Montag, 18. November 2019

Wie ein digitales Geldsystem funktionieren kann Leben ohne Bargeld - mit Zentralbankkonten für jeden

Papiergeld auf Abschiedstour: Banknoten der schwedischen Währung Krone

Schweden. Immer wieder höre ich begeisterte und erstaunte Erzählungen, dass man in diesem Land die kleinsten Beträge mit Karte bezahlen kann. In der Tat ist Schweden eines der Länder mit der niedrigsten Cashquote. Bargeld ist ja auch unpraktisch: das fehlende Kleingeld, über das sich der Verkäufer beklagt ("haben Sie es nicht passend?"), das von der Barschaft ausgebeulte Portemonnaie und das vollkommen unwirtschaftliche System der Geldtransporte.

Die Kehrseite der Medaille: Viele Geschäfte in Schweden akzeptieren schlichtweg keine Münzen und Scheine mehr - aus Kostengründen. Für die Zentralbank ist das ein Problem. Immerhin ist die schwedische Krone gesetzliches Zahlungsmittel und muss als solches auch überall akzeptiert werden.

Cyrus de la Rubia
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    Hamburg Commercial Bank
    Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank in Hamburg, wo er globale Trends an den Währungs- und Zinsmärkten analysiert. Außerdem ist er Dozent an der Frankfurt School of Finance und Management, in der wirtschaftspolitischen Beratung tätig und Autor des Buches "Unser Geld in der Krise".

Manche Bürger ohne Bankkonto fühlen sich durch die Entwicklung gar vom wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen. Eine andere von den meisten Schweden offensichtlich ignorierte Gefahr einer bargeldlosen Gesellschaft ist die Abhängigkeit vom privaten Bankensektor, in die sich die Bürger begeben.

Der Grund: Bargeld ist die einzige Form von Zentralbankgeld, die normale Bürger halten dürfen. Das Geld auf dem Girokonto ist dagegen Buchgeld, auf das der Zugriff verloren geht, wenn die Bank pleite geht. Die griechischen Bürger haben diesen Unterschied zwischen Bargeld und Buchgeld schmerzhaft erfahren müssen, als 2015 Bankabhebungen massiv eingeschränkt wurden, um den vollständigen Zusammenbruch des Bankensektors zu verhindern.

Schweden weist den Weg

Die schwedische Riksbank erwägt daher eine Alternative zum Bargeld: ein digitales Zentralbankgeld, e-Krone genannt. Die Funktionsweise ist einfach: Jeder Bürger erhält ein Zentralbankkonto mit der e-Krone, von dem aus Überweisungen auf Zentralbankkonten anderer Bürger geleistet werden können. Mit diesen Überlegungen ist Schweden nicht allein. Laut einer aktuellen Umfrage der Bank für Internationale Zusammenarbeit (BIZ) forschen 70 Prozent der befragten Notenbanken über digitales Zentralbankgeld, im Fachjargon Central Bank Digital Currency, kurz CBDC, genannt.

Eine Idee mit Zukunft? Ja, denn es gibt neben dem Schwedenproblem zahlreiche andere Gründe, warum man CBDC einführen sollte.

1. Ein immer größerer Teil des ökonomischen Lebens findet im Internet statt. Unternehmen wie Amazon und Ebay haben Plattformen geschaffen, durch die Käufer und Verkäufer direkt miteinander handeln und der Umweg über zahlreiche Zwischenhändler vermieden wird. Die Folge ist eine Intensivierung des Wettbewerbs auf den Gütermärkten, der den Konsumenten zugute kommt. Im monetären Sektor fehlt dieses Element. Bei jeder Transaktion sind üblicherweise mehrere Finanzinstitute mit privilegiertem Zugang zu Zentralbankgeld involviert. Digitales Zentralbankgeld für jedermann würde diese Lücke schließen und direkte Zahlungen vom Käufer zum Verkäufer erlauben - denn beide hätten ein eigenes Zentralbankkonto. Für Konsumenten und Unternehmen ergeben sich dadurch große Kostenersparnisse.

