Warum sich Sparen auch jetzt noch lohnt Die Niedrigzins-Lüge

Mit seiner expansiven Geldpolitik ist EZB-Präsident Draghi zum Feindbild der Kreditinstitute geworden. Von "Enteignung der Sparer" ist die Rede. Thesen wie "Sparen lohnt sich nicht" kursieren. All das ist unsinnig. Wer spart, hat im Ergebnis mehr Vermögen als jeder Nicht-Sparer. Wer richtig anlegt, kann das Vermögen auch heute mehren - fast wie früher.
Von Markus Schön
Kann man EZB-Präsident Mario Draghi dafür verantwortlich machen, wenn die Deutschen ihr Geld nicht richtig anlegen?

Kann man EZB-Präsident Mario Draghi dafür verantwortlich machen, wenn die Deutschen ihr Geld nicht richtig anlegen?

Foto: © Ralph Orlowski / Reuters/ REUTERS
Markus Schön
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Markus Schön ist Vermögensverwalter und Geschäftsführer der Schön & Co GmbH . Er hat mehrere Bücher geschrieben und 2007 die gemeinnützige Giving Tree Stiftung gegründet, die benachteiligte Kinder und Jugendliche unterstützt.

Die Behauptung, alle Zinsen seien niedrig, wird nur allzu gern unkritisch übernommen. Dabei gibt es " das Zinsniveau" aus Anlegersicht gar nicht. Dazu sind die Anlagemöglichkeiten zu vielfältig. Und unrichtige Aussagen werden auch durch permanentes Wiederholen nicht richtiger.

Tatsächlich sind nicht alle Zinsen niedrig, nur die im öffentlichen Fokus stehenden Anlagen weisen seit Jahren rückläufige Renditen auf. Wer allerdings vor drei Jahren in eine damals zehn Jahre laufende deutsche Bundesanleihe mit einem Zinssatz von 1,5 Prozent investierte, konnte dank der zwischenzeitlichen Kursgewinne eine jährliche Rendite von mehr als 5 Prozent erzielen. Niedrigzinsen?

Um das Potenzial von Kursgewinnen bringen sich Anleger in der Regel selbst, da sie in leider etablierte Klassiker wie etwa Sparkassenbriefe mit zehn Jahren Laufzeit investieren, die keine offensichtlichen Kursschwankungen zeigen. Bei solchen Anlagen ist eine vorzeitige Rückzahlung nicht möglich. Deswegen gibt es keinen Marktpreis.

Aus vermeintlicher Kulanz erklären sich Banken und Sparkassen immer gern zur vorzeitigen Rücknahme einer solchen Anlage bereit, wenn die Zinsen gefallen sind. Auf diese Weise können sie sich auf niedrigerem Niveau günstiger refinanzieren. Solche Angebote sind in Wahrheit immer nur ein Geschäft für die Bank.

Zinsen von 3 Prozent und mehr sind möglich

Tagesgeld, Festgeld oder langlaufende Sparverträge sind für Kreditinstitute nichts anderes als Refinanzierungsinstrumente. Sie nutzen das Geld, das Anleger ihnen im Vertrauen auf eine jährliche Zinszahlung und Rückzahlung bei Vertragsende anvertrauen, zur Kreditvergabe, für höher rentierliche Anlagen bei anderen Kreditinstituten oder zur Anlage am Kapitalmarkt. So profitieren Banken und Sparkassen von Chancen auf Kursgewinne, die Anleger vielfach gar nicht kennen und aus Sicht von Kreditinstituten am besten auch nie kennenlernen.

Im September 2015, als schon viele über das Ende des Zinses spekulierten, gab es ausgelöst durch den sogenannten Abgas-Skandal bei Volkswagen  zwei heftige Marktreaktionen: Die VW-Aktie verzeichnete massive Verluste. Gleichzeitig stiegen die Renditen für VW-Anleihen teilweise sprunghaft an. Dies bot Anlegern große Chancen - insbesondere solchen, die genug Zeit hatten, eine Anleihe bis zur Endfälligkeit zu halten. Auf fünf Jahre laufende Bonds konnte man sich Renditen von mehr als 3 Prozent sichern, selbstverständlich verbunden mit einem Bonitätsrisiko. Doch selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass Volkswagen vor dem Rückzahlungstermin der Anleihe zahlungsunfähig wird, ist das Verlustrisiko für die Besitzer von Anleihen immer noch geringer als für VW-Aktionäre. Denn Aktien sind Eigenkapital des Unternehmens, Anleihen dagegen Fremdkapital.

