft de facto nicht hineingehört. Denn sie wurde der Anklage zufolge durch eine Zirkelbuchung, die an einem einzigen Tag stattgefunden haben soll, nur zum Schein erzeugt.
  • Diese Zirkelbuchung stellt eines der Kernelemente der Untreuevorwürfe seitens der Ermittler dar. Der Zeuge von der Staatsanwaltschaft widmete ihr am heutigen Donnerstag einen Großteil seiner Ausführungen vor Gericht. Demnach hatte Ex-Wölbern-Chef Schulte im Jahr 2011 bereits rund 60 Millionen Euro aus geschlossenen Wölbern-Immobilienfonds entnommen. Im Zuge von Jahresabschlüssen galt es dann Anfang 2012 den Nachweis zu führen, dass den Entnahmen aus den Fonds auch werthaltige Forderungen gegenüberstanden.
    Das Problem war jedoch, so der Referent der Staatsanwaltschaft: Auf dem Konto der Wölbern Invest B.V., wohin ursprünglich die Fondsgelder geflossen waren, war zu der Zeit kaum noch Geld.
    Um dies zu kaschieren, griff Schulte laut Staatsanwaltschaft zu einem Trick: Innerhalb eines Tages, nämlich am 31. Januar 2012, überwies er insgesamt mehr als 60 Millionen Euro von der Wölbern Invest B.V. an verschiedene Fondsgesellschaften - und transferierte das Geld über kurz zuvor eingerichtete Zweitkonten der B.V. am gleichen Tag direkt wieder an die B.V. zurück. So soll es gelungen sein, mit virtuellem Geld, das in Wahrheit gar nicht vorhanden war, die Bilanzen der fraglichen Fonds zum Jahreswechsel auszugleichen.
  • Die aus den Fonds entnommenen Gelder blieben nicht bei der Wölbern Invest B.V. Sie wurden von dort weitergeleitet, und zwar vor allem an die Wölbern Group KG (laut Staatsanwaltschaft insgesamt 84,6 Millionen Euro) sowie an die Wölbern Invest KG (18,2 Millionen Euro).
  • Gut 40 Millionen Euro sollen letztlich auf besagtem Konto auf den Namen von Ex-Wölbern-Chef Heinrich Maria Schulte gelandet sein. Darüber hinaus wurden den Ermittlern zufolge weitere Gelder für private Zwecke verwendet. Insgesamt kommt die Staatsanwaltschaft so auf eine Summe von rund 60 Millionen Euro, die, aus der Liquidität von Wölbern-Fonds stammend, in der Privatsphäre Schultes endete.

Folge: Unterm Strich haben die Wölbern-Fonds bis heute laut Anklage offene Forderungen aus Schultes Finanztransaktionen von 117,5 Millionen Euro.

Spannend dürfte es am kommenden Dienstag werden, wenn der Referent der Staatsanwaltschaft noch einmal in den Gerichtssaal kommen wird. Dann wird die Verteidigung ihre Fragen an ihn richten.

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