2. Zentralbanken müssen aufpassen, dass sie gegenüber Kryptowährungen wie Bitcoin nicht ins Hintertreffen geraten. Diese vor zehn Jahren aus der Taufe gehobene Blockchain-basierte Währung erlaubt genau die direkte Zahlung über das Internet, die mit dem heutigen Geldsystem nicht möglich ist. Natürlich stecken Kryptowährungen im Allgemeinen noch in den Kinderschuhen, aber machen wir uns nichts vor: Das Tempo technologischen Wandels ist manchmal rasend und kaum vorhersehbar. Insofern tun Notenbanken gut daran, sich des Themas anzunehmen.

3. Zahlungssysteme sind hochgradig komplex. Das ist auch einer der Gründe, warum bislang praktisch nur Geschäftsbanken über Zentralbankkonten verfügen. Nach Aussagen mehrerer Zentralbanken ist es heute - anders als vor beispielsweise 20 Jahren - technisch möglich, alle Bürger mit einem Zentralbankkonto auszustatten und den darauf laufenden Zahlungsverkehr abzuwickeln. Warum also nicht das Experiment wagen?

Banken verlieren an Bedeutung

Kritiker wenden unter anderem ein, dass Bank Runs unter diesen Umständen sehr viel wahrscheinlicher werden. Sparer könnten mit einem Mausklick ihr Girokonto abräumen und das Geld auf ihr Zentralbankkonto überweisen. Jedes böse Gerücht würde ausreichen, um eine Bank in den Ruin zu treiben und eine Bankenkrise auszulösen. Weiter wird der Verlust an Einnahmequellen moniert (wenn etwa der Zahlungsverkehr hauptsächlich unter Umgehung des Bankensektors stattfände) sowie die Verteuerung der Refinanzierung über Einlagen, was den Bankensektor schwächen und destabilisieren würde.

Aber sind das stichhaltige Kritikpunkte? Die Argumentation geht davon aus, dass der Bankensektor eine zentrale Stellung in einer Volkswirtschaft einnimmt, so wie es in den vergangenen 150 Jahren der Fall war. Was aber wäre, wenn das nicht mehr stimmt? Wenn das Zahlungssystem eines Landes, das als Lebensader für eine Marktwirtschaft angesehen wird, gar nicht auf Banken angewiesen ist (weil die Zahlungen bei einem CBDC-System ebenso gut über die Zentralbankkonten abgewickelt werden)? Ist dann die Insolvenz einer Bank nicht grundsätzlich von ähnlicher Qualität wie die Pleite eines großen Mittelständlers? Vermutlich ja. Anders ausgedrückt: Die Banken würden ihre Sonderstellung als Garanten eines stabilen Zahlungssystems verlieren, womit die Notwendigkeit sinken würde, dass der Staat Großbanken in Krisenzeiten retten muss.

Deutschland kann sich nicht entziehen

Das heißt aber keineswegs, dass Banken überflüssig werden. Beispiel Kreditgeschäft: In der Bonitätsanalyse haben Banken auch in Zukunft einen komparativen Vorteil, den sie auch weiterhin ausspielen können. Als allein stabilisierender Faktor des bestehenden Geld- und Zahlungssystems werden sie allerdings nicht mehr zwingend gebraucht.

Der Trend abnehmender Bargeldnutzung ist im Übrigen kein auf Schweden beschränktes Phänomen, sondern vielmehr global zu beobachten. Schweden ist überall. Selbst Deutschland mit seiner typischen Liebe zum Bargeld wird sich dieser Entwicklung nicht entziehen können. Wir müssen daher zusammen mit den anderen Euroländern über ein moderneres Geldsystem nachdenken und entsprechende Vorbereitungen treffen.

Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank in Hamburg und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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