Börsenpsychologie Die fünf größten Fehler der Geldanlage

Die Schwankungen im Dax nehmen zu: Auch im aktuellen Zitterumfeld kann man an der Börse reich werden. Aber auch arm. Wie Sie die größten Fehler der Geldanlage vermeiden.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - John Paulson ist ein reicher Mann. Allein im Jahr 2010, so das "Wall Street Journal", soll er 5 Milliarden Dollar verdient haben. Auch Erfahrung hat er reichlich, er ist seit Jahrzehnten an der Börse aktiv. Und doch ist er auch vor teuren Fehlern nicht gefeit - einer seiner Hedgefonds verlor 2011 über die Hälfte an Wert, weil er bei der Einschätzung des Zeitpunktes der US-Konjunkturerholung daneben lag. Doppelt bitter für Paulson: Mit dem Verlust sinkt auch das Vertrauen seiner Anleger. Fehler können bei der Geldanlage also teuer kommen.

Wenn selbst ein John Paulson Fehler macht; können Privatanleger überhaupt ungeschoren davonkommen? Vermutlich nicht - doch sie können die größten Stolpersteine vermeiden. Denn diese fußen vor allem auf der Psychologie. Gefühle treiben die Menschen in die Entscheidung, oftmals ohne dass sie dies überhaupt bemerkten.

"Wir sind blind gegenüber der eigenen Blindheit", sagte einer, der es wissen muss. Daniel Kahneman ist Wirtschaftspsychologe und gemeinsam mit Amos Tversky Träger des Wirtschaftsnobelpreises. "Im Allgemeinen sind wir zu zuversichtlich mit Blick auf unsere Meinungen, unsere Eindrücke und Urteil. Wir überschätzen einfach, wie kenntnisreich die Welt ist", sagte er gegenüber dem Magazin "Time".

Den Gorilla übersehen

Mit anderen Worten: Menschen irren, und viele Irrtümer wiederholen sich, weil sie zum menschlichen Verhalten gehören. Der Behaviorismus, das geistige Erbe Kahnemans, weist auf Fehler hin, die Menschen immer wieder machen. Nicht aus Mangel an Intellekt, sondern wegen der Psyche, die uns immer wieder Streiche spielt.

Ein Professor bat beispielsweise seine Studenten, die Anzahl der Pässe einer Gruppe Basketballspieler zu zählen. In der Mitte des kurzen Films lief ein Gorilla über das Spielfeld. Gesehen hatte ihn kein einziger der Studenten. Die Lehre - Fokussieren ist gut, zu starkes Fokussieren nicht. Denn das blockiert die Wahrnehmung. Und das kann an der Börse teuer sein.

Gier macht blind

Hauptsache zupacken: Für Haie eine Erfolgsstrategie, aber nicht für Anleger

Hauptsache zupacken: Für Haie eine Erfolgsstrategie, aber nicht für Anleger

Foto: Dan Kitwood/ Getty Images

Gier ist gut, pflegte Gordon Gekko zu sagen, der legendeäre Investor im Film Wall Street. Wirklich? Nein, denn Gier übertönt den gesunden Menschenverstand. Ein Anleihe, die 10 Prozent im Jahr abwerfen soll, ganz ohne Risiken? Klingt dubios, sagt der gesunde Menschenverstand, da muss ein Haken dran sein. 10 Prozent pro Jahr will ich haben, sagt die Gier. Und schon wird bei Angeboten wie zuletzt von S&K zugegriffen, bei denen nun der Totalverlust droht.

In die gleiche Kategorie fällt das, was Stephan Theuer, Vorstand der Consulting Team Vermögensverwaltung, "Verliebtheit" in Anlageentscheidungen nennt. Sie führe dazu, dass an Anlagen, die nicht richtig laufen oder in die Verlustzone abgleiten, zu lange festgehalten wird. Das Eingestehen von Fehlinvestitionen ist für den Profi schon schwierig und wird für den Privatanleger offenbar zu einer psychologischen Höchstleistung. "Das führt zu den berühmten 'Leichen' in den Depots, an denen trotzig festgehalten wird", warnt Theuer.

