Entscheidung der Notenbank EZB erhöht Strafzins und verlängert Anleihekäufe

Von mm-newsdesk
EZB-Chef Mario Draghi: Die EZB fährt einen riskanten Kurs - doch Anleger hoffen auf noch mehr billiges Geld

EZB-Chef Mario Draghi: Die EZB fährt einen riskanten Kurs - doch Anleger hoffen auf noch mehr billiges Geld

Foto: Fredrik Von Erichsen/ dpa

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Finanzmärkte mit ihren am Donnerstag bekanntgegebenen Maßnahmen enttäuscht. Der deutsche Aktienmarkt, der gemessen am Leitindex Dax  bis zum frühen Nachmittag zugelegt hatte,rutschte nach der Bekanntgabe der Maßnahmen durch die EZB tief ins Minus.

Im Einzelnen plant die Notenbank folgendes: Sie wird ihre milliardenschweren Wertpapierkäufe ausweiten. Die Laufzeit des Programms werde mindestens bis März 2017 verlängert, sagte EZB-Chef Mario Draghi am Donnerstag in Frankfurt bei einer Pressekonferenz im Anschluss an den jüngsten Zinsentscheid der Notenbank. Bisher war als Endzeitpunkt September 2016 geplant.

Zudem werde die Palette an Wertpapieren, die für das Kaufprogramm infrage kommen, auch auf regionale Anleihen ausgeweitet.

Zuvor hatte die EZB bereits den Strafzins für Bankeinlagen erhöht. Der sogenannte Einlagensatz sei auf minus 0,3 Prozent von bislang minus 0,2 Prozent gesetzt worden, teilte die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag mit. Für Geschäftsbanken wird es damit noch teurer, wenn sie überschüssige Gelder bei der EZB parken.

Den Leitzins für die Versorgung der Kreditinstitute mit Zentralbankgeld beließ die EZB hingegen bei 0,05 Prozent. Auf diesem Rekordtief liegt er bereits seit September 2014.

Dax fällt zurück, Euro steigt - Anleger hatten mehr erwartet

Die Zinsentscheidung der EZB kommt bei Anlegern nicht gut an. Der deutsche Leitindex Dax  gab seine Gewinne am Mittag ab. Noch während Draghi auf seiner Pressekonferenz sein Vorhaben erläuterte, fielen die Aktienkurse beinahe wie ein Stein. In der Spitze notierte der Dax mit bis zu 3,6 Prozent im Minus bei 10.800 Punkten. Anleger hatten mit einer stärkeren Herabsetzung des Einlagenzinses gerechnet.

Der Euro zog im Gegenzug um knapp einen US-Cent auf 1,0693 Dollar an. Vor der Zinsentscheidung hatte er ein Tagestief von 1,0596 Dollar erreicht.

EZB senkt Inflationsprognose

Die Preise in der Euro-Zone werden der EZB zufolge langsamer steigen als bislang angenommen. Die Experten der Notenbank senkten am Donnerstag ihre Prognose für die Teuerungsrate 2016 von 1,1 auf 1,0 Prozent und für 2017 von 1,7 auf 1,6 Prozent. Für das zu Ende gehende Jahr wird weiter ein Mini-Plus von 0,1 Prozent erwartet.

Die EZB strebt aber eine Inflationsrate von knapp unter 2 Prozent an. Um dieses Ziel mittelfristig zu erreichen, pumpt sie noch länger billiges Geld in die Wirtschaft.

Trotz der Geldflut ist die Gefahr einer Deflation - eines Preisverfalls auf breiter Front - noch nicht gebannt. Im November lag die Teuerung vor allem wegen der anhaltend niedrigen Energiepreise nur bei 0,1 Prozent. "Gegen Jahresende dürften die Verbraucherpreise anziehen", sagte EZB-Präsident Mario Draghi.

Ihre Konjunkturerwartungen hoben die Notenbank-Experten leicht an. Für das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr erwarten sie ein Wachstum von 1,5 (bisher 1,4) Prozent. Für nächstes Jahr stellten sie ein Plus von unverändert 1,7 Prozent in Aussicht, für 2017 von 1,9 (1,8) Prozent.

Warum legt Draghi nach?

Trotz Nullzinsen, Strafzinsen, milliardenschwerer Kaufprogramme und einer Flut billiger Notkredite ist die Inflation im Euroraum bisher meilenweit vom EZB-Ziel entfernt. Die Notenbank strebt mittelfristig eine Rate von knapp unter 2,0 Prozent an. Im November verharrte die Jahresteuerung gerade einmal bei 0,1 Prozent. Dauerhaft niedrige Preise könnten Firmen und Verbraucher verleiten, Investitionen aufzuschieben - in der Hoffnung auf weiter sinkende Preise. Das könnte die Konjunktur ausbremsen. Das viele billige Geld soll die Inflation wieder in Richtung der Zwei-Prozent-Marke treiben.

