Montag, 17. Juni 2019

Handelskrieg und schleichende De-Globalisierung Europas Wirtschaft - verloren im Streit der großen Mächte

China gegen USA: Die De-Globalisierung begann bereits vor Trump. Nun geht es Knall auf Fall

Wir verlassen uns darauf, dass die Globalisierung weitergeht wie bislang. Eine gefährliche Illusion - und ein Auftrag an die nächste Brüsseler Führungsmannschaft.

Große Umbrüche haben häufig eine ausgedehnte Vorgeschichte. Über lange Zeit vollziehen sich Veränderungen so langsam, dass sie kaum wahrnehmbar sind. Die Kontinentalplatten der Erde beispielsweise verschieben nur um wenige Zentimeter pro Jahr - unsichtbar mit bloßem Auge, aber irgendwann entladen sich die untergründigen Spannungen in schweren Beben.

Ohne genaue Messinstrumente bleiben die großen Verschiebungen unerkannt. Verwerfungen kommen dann überraschend und treffen auf unvorbereitete Gesellschaften.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

In der Wirtschaftsentwicklung passiert zuweilen Ähnliches. Der derzeit eskalierende Handelskrieg zwischen den USA und China lässt sich verstehen als Beben im Kontext einer längeren Entwicklung. Schleichend ist die Globalisierung schon seit Jahren auf dem Rückzug. Nun geht es Knall auf Fall. Leider sind wir schlecht vorbereitet. Umso wichtiger wird sein, wer in der nächsten Legislaturperiode in Brüssel und in Frankfurt das Sagen haben wird. (Achten Sie auf den EU-Gipfel am Dienstag, bei dem bereits wichtige Personalentscheidungen für die EU-Kommission und die Europäische Zentralbank fallen könnten). Dazu etwas weiter unten mehr.

Seit der Großen Rezession von 2009 entwickelt sich die internationale Verflechtung der Wirtschaft zurück. Nach der Krise wurden nie wieder die Niveaus früherer Jahre erreicht. Schon länger leben wir in einer Welt der schleichenden De-Globalisierung - die Entwicklung begann Jahre bevor Donald Trump US-Präsident wurde und die von ihm angezettelten Handelskonflikte die Schlagzeilen bestimmten.

Es stellen sich drei Fragen: Woher rührt dieser De-Globalisierungstrend? Was kommt als nächstes? Und was bedeutet das für uns?

Eine neue, negative Dynamik

Die schleichende Abwicklung der Globalisierung ist vor allem eine Folge struktureller Verschiebungen - in der Realwirtschaft, in der Finanzwirtschaft und in der Politik. Striktere Regulierungen, nach der Finanzkrise eingeführt, haben es den Banken erschwert, im Ausland Kredite zu vergeben. Unternehmen können deshalb ihre internationalen Aktivitäten nicht mehr so leicht finanzieren, wie Hyun Song Shin von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) betont.

In Schwellenländern, insbesondere in China, geht eine Phase der raschen Industrialisierung zu Ende. Viele Märkte sind gesättigt. Seit den 90er Jahren wurde die Globalisierung von einem großen Tauschgeschäft getrieben: billige Industrieprodukte gegen westliche Technologiegüter (zum Beispiel deutsche Maschinen und Autos) und Knowhow. Inzwischen sind China und andere Schwellenländer so weit entwickelt, dass sie mehr und mehr hochwertige Güter selbst produzieren können - und wollen. Zudem sind die Löhne dort mittlerweile so hoch, dass es sich für westliche Unternehmen häufig nicht mehr lohnt, wegen Kostenvorteilen die Fertigung zu verlagern.

Auch die politische Dynamik hat sich verändert. Gesellschaftliche Spannungen innerhalb der Länder, auch sie eine Folge der Globalisierung, haben viele Regierungen dazu bewogen, einzelne Branchen gezielt zu schützen und zu stützen. So verzeichnete die Welthandelsorganisation WTO bereits lange vor Trumps Amtsantritt eine zunehmende Ausbreitung protektionistischer Maßnahmen - kein Handelskrieg, eher eine Strategie der gezielten Nadelstiche. Die USA schützten beispielsweise ihre Stahl- und Aluminiumindustrie. China subventionierte Überkapazitäten. Länder wie Indien und Russland erließen Einfuhrbeschränkungen für lange Listen von Industrieprodukten.

Insgesamt war davon zwar in den vergangenen Jahren nur ein kleiner Teil des Welthandels betroffen. Aber es genügte, um soviel Unsicherheit zu stiften, dass die Unternehmen begannen, ihre internationalen Wertschöpfungsketten zurückzubauen und im Zweifel lieber wieder verstärkt vor Ort zu produzieren. Der schleichende Prozess der De-Globalisierung, der in der Grafik sichtbar ist, nahm seinen Lauf.

Dann kam Trump. Mit einer Kaskade aus Drohungen, Ultimaten und tatsächlichen Zöllen hat er seit Anfang 2018 die Weltwirtschaft in Atem gehalten. Andere Staaten haben mit Gegenmaßnahmen reagiert. Die Folge: Das weltweite Handelsvolumen, das Zöllen und anderen Beschränkungen unterliegt, hat sich im Laufe des vorigen Jahres sage und schreibe verzehnfacht, wie Berechnungen der WTO zeigen.

Und dabei ist die jüngste Eskalation noch nicht berücksichtigt. Der der lange Abwärtstrend der Globalisierung beschleunigt sich rapide.

Besserung in Sicht? Von wegen

Zwar ist es immer noch möglich, dass sich Trump auf einen Deal mit China einlässt, den er im beginnenden Wahlkampf als großen Erfolg verkaufen könnte. Aber selbst dann wäre eine Rückkehr zur früheren Normalität nicht in Sicht.

