Sonntag, 26. Mai 2019

Warum der Anlagevorsprung wächst England 3, Deutschland 0

London und seine Canary Wharf: Die Stadt ist die europäische Finanzhauptstadt - kein Wunder also, wenn die Briten aktienaffiner sind als die Deutschen
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London und seine Canary Wharf: Die Stadt ist die europäische Finanzhauptstadt - kein Wunder also, wenn die Briten aktienaffiner sind als die Deutschen

Was im Fußball undenkbar wäre, ist in Sachen Geldanlage längst triste Realität - England liegt vorn, nahezu uneinholbar. Und die Politik schaut zu. Deutschland hat nur noch eine Chance. Doch es sieht so aus, als würde das Land auch die vertändeln.

Achim Küssner könnte sich entspannt zurücklehnen. Er könnte sich das Revers seines blauen Sakkos streichen, könnte aus dem Fenster blicken, auf Frankfurts Silhouette. Doch er tut es nicht. Denn der Mann hat gewissermaßen eine Mission. Aktienfonds für Deutschland. Eine Mission, die ähnlich anspruchsvoll sein dürfte wie die, aus Englands Nationalmannschaft einen erfolgreichen Titelaspiranten zu schmieden. Vermutlich anspruchsvoller. Die Politik lässt ihn damit allein.

Küssners Aufgabe ist es, Geldanlageprodukte zu verkaufen. Dazu reist er oft in die Unternehmenszentrale in London. Auf seiner Visitenkarte steht "Geschäftsführer Deutschland Schroder Investment Management". Man könnte also sagen, Küssner hätte einiges zu erzählen. Und man könnte sagen, er kenne die deutsche und die britische Kultur in Sachen Geld ziemlich gut. Doch während diese Kultur in England durchaus für Zufriedenheit sorgt, ist sie in Deutschland nicht ganz so ausgeprägt. Man könne kritisieren, sagt er auf Nachfrage von manager magazin online, "dass sich zu wenig Anleger am Kapitalmarkt und beim Produktivkapital engagieren." Eine höfliche Umschreibung für "die Deutschen investieren zu wenig in Aktien".

Während Aktienfonds sich in England gut verkaufen, hinkt Deutschland hinterher. Freilich, in Finanzkreisen ist es normal, über das Anlageland Deutschland zu stöhnen. Auch wenn es nicht erschreckend schlecht läuft. Aber eben auch längst nicht so gut, wie es könnte. "Vergleicht man die zugänglichen Zahlen, die die Fondsverbände - etwa die European Fund and Asset Management Association - bereitstellen, liegt die Aktienquote in Deutschland bei 51 Prozent", sagt Küssner. "Damit sind die Deutschen gar nicht mehr so weit von den Ländern entfernt, die für ihre ausgeprägte Aktienkultur bekannt sind. In Großbritannien etwa liegt die Quote bei 62 Prozent, in Schweden bei 67 Prozent. Andere Länder wie beispielsweise Frankreich mit 28 Prozent oder die Niederlande mit 42 Prozent haben deutlich mehr Nachholbedarf beim Thema Aktien."

Die Einschätzung des deutschen Aktieninstitut (DAI) liest sich düsterer. Die Zahl der Aktionäre halte sich konstant, wohl aber sinke die Zahl der Fondseigner "alarmierend". In England dagegen kaufen die Leute weiter Fonds, auch jene, die auf Aktien setzen. Legt man die Legg Mason Global Investment Survey zugrunde, lag die die Aktienquote in England in der Summe und im Schnitt bei 31 Prozent, in Deutschland bei 19 Prozent. Bei Anleihen dagegen lagen die Deutschen mit 18 Prozent gegenüber 15 Prozent vorn.

Es sind vermutlich drei Aspekte, die den britischen Vorsprung erklären.

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