Beschaffung Logistik für Weltverbesserer

Wie wird die Wertschöpfungskette der Zukunft aussehen? Die KPMG-Berater Sven Marlinghaus und Christian Rast haben in einem Buch prominente Standpunkte dazu gesammelt. Lieferanten im Preis zu drücken, wird nicht mehr reichen - der Hebel für Einsparungen liegt anderswo.
Von Cornelia Knust
Vernetzte Wertschöpfung: Textilfabrik in Huaibei in Nord-China

Vernetzte Wertschöpfung: Textilfabrik in Huaibei in Nord-China

Foto: AFP

mm: Herr Marlinghaus, Sie sagen, die Deutschen müssten vom Exportweltmeister zum Globalisierungsweltmeister werden. Aber lokale Produktion in den Exportmärkten ist doch beispielsweise für Autozulieferer schon lange täglich Brot.

Marlinghaus: Das stimmt, aber es reicht nicht. Nehmen Sie zum Beispiel einen mittelständischen Autozulieferer mit 2 Milliarden Euro Umsatz, der natürlich mit seinem Kunden, dem Autohersteller, in ein Schwellenland mitgeht. Doch seine eigenen Zulieferer sind vielleicht zu klein oder sehen aufgrund ihrer großen Marktmacht keine Notwendigkeit, ebenfalls ins Ausland zu gehen. Also muss der Zulieferer vieles hier in Europa kaufen, montieren und quer durch die Welt schippern.

mm: Das ist sehr aufwändig.

Marlinghaus: Genau. Daher braucht er Strukturen vor Ort, er muss seine Prozesse transportieren und lokale Mitarbeiter finden, die diese Prozesse kontrollieren und im Kontakt mit den Entwicklungsingenieuren in der Zentrale die richtigen Fragen stellen.

mm: Vertragstreue Chinesen mit technischem Verständnis verzweifelt gesucht - auch das klingt nicht gerade neu. Welche Erkenntnisse liefert Ihr Buch genau?

Marlinghaus: Neu ist, sich die Welt in fünf Jahren schonungslos anzusehen: die wachsende Volatilität auf Rohstoff- und Finanzmärkten, die abnehmende Halbwertzeit von Innovationen, die zunehmend kritischen Verbraucher, den rasanten Umbruch von Geschäftsmodellen. Daraus gilt es, radikale Schlüsse zu ziehen. Etwa für die Produktentwicklung, in der 80 Prozent der Beschaffungskosten determiniert werden. Oder für die Schulung der Mitarbeiter im Einkauf; da muss ein weltweit gleicher Wissensstand garantiert werden.

mm: Wozu der hohe Aufwand in diesem Bereich? Die Sparte Einkauf ist in einem Unternehmen nur ein Bereich von vielen?

Rast: Wir wissen einfach, dass der Hebel für Kosteneinsparungen im Einkauf viel größer ist als bei den Personalkosten. Das gilt für alle Industrien. Doch wird die Manager-Ausbildung dem bisher nicht gerecht. Für Beschaffung gibt es nur eine Handvoll guter Lehrstühle in Deutschland, für Marketing unzählige. Wir versuchen, das in den Unternehmen mit einem eigenen Trainer-Netzwerk zu ändern.

mm: Sie widmen in Ihrem Buch der Digitalisierung breiten Raum: Beschaffung über Crowdsourcing oder das intelligente Teilen von Kapazitäten mit Wettbewerbern. Bedeutet das nicht totalen Kontrollverlust? Kann ein Unternehmer da überhaupt noch ein Qualitätsversprechen abgeben?

Rast: Die Frage ist nicht, ob er kann: Er muss. Es gilt, diese vernetzte Wertschöpfung in jedem Moment zu beherrschen, auch wenn das erst einmal sehr aufwändig ist: totale Transparenz der Daten und genaue Spielregeln für jeden Prozess an jedem Ort der Welt. Aber mit Rückstellungen aus Drohverlusten macht man sich schließlich den Profit erst recht kaputt.

Der Zulieferer darf kein Risikopuffer mehr sein

mm: Der Preis für die globalisierte Wertschöpfung sind einstürzende Textilfabriken in fremden Ländern oder giftige Lederfarben in weit entfernten Flüssen. Ist das hinnehmbar?

Marlinghaus: Der Endverbraucher nimmt es immer weniger hin. Deshalb darf der Unternehmer nicht mehr den Fehler machen, seinen direkten Zulieferer als Risikopuffer zu missbrauchen, der die dahinter liegende Wertschöpfungskette zu verantworten hat. Die Governance in der gesamten Supply Chain ist machbar, weil immer mehr Daten in der Welt unterwegs sind. Und sie wird auch zwingend, weil es immer mehr gesetzliche Vorgaben dazu gibt: wie beispielsweise in den USA die Regelung der Kapitalmarktaufsicht SEC, dass börsennotierte Unternehmen keine Mineralien aus Konfliktgebieten kaufen dürfen. Wenn Sie da als Zulieferer ins Geschäft kommen wollen, müssen sie die Transparenz herstellen. Punkt.

mm: Die langen Transportwege bleiben trotzdem. Und die damit verbundene Umweltverschmutzung wird auf keiner Rechnung beglichen.

Rast: Die extrem weiten Transportwege werden sich relativieren, schon weil sich die Personalkosten in den Beschaffungsländern immer weiter angleichen und es in Hochlohnländern weitere Produktivitätsfortschritte gibt. Oder denken Sie an die neuen 3-D-Drucker. Aber auch die Internalisierung externer Kosten ist ja über handelbare Zertifikate durchaus machbar. Nur braucht es eben fungible Märkte dafür, die Knappheiten gut abbilden. Das hat bei den CO2-Zertifikaten leider bisher nicht funktioniert.

Marlinghaus: Ich denke, auch beim Endverbraucher wird die Bereitschaft wachsen, für "grüne Beschaffung" zu bezahlen. Jeder versteht, dass man den Planeten nicht immer weiter ausbeuten kann. Exogene Schocks machen die Verletzlichkeit unserer Welt greifbar. Das wird ein Hygienefaktor werden. Der Unternehmer wird lernen müssen, wenn ich mich heute nicht darum kümmere, bin ich morgen nicht mehr im Geschäft.

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