Der Fokus der Politik hat sich verschoben. Im Zentrum steht nicht mehr der freie Austausch über alle Grenzen hinweg und der Import billiger Produkte aus aller Welt, sondern der Schutz heimischer Jobs und Standorte. Viele Gesellschaften sind unruhig und unzufrieden geworden, wie der Aufstieg der Populisten und Nationalisten zeigt, nicht zuletzt in der EU. Strategische Handels- und Industriepolitik soll für gesellschaftliche Ruhe sorgen und Machtpositionen sichern.

In den USA wünschen sich nicht nur Trumpisten, sondern auch viele Demokraten wieder mehr gutbezahlte Industriejobs im eigenen Land. Chinas Führung setzt auf nationalistische Propaganda und ihren Plan "Made in China 2025", womit sie die eigene Industrie technologisch aufrüsten und das Einkommensniveau weiter steigern will - was wiederum zu Gegenreaktionen im Westen führt, siehe die sicherheitspolitisch motivierten Abwehrmaßnahmen gegen Unternehmen wie Huawei.

Was wird in diesem großen strategischen Ringen eigentlich aus Europa?

Lücken und Bruchstellen

Wie kein anderer großer Wirtschaftsraum vertraut die Europäische Union darauf, dass es mit der Globalisierung schon irgendwie weitergeht. Während die wirtschaftliche Erholung in weiten der Teilen der EU nur schleppend vorankam, zogen massive Exportüberschüsse in den vergangenen Jahren die Wirtschaft aus der Krise. Viele Euro-Staaten verzeichnen außenwirtschaftliche Überschüsse. Die Eurozone insgesamt hat das weltweit höchste Plus in der Leistungsbilanz: mehr als 400 Milliarden US-Dollar. Den größten Beitrag steuert Deutschland bei (nationaler Überschuss: rund 300 Milliarden). https://data.oecd.org/trade/current-account-balance.htm Zum Vergleich: Chinas Leistungsbilanz ist, anders Trumps Rhetorik vermuten ließe, längst ausgeglichen.

Wir haben ein Problem. Die Eurozone, der Kern der EU, ist extrem abhängig von ausländischer Nachfrage. Wenn die nun in der neuen Ära der Handelskonflikte ausbleibt, ist das direkt spürbar. Die Auftragseingänge aus dem Rest der Welt sind bereits stark zurückgegangen. Gerade für die wichtige deutsche Investitionsgüterbranche zieht eine Flaute herauf.

Dass der Abschwung sich nicht schon stärker in gesamtwirtschaftlichen Zahlen niederschlägt, liegt vor allem am heimischen Konsum und am boomenden Bausektor. Das würde sich allerdings ändern, wenn Chinas Wachstum im Zuge des sich zuspitzenden Konflikts stärker als erwartet einbricht. Deutschland, und mehr noch die Eurozone insgesamt, würden dann nach aktuellen Berechnungen der OECD fast so stark verlieren wie die direkt beteiligten USA.

Was tun? Was tun!

Europa, so sieht es aus, wird die nächste Krise aus eigener Kraft meistern müssen. Beim letzten Mal, nach 2009, waren Exportüberschüsse der Umweg, mit dem die Euro-Länder ihre darniederliegende Binnenwirtschaft stabilisieren konnten. In der neuen Welt-Unordnung wird das nicht mehr so einfach möglich sein.

Die nächste Brüsseler Führungsmannschaft in Kommission, Parlament und Rat sollte deshalb alles daransetzen, die Eurozone - und damit die EU insgesamt - im Innern zu stabilisieren. Gelegenheit dazu wird es bei den Verhandlungen zum EU-Haushalt geben, die in die heiße Phase gehen, sobald sich Brüssel nach der Wahl neu sortiert hat.

Die EU braucht eine zukunftsorientierte Forschungspolitik, keine Industriepolitik, die hergebrachte Strukturen konserviert; diverse extrem exportlastige Wirtschaftszweige werden in der Ära der De-Globalisierung ohnehin schrumpfen müssen.

Die Eurozone wiederum braucht zusätzlich Stoßdämpfer zum Abfedern von Krisen in einzelnen Mitgliedstaaten. Und sie benötigt Instrumente, mit denen sich effektiv den chronischen Unwuchten im Euro-Gebiet entgegenwirken lässt: Die Investitionslücke zwischen Süd- und Nordeuropa bedroht längst die Statik der Gesamtkonstruktion.

Viele Maßnahmen sind denkbar: Strukturreformen der einzelnen Länder, um attraktiver zu werden für Investoren; zusätzliche Infrastruktur- und Bildungsprojekte, finanziert aus den Gemeinschaftskassen; eine gemeinsame Bankenabsicherung innerhalb der Eurozone, um die Wirtschaft vor möglichen Pleiten einzelner Mitgliedsstaaten zu schützen - am besten eine Kombination aus alldem.

Denn bei allen Bruchstellen und Gegensätzen in der EU, so ist doch eines klar: Die große Mehrheit der Europäer möchte auch in Zukunft einen Raum ohne Grenzen, in dem sich Bürger und Güter frei bewegen können, mit einer gemeinsamen Währung und einheitlicher Außenhandelspolitik; das lässt sich aus den Eurobarometer-Umfragen herauslesen.

Wenigstens darüber gibt es einen breiten Konsens: Die Bürger möchten bewahren, was Europa heute ausmacht - gerade angesichts von Handelskriegen und Supermachtpolitik. Die nächste Brüsseler Führungsmannschaft sollte zumindest dies liefern - whatever it takes.

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