Donnerstag, 14. November 2019

Globale Klimaziele Warum Ölriesen wie Saudi Aramco hohe Abschreibungen drohen

Rauchende Schlote: Zu Beginn der Industrialisierung galten sie einst Symbol für Wachstum und Wohlstand. Doch die Weichen für eine Welt ohne fossile Brennstoffe sind gestellt. Investoren sollten das berücksichtigen

Die Welt macht mit der globalen Energiewende Ernst. Auch wenn wir das Zwei-Grad-Klimaziel nicht erreichen werden: Die eingeschlagene globale Strategie wird zu einer starken Reduktion von CO2-Emissionen führen. Um dieses Ziel zu erreichen, wird die Weltgemeinschaft CO2 mittelfristig verteuern, damit weniger fossile Brennstoffe verbrannt werden und der technologische Fortschritt beschleunigt wird. Es gilt alternative Energiequellen zu erschließen und den konventionellen Verbrauch durch Ressourceneffizienz zu senken.

Werner Hedrich
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    Werner Hedrich leitet die Vermögens-verwaltung Globalance Invest in München. Zuvor war er 14 Jahre CEO und Head of Research bei Morningstar für Deutschland und Österreich. Das Ziel von Globalance Invest ist, Geld in Unternehmen anzulegen, die die Welt weiterbringen und Lösungen für die großen Herausforderungen bereitstellen.

Wenn Anleger dieser Prämisse zustimmen, sollten sie sich fragen, ob die Geschäftsmodelle der globalen Kohle-, Öl- und Gaskonzerne nicht vor einem epochalen Umbruch stehen. Es könnte sehr riskant sein, weiterhin auf die hohen Erträge und konstanten Dividendenzahlungen der Energiekonzerne zu setzen. Das Gewicht von reinen Energietiteln im weltweiten Aktienindex beträgt ungefähr sechs Prozent. Das bedeutet: Von 100 Euro werden sechs Euro direkt in Energieaktien angelegt.

Angesichts der wenig aussichtsreichen Ertragsaussichten ist das ziemlich viel. Investoren sollten sich fragen, welche Geschäftsmodelle zukunftsorientiert von alternativen Energiekonzepten, einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft und Energieeffizienz profitieren. Der größte Ölkonzern der Welt, Saudi Aramco, will im Dezember an die Börse gehen. Anleger sollten sich fragen, ob sie die hohe Bewertung des Energieriesen zu zahlen bereit sind - zumal auch Saudi Aramco selbst das Ziel ausgegeben hat, einen großen Teil der Erlöse aus dem Börsengang in Geschäftsfelder abseits der fossilen Energien zu stecken.

Sprengstoff in den Bilanzen

Wenn die Welt bis ins Jahr 2050 rund 565 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre bläst, könnten wir mit diesem "CO2-Budget" noch unterhalb des Zwei-Grad-Ziels bleiben, hat die Carbon-Tracker-Initiative vorgerechnet. In den Bilanzen der Energiekonzerne stehen aber Kohle-, Öl- und Gasreserven, die zusammen 2795 Milliarden Tonnen CO2 freisetzen würden, wenn sie verfeuert würden. Wie kommt man auf diese Reserven? Das ist eine einfache finanzanalytische Übung, weil die Energiekonzerne jedes in der Zukunft zu fördernden Barrel Öl in ihre Bilanzen schreiben. Wirtschaftsprüfer attestieren den Unternehmen einen Bilanzwert für die Fördermengen der Zukunft.

Es ist jedoch äußerst unwahrscheinlich, die derzeit in den Bilanzen schlummernden fossilen Energiereserven jemals gänzlich gehoben und genutzt werden. Denn dann stiege die globale Erderwärmung auf Werte jenseits von vier Grad. Wir wissen alle: Das geht nicht, und wir wollen das auch nicht. Hier droht somit ein gigantisches Abschreibungspotential, also das Gegenteil von konstanten Erträgen und stabilen Dividenden.

Nachlassende Nachfrage und fallende Preise

Der Weg in eine kohlestoffärmere Wirtschaft ist alternativlos. Energiekonzerne sollten ihre Investitionen überdenken, selbst wenn sie die Förderrechte für unerschlossene Quellen schon bezahlt haben. Dies kommt am Ende immer noch günstiger als der Aufbau einer neuen Förderung, die auf eine nachlassende Nachfrage und fallende Preise trifft. Die Konzerne mit bereits erschlossenen Bohrlöcher werden nämlich mehr fördern als vorher, um durch eine größere Menge die rückläufigen Preise zu kompensieren. Dies wird den Preisdruck nochmals verstärken. Es wäre demnach betriebswirtschaftlich vorteilhaft für die Konzerne, die Rohstoffe einfach im Boden zu lassen und die Cash Flows in neue Energieprojekte statt in Ölplattformen zu investieren.

Im Technologieumfeld erneuerbarer Energien werden diese neuen Cash Flows, Erträge und Dividenden entstehen, denn selbstverständlich wird die Welt weiterhin Energie brauchen: eben nur keine, die CO2 freisetzt. Das Zeitalter der energetischen Nutzung fossiler Brennstoffe geht zu Ende.

Anleger können diesen Transformationsprozess schon heute in ihren Portfolios abbilden und damit künftige Risiken begrenzen. In den späten Siebzigerjahren kostete eine Kilowattstunde Strom aus Solartechnologie noch mehr als 80 US-Dollar. Heute produziert die amerikanische Nevada Power - eine Gesellschaft von Warren Buffett - die Kilowattstunde Solarstrom für 2,15 Cent. Der Preisverfall durch technologischen Fortschritt bei der Photovoltaik zeigt, dass die Zeit noch nie so gut war, um in die Zukunft zu investieren.

Werner Hedrich leitet die Vermögensverwaltung Globalance Invest in München und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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