Montag, 17. Juni 2019

"Die haben keine Ahnung!" Trump und EU streiten über den Euro - aber wer hat recht?

"Die haben keine Ahnung": US-Präsident Trump wettert gerne gegen die Notenbank Fed.

Ist der Euro unterbewertet? US-Präsident Donald Trump zumindest sieht es so, und es gibt tatsächlich einige Argumente, die für seine Sicht sprechen. Die EU-Kommission jedenfalls hat Trump mit seiner Kritik bereits zu einer Reaktion bewegt. Der Begriff Abwertung passe nicht, sagte Valdis Dombrovskis, der Vizepräsident der Kommission, am Mittwoch in Richtung Weißes Haus. Die Zinspolitik der Zentralbanken trage zwar zu den Kursen bei, aber: "Am Ende des Tages wird der Wechselkurs von den Marktteilnehmern bestimmt."

Trump hatte auf Twitter auf eine Mitteilung des Finanznachrichtendienstes Bloomberg reagiert, der die Frage in den Raum gestellt hatte, weshalb sich einige europäische Touristenziele vor Besuchern gar nicht retten könnten. Darauf der US-Präsident: Es liege daran, dass der Euro Börsen-Chart zeigen und andere Währungen gegenüber dem Dollar unterbewertet seien, was den USA einen großen Nachteil einbrächte ("big disadvantage"). Die Zinsen der US-Notenbank Fed seien viel zu hoch, wiederholte Trump seinen schon häufiger geäußerten Standpunkt. "Die haben keine Ahnung!"

Der Euro verlor unmittelbar nach Trumps Tweet vom Dienstag leicht an Wert, erholte sich aber rasch wieder. Am Mittwoch notierte die Gemeinschaftswährung bei 1,1322 US-Dollar. Damit hat sie innerhalb von zwölf Monaten etwa 4 Prozent gegenüber dem Greenback nachgegeben.

Hintergrund dürfte zumindest zum Teil tatsächlich die unterschiedliche Geldpolitik in den beiden Währungsräumen sein. In den USA hat die Notenbank Fed die Zinsen bereits vor geraumer Zeit in mehreren Schritten leicht erhöht, weil es die robuste Konjunktur aus Sicht der Notenbanker erforderlich machte. Weil die Wirtschaftsdaten in den Vereinigten Staaten inzwischen nicht mehr ganz so gut aussehen, ist die Fed jedoch wieder von diesem Zinssteigerungskurs abgewichen. Gegenwärtig wird an den Finanzmärkten mit bis zu zwei US-Zinsschritten noch im laufenden Jahr gerechnet, und zwar nach unten.

In der Euro-Zone dagegen hält die Europäische Zentralbank (EZB) seit Jahren an ihrer extremen Niedrigzinspolitik fest. Erst vor wenigen Tagen gab die EZB zu erkennen, dass sich daran vorläufig auch nichts ändern wird. Im Gegenteil: Mit einer ersten Zinserhöhung im Euro-Raum ist nun erst im Jahr 2020 zu rechnen.

Kaum verwunderlich also, dass sich der Dollar stärker zeigt als der Euro, schließlich lockt der US-Währungsraum mit höheren Zinsen tendenziell mehr internationales Kapital an. Die Frage, ob die Währungen fair bewertet sind, oder ob es sich womöglich tatsächlich um eine Unterbewertung des Euro handelt, ist damit aber noch nicht beantwortet.

Einen Hinweis gibt die OECD, die Währungen nach einem Kaufkraft-Paritäten-Modell beurteilt. Demzufolge, so berichtet Bloomberg, kommt auch die OECD gegenwärtig zu dem Schluss, dass der Euro etwa 22 Prozent unterbewertet sei. Zudem verweist der Nachrichtendienst auf den sogenannten Big-Mac-Index, mit dessen Hilfe ebenfalls die Bewertung von Währungen miteinander verglichen werden kann. Auch diese Kalkulation führe dazu, dass die Gemeinschaftswährung momentan zu günstig sei, so Bloomberg, und zwar um etwa 15 Prozent.

"Der Euro ist gemessen an den meisten Maßstäben definitiv unterbewertet", zitiert der Nachrichtendienst zudem einen Währungsstrategen von Société Générale. "Ein dauerhafter Leistungsbilanzüberschuss bei sinkender Arbeitslosigkeit macht es schwer, dagegen zu argumentieren."

Ein prominenter deutscher Volkswirt tut es dennoch: Ebenfalls auf Twitter schaltete sich am Mittwoch Marcel Fratzscher in die Debatte ein, Wirtschaftsprofessor der Berliner Humboldt Universität und Chef des dortigen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Trump sei keineswegs im Recht, so Fratzscher. Denn der Euro befinde sich angesichts der gegenwärtig schwachen Konjunktur sowie höherer Risiken vollkommen zu recht unter seinem langfristig fairen Wert.

Fazit: Wie immer bei Diskussionen über Wechselkurse gibt es auch in diesem Fall für beinahe jeden möglichen Standpunkt gute Argumente. Zu komplex erscheint das Währungsgeschäft, und zu wenig durchschaubar die Gründe, die wirklich zu den Bewegungen am Devisenmarkt führen.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Klar ist im vorliegenden Fall wohl nur eins: Mit seinem Tweet zur angeblichen Unterbewertung des Euro wollte US-Präsident Trump vermutlich vor allem einmal mehr Kritik an der US-Notenbank Fed üben. Deren Zinssteigerungen der vergangenen Jahre sind dem Präsidenten bereits seit Langem ein Dorn im Auge. Der starke Dollar, den Trump auf die höheren US-Zinsen zurückführt, verteuert US-Exporte und macht damit vielen amerikanischen Unternehmen das Leben schwerer. Gleichzeitig werden Importe für Amerikaner günstiger, was ebenfalls US-Firmen, die ihre Produkte im eigenen Land verkaufen wollen, schadet.

Aus Sicht des US-Präsidenten sind all dies Ärgernisse. Denn sein Großprojekt, die US-Wirtschaft zu stärken, wird dadurch in seinen Augen behindert.

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