Von 60 auf 80 Milliarden Euro? Was die EZB hätte tun können

Was hätte die EZB tun können?

Diskutiert wurde zuvor über eine Ausweitung des Billionen-Programms zum Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren ("Quantitative Easing"/QE). Seit März pumpt die EZB auf diesem Weg monatlich 60 Milliarden Euro in den Markt. Laufen sollen die Käufe nach bisherigen Plänen bis mindestens September 2016. Das Programm könnte aber "in Umfang, Zusammensetzung und Dauer" angepasst werden, hatte Draghi mehrfach bekräftigt. Die EZB könnte so lange in großem Stil Wertpapiere kaufen, bis ihr Inflationsziel erreicht ist. Oder die Währungshüter nehmen pro Monat noch mehr Geld in die Hand, um Banken Anleihen abzukaufen. Möglich erschien auch, dass die EZB zusätzlich Anleihen von Bundesländern oder Unternehmen kauft.

Weitere Möglichkeiten

Die Entscheidung der EZB, Banken höhere Strafzinsen für Geld aufbrummen, war bereits erwartet worden. Konkret geht es um das Geld, das Banken über Nacht bei der Notenbank parken. Sinkt der Einlagenzins von zuvor minus 0,2 Prozent weiter, könnte das Geschäftsbanken dazu bewegen, mehr Kredite zu vergeben, statt überschüssige Liquidität bei der EZB zu bunkern. So die Theorie.

Bringen die Geldspritzen der EZB etwas?

Bringen die Maßnahmen der EZB etwas?

Gerade in Deutschland ist die ultra-lockere Geldpolitik umstritten, es gibt massive Zweifel an der Wirksamkeit weiterer Maßnahmen. "Konjunkturell wäre kein nennenswert positiver Effekt zu erwarten", meint Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Die Wirtschaft im Euroraum brauche keine zusätzliche Unterstützung durch die Geldpolitik. Auch bezweifelt wird, dass höhere Strafzinsen Banken zu mehr Krediten bewegen würden. DZ-Bank-Analyst Christian Reicherter verweist auf Erfahrungen aus der Schweiz: Dort geben Banken diese Zusatzkosten über höhere Hypothekenzinsen an Kunden weiter. Kredite würden teurer.

Ist die Geldflut ein Risiko?

Ist die Geldflut am Ende sogar ein Risiko?

Die Bundesbank warnt vor Risiken für die Finanzstabilität infolge der Geldflut: "Je länger niedrige Zinsen andauern, umso mehr bestehen für die Marktteilnehmer Anreize, erhöhte Risiken einzugehen." Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud ist überzeugt: "Die Kosten dieser Geldpolitik sind weitaus größer als der vermeintlich Nutzen." Statt in Kredite fließe das billige Geld zum Großteil in Aktien und Immobilien: "Natürlich führt das zu Preisblasen." Die Wirtschaftsweisen warnen zudem: "Die Staatsanleihekäufe setzen den Regierungen der Mitgliedstaaten falsche Anreize."

Was hält die Bundesbank von Draghis Kurs?

Stehen Europas Währungshüter geschlossen hinter Draghis Kurs?

Widerstand kommt vor allem aus Deutschland. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann fürchtet, dass Regierungen sich an niedrige Zinsen gewöhnen und Reformen verschleppen könnten: "Je länger die extrem lockere Geldpolitik andauert, umso weniger wirkt sie und umso mehr Risiken und Nebenwirkungen kommen ins Spiel." Sabine Lautenschläger, ehemals Bundesbank-Vize und nun im EZB-Direktorium, sagt, das billige Geld kaufe Zeit, behebe aber nicht die Ursachen. Wie bei Arzneimitteln könne "überzogene Anwendung ... dazu führen, dass der Patient sich gesund fühlt und nicht mehr an den Ursachen der Krankheit arbeitet".

Was heißt das eigentlich alles für die Verbraucher?

Das Zinsniveau im Euroraum bleibt absehbar extrem niedrig. Das ist schlecht für Sparer, die in Deutschland traditionell vor allem auf Tagesgeld, Festgeld und Sparbuch setzen. Auf der anderen Seite sind Baukredite historisch günstig, auch wenn die Hypothekenzinsen im Frühjahr sogar noch günstiger waren als derzeit. Die EZB-Geldflut hat auch noch einen anderen Effekt: Der Euro verliert gegenüber dem Dollar an Wert. Das bekommen alle zu spüren, die in die USA reisen. Auch Urlaube in der Schweiz oder Reisen in Nicht-Euroländer wie Großbritannien werden tendenziell teurer.

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Von Harald Schmidt und Jörn Bender, dpa