Angst lähmt

Angst: Sie vernebelt den Blick

Angst: Sie vernebelt den Blick

Foto: Corbis

Die Psychologie lässt Menschen zwischen Gier und Angst hin- und herpendeln. Kein Wunder also, wenn Anleger statt von Gier von Angst gepackt werden und entsprechend agieren, wenn die Kurse einmal ins Bodenlose stürzen. Zur Unzeit Verkaufen zum Beispiel - also mitten im Ausverkauf, weil man die täglichen Verluste nicht mehr erträgt.

"Angst und Gier werden auch zukünftig dem Erfolg von Privatinvestoren an der Börse im Weg stehen", sagt der Wirtschaftspsychologe Nicolaus Thiele-Dohrmann. "Einzelne Investoren können geläutert werden, die Psychologie der Masse bleibt, wie sie ist." Das Problem ist das gleiche wie bei der Gier - wie befreit man sich davon? Durch einen disziplinierten Ansatz: Zum Beispiel, indem man schon beim Kauf einer Aktie festlegt, wie viel man bereit ist zu verlieren - und daraufhin einen Verkaufskurs festlegt. An diesen Stopp-Loss-Kurs sollte man sich dann auch halten.

Alles auf eine Karte setzen

Wackelige Balance: Je stabiler (breiter verteilt) ein Portfolio ist, um so besser

Wackelige Balance: Je stabiler (breiter verteilt) ein Portfolio ist, um so besser

Foto: David Ebener/ dpa

Nicht alle Eier in einen Korb legen: Diese Erkenntnis ist inzwischen über ein halbes Jahrhundert alt. Und trotzdem wird sie immer wieder vernachlässigt. "Nur auf die Aktien eines Unternehmens zu setzen, ist zu riskant", sagt Michael Piesche von der Unikat Vermögensverwaltung. "Besser: Das Geld auf Aktien verschiedener Wirtschaftszweige verteilen. So wird das Verlustrisiko gemindert."

Die Mischung macht's. Und das gilt auch für die Geldanlage. Wer sich vorab Gedanken macht, weiß, dass die riskanten Bestandteile seines Portfolios erheblich an Wert verlieren können, die vermeintlich faden dagegen robuster dastehen. In der Summe und über die Jahre sollte diese Mischung für ausbalancierte Erträge des Porfolios sorgen.

Kaufen und halten - das reicht nicht mehr

Den Gewinnen hinterherschauen: Bequem - und gefährlich

Den Gewinnen hinterherschauen: Bequem - und gefährlich

Foto: Jan-Peter_Kasper/ picture-alliance / dpa

Abstand zur Geldanlage ist gut - aber eben nicht zu viel. Einmal im Monat, so sagte Value-Guru Joseph Lakonishok 2008 gegenüber manager magazin online, schaue er sich sein Portfolio an. Häufiger zu schauen helfe nicht, gerade in unruhigen Zeiten.

Aber eben auch nicht weniger. Denn dann fehlt es an der Gelegenheit, notfalls eingreifen zu können - und zum Beispiel Papiere zu verkaufen. Oder auch nachkaufen zu können. Mit anderen Worten: Anlegen bedeutet, auch nach dem Einstieg immer am Ball zu bleiben.

Nicht Einlullen lassen

Laaaangweilig: Geldanlegen kann eintönig sein - aber Einlullen lassen gilt nicht

Laaaangweilig: Geldanlegen kann eintönig sein - aber Einlullen lassen gilt nicht

Foto: Fredrik von Erichsen/ picture alliance / dpa

Ein gern verdrängter Stolperstein. Geld ist für die meisten Deutschen langweilig, Autos nicht. Wer ein Auto kauft, informiert sich - und das auch gern. Über Bremssysteme, über Ausstattungsvarianten und über den Verbrauch. Er kann in aller Regel PS-Zahlen oder CO2-Ausstoß herunterbeten. Und in Sachen Geld? "Ich habe da so einen Fonds", ist noch eine vergleichsweise präzise Beschreibung.

Das beobachtet auch Heiko Löschen, Geschäftsführer bei der Vermögensverwaltung Packenius, Mademann & Partner: "In der Firma werden Controller auf Kosteneinsparpotenziale von 5000 Euro oder Gewinnwachstum von 10.000 Euro gedrillt. Aber für die Anlage von 100.000 Euro wird in der Regel ein oder maximal zwei Gespräche à 5 Minuten investiert."

Für die meisten Menschen ist es mit der Geldanlage wie mit der Steuererklärung. Und das bedeutet: Wer sich drum kümmert, verdient Geld.

Mehr lesen über Verwandte Artikel