Sparbriefe und Tagesgeld sind ein zinsloses Risiko

Wer sein Geld in Tagesgeld oder Sparbriefe steckt, ist dagegen viel stärker am Risiko beteiligt: Nach den neuen europäischen Bail-in-Regelungen werden bei einer wirtschaftlichen Schieflage eines Kreditinstituts dessen Anleger - nach den Eigentümern - mit herangezogen. Erst danach muss der Steuerzahler einspringen. Der Anleger erhält also nur eine vermeintliche Sicherheit - und das auch noch ohne Zinsen. Dies wird öffentlich viel zu wenig diskutiert. Und wenn sich die Behauptung durchsetzt, es gäbe ohnehin keine Zinsen, wird es erst recht nicht hinterfragt. Wenn man aber die Wahl hat, sein Geld einem Konzern mit 600.000 Beschäftigten und 200 Milliarden Euro Umsatz für eine Verzinsung von 3 Prozent anzuvertrauen oder es einem Kreditinstitut faktisch umsonst zur Verfügung zu stellen, sollte die Entscheidung nicht so schwierig sein.

Das Märchen vom Niedrigzinsumfeld

Die eigentliche Katastrophe ist die fehlende Information der Anleger, ihnen werden die Alternativen schlicht nicht aufgezeigt. Wer die Wahl hat zwischen 0,1 Prozent Zinsen für Tagesgeld oder 0,2 Prozent für zehn Jahre laufende deutsche Staatsanleihen, glaubt das Märchen vom Niedrigzinsumfeld. Dass US-Staatsanleihen mit 10-jähriger Laufzeit seit mehr als einem Jahr zwischen 2,0 und bis 3,0 Prozent Zinsen schwanken, wissen viele Sparer schlicht nicht. Natürlich sind diese Schwankungen mit Kursrisiken verbunden, die jedoch bei Fälligkeit der Anlage unproblematisch sind - sofern die USA nicht zahlungsunfähig werden. Zu berücksichtigen ist natürlich das Währungsrisiko.

Das Ende der Bequemlichkeit

Nicht die Zinsen sind verloren gegangen, sondern die Bequemlichkeit. Man kann nicht mehr einen Bundesschatzbrief kaufen und nach sieben Jahren automatisch ein um ein Drittel höheres Vermögen haben. Ebensowenig kann man zu seiner Bank gehen, einfach die Laufzeit einer Anlage wählen und dann eine jährliche Zinszahlung von 4 Prozent erhalten.

Dieser Komfortverlust ist für Kreditinstitute übrigens die größte Bedrohung. So wenig es ein Naturgesetz ist, dass vordergründig unproduktiv angelegtes Kapital bei Kreditinstituten Zinsen rechtfertigt, so wenig ist die Funktion des Mittlers zwischen Kreditsuchenden und Kreditgebenden ausschließlich Banken und Sparkassen vorbehalten. Für große Unternehmen ist hier der Kapitalmarkt eine langjährig erprobte und erfolgreiche Alternative. Angelsächsisch geprägte Unternehmen finanzieren sich bereits viel bereitwilliger über Anleihen als deutsche Konzerne.

Natürlich ist nicht jeder Euro auf einem Tagesgeldkonto für eine Anlage in Aktien geeignet. Die behauptete Alternativlosigkeit aufgrund des Zinsniveaus ist und bleibt Unsinn! Kunden brauchen Kreditinstitute immer weniger. Nach bankenunabhängigen Vermögensverwaltern und Family Offices für die Vermögenden, Fondsplattformen für Anleger in Investmentfonds und Direktbanken entstehen nun mit den Internet-Kreditplattformen ernstzunehmende Alternativmodelle für kleinere Anlage- und Kreditbeträge.

Die Banken müssen sich bewegen, nicht Herr Draghi

Sobald hier identische regulatorische Vorschriften wie für Banken gelten und die Ausfallrisiken professionell gemanagt werden, verschärft sich das Problem der Kreditinstitute weiter: Zwar sinkt die Zinsspanne, weil es bei einem Zinsniveau von 1,0 Prozent schwieriger ist, eine Marge in gleicher Höhe durchzusetzen, die bei einem Zinsniveau von 4,0 Prozent weniger aufgefallen ist. Möglicherweise ist eine stärkere verkäuferische Leistung seitens der Kreditinstitute auch im Kreditgeschäft gefordert. Aber vor allen Dingen besteht ein Kostenproblem. Hier wollen gerade Sparkassen und genossenschaftliche Kreditinstitute ihre liebgewordenen Privilegien nicht zurückfahren. Stattdessen versuchen sie, mit neuen Gebühren und vor allem der endlos wiederholten Behauptung, es gebe ein Niedrigzinsniveau, alternative Ertragsquellen zu erschließen.

Für die Automatisierungsstrategie, die in Zukunft eine Vielzahl der Filialen entbehrlich machen wird, kann man Mario Draghi aber ebenso wenig verantwortlich machen wie für die besser informierten Kunden, die dank neuer Medien und neuer kundenorientierter Anbieter künftig stärker auf Augenhöhe mit den Verkäufern in Banken und Sparkassen agieren werden. Deswegen wird die öffentlich propagierte Verbrauchertäuschung namens Niedrigzinsphase nicht dauerhaft erfolgreich sein. Kaum ein anderer Markt ist so transparent wie der Finanzmarkt. Wer sich jetzt an die Spitze der Entwicklung setzt, wird langfristig erfolgreich sein. Dazu ist Ehrlichkeit unabdingbar: Zinsen gab es immer, gibt es immer noch und wird es auch immer geben.

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