Montag, 21. Oktober 2019

Deutschlands digitale Stärken Wo wir besser sind als das Silicon Valley

Garage in Menlo Park: Hier wurde Google gegründet. Inzwischen ist im Valley alles etwas teurer

Digitale Gewinner sind jung und setzen ihre großen Ideen mithilfe von Investoren um. Weil in Deutschland niemand an ihre Ideen glaubt und ihnen niemand das nötige Startkapital gibt, gehen sie ins Silicon Valley. Denn dort ist alles besser. So lautet das gängige Klischees im Zeitalter der digitalen Disruption.

Die Wahrheit ist davon meilenweit entfernt. Denn selbst kleine Firmen aus der deutschen Provinz sind manchmal besser als Unternehmen im Silicon Valley, wie ich in meinem neuen Buch "Digitale Gewinner" beschreibe. Google Börsen-Chart zeigen, PayPal, Apple Börsen-Chart zeigen, Salesforce und LinkedIn - alles großartige Erfolgsgeschichten aus Kalifornien. Die digitale Transformation wird scheinbar südöstlich von San Francisco zwischen Palo Alto, Mountain View, Sunnyvale, Cupertino und San José gemacht. Der Großraum San Francisco, zu dem das Silicon Valley weitgehend gezählt werden kann, hat die größte "Einhorndichte" der Welt. Nirgendwo sonst finden sich so viele Start-ups in einer Region, deren Wert mehr als eine Milliarde Dollar beträgt. Das hat einen Grund: An wenigen Orten auf der Welt findet sich derartig viel Risikokapital und in kaum einer anderen Region ist die unternehmerische Risikobereitschaft so hoch.

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
    www.jens-uwe-meyer.de

Doch was heißt das für Sie, wenn Sie in Deutschland leben und arbeiten? Kann Chemnitz Cupertino schlagen? Oder Stuttgart San Francisco? Oder Minden Mountain View? Ja. Denn obwohl große Träume, die die Welt verändern, in den vergangenen Jahren häufig aus dem Silicon Valley kamen, findet die digitale Revolution überall auf der Welt statt.

Und für viele Ideen ist selbst eine deutsche Kleinstadt ein besserer Ausgangspunkt als das Silicon Valley.

Wo Unternehmen aus dem Silicon Valley keine Konkurrenz sind

Die Erfolgsgeschichte des Silicon Valley folgt einer einfachen Logik: Investoren pumpen hohe Summen in digitale Unternehmen, die die Welt verändern sollen. Das nächste Google, das nächste Facebook Börsen-Chart zeigen, das nächste Salesforce Börsen-Chart zeigen. Organisches Wachstum? Deutscher Mittelstand? Langweilig. Genau darin liegt die Chance. Sie haben eine clevere Idee für eine Lösung in Ihrer Branche? Sie möchten einen neuen digitalen Service für Ihr Unternehmen entwickeln und anderen anbieten? Oder Sie wollen Nischenprodukte durch den Einsatz von Sensorik und Apps intelligenter machen? Gehen Sie davon aus: Aus dem Silicon Valley wird keine Konkurrenz kommen.

Falls Sie also nicht zufällig planen, mit Ihrer digitalen Lösung morgen den gesamten Planeten zu dominieren und jährlich um den Faktor fünf bis zehn zu wachsen, ist Ihre Lösung ohnehin keine, die für klassische Risikokapitalinvestoren interessant ist. Die Tatsache, dass Sie in einem Unternehmen arbeiten, das seit Jahren oder Jahrzehnten treue Stammkunden hat, ist ein Vorteil - kein Nachteil. Viele junge Unternehmen - auch im Silicon Valley - scheitern, weil sie den Sprung auf den Markt nicht schaffen. Traditionelle Unternehmen haben bereits gefestigte Kundenbeziehungen, die sie für die Verwirklichung ihrer Ideen nutzen können.

Warum Deutschland einen Standortvorteil hat

Wenn Sie die Liste erfolgreicher Unternehmen aus dem Silicon Valley durchgehen, wird Ihnen eines auffallen: Die wenigsten haben etwas mit Produktion oder komplexen Maschinen zu tun. Das liegt daran, dass es im Silicon Valley keine klassischen Maschinen- und Anlagenbauer gibt. Kein Bosch, kein Siemens, keine BASF. Und auch keine innovativen mittelständischen Betriebe, die ihre Lösungen und Produkte mit Herzblut vorantreiben. Diese Art von Unternehmen finden sich an anderen Orten der USA - und natürlich findet auch dort Entwicklung statt. Doch generell gilt: Komplexe erklärungsbedürftige Lösungen für traditionelle und aus Sicht von Investoren "langweilige" Branchen sind kein Fall für das Silicon Valley.

Wenn Sie an einem Ort leben, in dem zahlreiche mittelständische Unternehmen ansässig sind, ist genau das Ihr Standortvorteil. Sie können Lösungen schnell entwickeln und schnell ausprobieren. Wenn Sie in einem dieser Unternehmen arbeiten, müssen Sie natürlich Ihre Chefs oder Chefinnen davon überzeugen. Vor allem aber müssen Sie deutlich machen, dass Sie einen echten Standortvorteil haben.

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In Deutschland ist Scheitern preiswerter

Eine der großen Standortnachteile des Silicon Valley sind die hohen Preise. Zwei Entwickler, ein Geschäftsführer, eine Person fürs Marketing und ein Büro - weg ist die erste Million. In San Francisco sind die Mieten in den vergangenen Jahren ins Uferlose gestiegen, selbst kleine Appartements sind unter dreitausend Dollar im Monat nicht mehr zu bekommen. Entsprechend hoch sind die Gehälter. Für einen Programmierer auf dem Niveau eines Anfängers müssen Sie 150.000 Dollar im Jahr aufwärts kalkulieren - wenn Sie diese Person überhaupt bekommen. Die meisten klugen Köpfe werden sofort von den großen Technologieunternehmen eingestellt. Deutschland hingegen hat eine Vielzahl von Förderprogrammen, die einen Start einfach machen. Wenn Sie also etwas entwickeln und ausprobieren möchten, können Dortmund, Karlsruhe oder Cottbus sogar bessere Standorte sein als die Städte im Silicon Valley.

Egal, in welcher Branche Sie sich bewegen, egal was Sie tun: Mit innovativen Ideen können Sie immer erfolgreich werden. Und zwar ohne ins Silicon Valley zu gehen. Gerade digitale Lösungen, die ein "normales" mittelständisches Wachstum versprechen und die eher komplex und erklärungsbedürftig sind, lassen sich in Deutschland deutlich besser und preiswerter entwickeln als im Silicon Valley.


Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder. Meyers neues Buch "Digitale Gewinner" ist jetzt erhältlich.

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